Alain spannt den BogenGustav Mahler und das Meer

Alain spannt den Bogen / Gustav Mahler und das Meer
Eindrücke von „Sea Beneath The Skin“ in der Philharmonie Foto: Inês Rebelo de Andrade 

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Am vergangenen Freitag fand in der Philharmonie ein außergewöhnliches Projekt statt. „Sea Beneath The Skin –Gustav Mahler & Moana Pacific“ ist Teil der „red bridge projects“, einer gemeinsamen Initiative des Mudam, des Grand Théâtre und der Philharmonie, für die in diesem Jahr der samoanische Choreograf, Regisseur und Künstler Lemi Bonifasio verantwortlich zeichnete.

Mit „Sea Beneath The Skin“ will Bonifasio auf die akute Bedrohung der pazifischen Inseln aufmerksam machen, die durch die momentanen Klimaveränderungen stark bedroht sind und riskieren, in wenigen Jahren vom Meer überflutet zu werden. Dafür arbeitete Bonifasio mit dem Theatre of Kiribati zusammen, das er 2002 selbst gegründet hat. Hier sollen verschiedene Kunstgattungen wie Theater, Gesang, Kunst und Kultur der kiribatischen Bevölkerung zusammengeführt werden und den Einwohnern als Plattform dienen, um der Welt vom Klimawandel und seinen dramatischen Folgen zu erzählen.

Begegnung der Kulturen

Für sein szenisches Projekt im großen Saal der Philharmonie brachte Bonifasio Mitglieder des Theater of Kiribati und das Luxembourg Philharmonic zusammen. Aufgeführt wurden sowohl samoanische Gesänge in Form von Zeremonien als auch Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, bei dem sich der Komponist (übersetzter) chinesischer Texte aus dem 8. Jahrhundert von Li-Tai-Po, Tschang-Tsi, Mong-Kao-Ken und Wang-Wie bedient. In Bonifasios dezenter Konzeption und Personenführung ist „Sea Beneath The Skin“ nicht nur eine Mahnung an die Menschheit, sondern zugleich ein Sinnieren über das Leben und die Vergänglichkeit. Nur schade, dass das Publikum die Botschaften der samoanischen Künstler nur erahnen konnte; das, was man auf der Bühne an Zeremonien erlebte, wurde nicht erklärt. Ebenso vermisste man eine Übersetzung der Texte. Wahrscheinlich war das so gewollt, geholfen hätte es den Zuhörern sicher. Beide Kulturen begegneten sich auf der Bühne und beide Kunstformen wurden zusammen aufgeführt.

Dezentes Konzept mit großer Wirkung

So durften dann auch die beiden Solisten von Mahlers „Lied von der Erde“ agieren, wodurch das Werk fast zu einer kleinen, modernen Oper wurde. Duncan Ward dirigierte Mahlers „Lied von der Erde“ sehr lebendig, fast leicht und federnd und mit einer guten Portion Dramaturgie. Das kam dem amerikanischen Tenor Sean Panikkar sehr entgegen, denn sein Vortrag ging über klassischen Liedgesang hinaus. Panikkar begeisterte mit einer gesunden und mühelos geführten Heldentenorstimme, die nach oben kaum Grenzen kannte. Wenn auch die Aussprache nicht immer deutlich war und manche sich an dem recht freien Umgang mit der Musik stören konnten, so passte die „performance“ doch sehr gut in Bonifasios Konzept. Die angekündigte Mezzo-Sopranistin Reahann Bryce-Davis musste krankheitshalber ersetzt werden. Für sie sprang kurzfristig Fleur Barron ein, eine britische Mezzo-Sopranistin, die 2022 den Schubert-Preis erhalten hatte und von Barbara Hannigan stark gefördert wird.

 Foto: Inês Rebelo de Andrade

Die junge Sängerin bot eine makellose Interpretation und insbesondere im großen „Abschied“ wusste sie mit einem sehr feinen und tief empfundenen Gesang zu überzeugen. Barron besitzt an sich eine sehr leichte, erstaunlich helle Stimme, was der Interpretation von Dirigent Duncan Ward sehr entgegenkam. Dieser war sich bewusst, dass „Sea Beneath The Skin“ kein klassisches Konzert im eigentlichen Sinne war. So hielt er das im Hintergrund agierende Luxembourg Philharmonic zu einem eher feinen und runden Spiel an, dem es sicherlich etwas an emotionaler Tiefe mangelte, das dafür aber sehr gut in Bonifasios Konzept passte. Herausragend die Soloeinlagen vom Flötisten Etienne Plasman, der mit seiner tollen Leistung zeigte, dass sich im Luxembourg Philharmonic durchaus erstklassige Musiker mit Solistenpotenzial befinden. Insgesamt ist „Sea Beneath The Skin – Gustav Mahler & Moana Pacific“ in seiner dezenten, unaufdringlichen Art sowohl szenisch als auch musikalisch ein insgesamt gelungenes und anspruchsvolles Projekt mit einer großen und hoffentlich auch nachhaltigen Wirkung.