„Le Cercle Fermé“ – Spielerischer Ernst

„Le Cercle Fermé“ – Spielerischer Ernst
(Tageblatt/François Besch)

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Hunderte der besten Künstler stellen im Rahmen der 54. Kunstbiennale von Venedig in den verschiedenen nationalen Pavillons aus. Der Luxemburger Beitrag ist einer der durchdachtesten.

Gewitterwolken zogen am frühen Morgen über die „Durchlauchtigste“ (Serenissima), wie die Lagunenstadt liebevoll umschrieben wird. Der Regen wischte den Staub von den engen Gassen. Als wir Martine Feipel und Jean Bechameil in „ihrer“ Ca’ del Duca besuchen, scheint aber bereits wieder die Sonne, wie zum Gruß für das „Neugeborene“. Die Schwangerschaft dauerte – wie sich das gehört – neun Monate: Das Kind, das sich „Le Cercle Fermé“ nennt, ist geboren und darf nun bewundert werden. Und das bis zum 27. November im Luxemburger Pavillon anlässlich der 54. Kunstbiennale von Venedig.

Martine Feipel /
Jean Bechameil
„Le Cercle Fermé“

Ca’ del Duca
Corte del Duca, Sforza
3052 San Marco
Venedig

Bis zum 27. November 2011, Di.-So., 10-18 Uhr
Informationen:
www.feipel-bechameil.lu

Die Ca’ del Duca – und wie man sie findet

Zum siebten Mal schon mietet das Kulturministerium zur Ausrichtung der Ausstellung im Luxemburger Pavillon das Erdgeschoss des Hauses 3052 im Corte del Duca, Sforza, San Marco.

Die Ca’ del Duca ist 1461 als Teil eines Stadtpalastes entstanden, der für den Herzog von Mailand am Canal Grande errichtet wurde. Doch wie findet man in der Lagunenstadt mit ihrem Labyrinth aus verwinkelten Gassen und Kanälen das geschichtsträchtige Haus?

Am einfachsten so: Man nimmt – sofern gerade nicht gestreikt wird – einen Wasserbus (Vaporetto) und fährt damit bis zur Anlegestelle „Academia“. Dort steigt man aus und überquert dann die Brücke über den Kanal. Anschließend biegt man nach wenigen Schritten gleich links in ein etwa anderthalb Meter schmales Gässlein ein. An dessen Ende geht’s nach rechts und schon braucht man eigentlich nur noch auf den Boden zu sehen und den kleinen, runden Aufklebern zu folgen, die einem den Weg zum Ausstellungsort weisen.

87 Nationen sind 2011 in Venedig präsent. Hunderte der besten Künstler stellen in den Giardini, im Arsenale, wo sich die von der Schweizerin Bice Curiger kuratierte Hauptausstellung befindet, oder aber in den verschiedenen nationalen Pavillons aus. Und der Luxemburger Beitrag ist einer der durchdachtesten. Das Künstlerpaar Martine Feipel und Jean Bechameil hat ein geschichtsträchtiges Haus aus dem 15. Jahrhundert, oder vielmehr das Erdgeschoss desselbigen, in ein weißes Labyrinth aus Türen und Spiegeln, Treppen und Säulen verwandelt. Aber keine Angst: Aus diesem Labyrinth findet man als Besucher problemlos wieder hinaus: Es ist ein Rundgang, ein geschlossener Kreis, „Le Cercle Fermé“ eben.

Eine geheimnisvolle Welt

Sobald man durch die schmale, hohe Haustür in die Ca’del Duca eintritt, befindet man sich in einer mystischen, geheimnisvollen, fremden Welt. Den Flur entlang, an dem sich links und rechts Täfelungen befinden, von denen man jeden Moment erwartet, dass sie sich bewegen, dass sie atmen, schreitet man in einen Raum, in dem Schubladen und Schranktüren geradezu darauf warten, berührt zu werden. Einige lassen sich öffnen, andere nicht. Manche sind hart – wie Holz – andere weich – wie Gummi. Feipel und Bechameil arbeiten mit verschiedenen Zusammensetzungen, wie beispielsweise Polyester mit Gips. Die Materialien lassen sich sehr gut formen, werden anschließend weiß gestrichen.

Auch in den weiteren Räumen wird der Besucher, so wie in demjenigen mit Schranktüren und Schubladen, in das Geschehen, in die Installation, mit einbezogen. Im nächsten Zimmer hat man den Eindruck, als sei es unendlich hoch, respektiv tief. Eine Treppe führt nach nirgendwo, eine halbe Tür sorgt für Beklemmung. Spiegel an Decke und Boden verstärken den Effekt der Unendlichkeit.
Im Raum nebenan findet man Türen, die sich nicht öffnen lassen, oder hinter denen sich weitere Spiegel befinden, die jedoch das Bild verzerren, auch hier hat man das Gefühl, als bewegten sich die Wände.

Der Eindruck der Unendlichkeit

Durch eine weitere Tür kommt man dann in ein Zimmer, in dem sich sieben Stühle befinden. Einer davon steht – so wie man es sich von einem solchen Möbel erwartet – da und lädt nahezu dazu ein, sich zu setzen. Doch was ist mit den anderen sechs? Sie liegen am Boden, scheinen zu zerfließen. Der Kronleuchter darüber taucht das Ganze in ein besonderes Licht – und bewegt sich ab und zu, wie von Geisterhand berührt. Und dann, im Saal nebenan, stehen Säulen, einige gerade, andere schief. Dutzend-, ja hundertfach spiegeln sich die Säulen an den Wänden: Wieder gewinnt man den Eindruck der Unendlichkeit. Auch der Fußboden ist nicht ganz gerade. Wenn man sich lange hier aufhält, gerät das Gleichgewicht ins Schwanken. Schnell weiter … und leider ist es damit auch schon vorbei. Man kehrt – geschlossener Kreis – wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Im Ausstellungskatalog heißt es: „’Le Cercle Fermé‘ ist eine Auseinandersetzung mit dem Raum als Zivilisationsgestalter, aber auch mit dessen Krise. Die Installation zeigt uns Venedig als warnendes Beispiel einer Entwicklung, in der wir sehenden Auges unsere Identität mit ihren tradierten Weltbildern und Wertvorstellungen verlieren, bedingt durch eine Globalisierung des verengten Denkens in Hinblick auf Effizienz und Wachstum, was sich als verheerend für Gesellschaft und Individuum erweist.“

Martine Feipel und Jean Bechameil hatten rund neun Monate Zeit, ihr Projekt zu realisieren. Die ersten Skizzen entstanden im Sommer 2010, ohne dass die beiden das Haus in der Realität gesehen hätten: „Wir haben nach den architektonischen Plänen und Fotos der Ca’ del Duca gearbeitet. Die so entstandenen Zeichnungen sind auch sehr nah am definitiven Projekt gewesen. Nur wenige Details wurden in der definitiven Version geändert“, erklärt Martine Feipel. Im September vergangenen Jahres dann wurden Abdrücke vor Ort genommen, zum Beispiel von den Originaltäfelungen. Davon wurden dann Formen erstellt, die anschließend verfremdet verarbeitet wurden.

Premiere bei der Vernissage

Dies geschah im Atelier der beiden in Esch, wo das Tageblatt sie auch zu Anfang des Jahres besucht hatte. Im April ging es dann nach Venedig: Rund fünf Wochen dauerte der Aufbau der Installation, die jetzt sechs Monate lang Besucher aus aller Welt anziehen wird und die von René Kockelkorn kuratiert wurde.

Bei der letzten Biennale, so weiß Jo Kox vom „Casino Luxembourg – Forum d’art contemporain“, wurden etwa 15.000 gezählt. Ob diese Zahl 2011 wohl noch übertroffen werden kann?
Am gestrigen Abend fand die offizielle Vernissage statt. Dies sogar im Beisein von u.a. Octavie Modert. Dass die Luxemburger Kulturministerin den Weg nach Venedig zur Biennale gefunden hat, wird nicht nur vom Leiter des „Casino Luxembourg“, sondern auch von den beiden Künstlern begrüßt: Es ist in der Tat das erste Mal, dass es zu einem ministeriellen Besuch bei der Einweihung des Luxemburger Beitrags einer der bedeutendsten Kunstausstellungen weltweit kam. Ein gutes Omen?