Der Schrecken von MarcinelleVor 20 Jahren wurde der Kindermörder Marc Dutroux in Arlon verurteilt

Der Schrecken von Marcinelle / Vor 20 Jahren wurde der Kindermörder Marc Dutroux in Arlon verurteilt
Charleroi, Mai 2024: Ein Lenkdrachen ist auf eine weiße Hauswand aufgemalt. Ein Gedenkgarten hinter Bahngleisen soll an die schrecklichen Taten im „Haus des Schreckens“ erinnern. An der Stelle stand eines der beiden Häuser, in denen Dutroux seine Verbrechen beging. Foto: Alina Grünky/dpa

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Heute vor 20 Jahren, am 22. Juni 2004, wurde Marc Dutroux von einem Geschworenengericht in Arlon wegen dreier Morde zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt: an den beiden von ihm entführten jungen Frauen Eefje L. und An M. im Alter von 17 und 19 Jahren und an seinem Komplizen Weinstein. Die Affäre Dutroux hatte seit 1996 die belgische Gesellschaft in einen Schockzustand versetzt. Zumindest in Europa rückte sie das Thema Kindesmissbrauch in den Fokus der Öffentlichkeit.

Der Prozess gegen Marc Dutroux begann am 1. März 2004. Im Auftrag mehrerer Zeitungen war ich schon wenige Tage zuvor nach Arlon gekommen. Das Städtchen schien noch in einer Art von Winterschlaf zu liegen. Es herrschte eisige Kälte – und die Ruhe vor dem großen Ansturm der internationalen Medien. Der Prozess war für zwei bis drei Monate veranschlagt.

Die Einwohner waren misstrauisch gegenüber Journalisten. „Ich kann nur sagen, dass uns das alles sehr schadet“, sagte mir die Verkäuferin in der Bäckerei. Viele befürchteten, dass Arlon fortan hauptsächlich mit dem Fall Dutroux in Verbindung gebracht würde. Ihnen war es unangenehm, dass das spektakuläre Gerichtsverfahren ausgerechnet in ihrer Stadt stattfinden sollte. Dabei saß die zu diesem Zeitpunkt 47-jährige Hauptfigur Dutroux schon seit einigen Jahren im Gefängnis von Arlon.

1.500 Journalisten

Einige Bewohner vermieteten zu einem erhöhten Preis Zimmer an Journalisten. Von denen hatten sich fast 1.500 beim Justizministerium in Brüssel akkreditiert. Sie fanden in einem Nebenraum des Gerichtsgebäudes Platz, um auf Videowänden den Prozess zu verfolgen. In den Wochen zuvor hatte der Fall ein wahres Comeback in den Medien erlebt. Fotos von Dutroux und seinen Mitangeklagten schmückten die Titelseiten der Zeitungen, die internationale Presse widmete den schrecklichen Verbrechen seiner Bande von Kinderschändern seitenlange Dossiers.

Zumindest von sechs Mädchen wurde bekannt, dass der arbeitslose Elektriker sie in seinem Kellerverlies in Charleroi-Macinelle gefangen gehalten und unzählige Male missbraucht hatte. Für den Tod von vier der Mädchen sollte er verantwortlich sein, zwei von ihnen ließ er in seinem Kellerverlies verhungern. Selbst seinen Komplizen hatte er laut Anklage auf dem Gewissen. Er vergrub ihn wie die anderen Leichen im Garten. Zahlreiche Verschwörungstheorien entwickelten sich um die Affäre Dutroux. Sie konnten weder bestätigt noch widerlegt werden.

Ermittlungsfehler und tote Zeugen 

Was änderte sich seit dem Bekanntwerden der Missbrauchs- und Mordfälle? Alte Kriminalfälle wurden wieder ausgegraben, Politiker traten von ihren Ämtern zurück, eine Justizreform wurde in die Wege geleitet, Gendarmerie und Polizei zusammengelegt, Gesetze zum Schutz von Minderjährigen wurden auf den Weg gebracht, Opfer und Angehörige von Mordopfern erhielten Akteneinsicht. Irgendwann ließ auch der massive Druck der Öffentlichkeit nach. Selbst die „Weißen Komitees“, die einen besseren Schutz von Kindern forderten, gaben ihre Hoffnung auf tiefer greifende Veränderungen wieder auf. Der Zweifel am eigenen Staat blieb. Zu jener Zeit misstrauten zwei von drei Belgiern der Justiz. In Charleroi wurde eine Gedenktafel für alle Opfer der Pädophilie angebracht.

Arlon am 1. März 2004:  Marc Dutroux und seine Ex-Frau Michelle Martin
Arlon am 1. März 2004:  Marc Dutroux und seine Ex-Frau Michelle Martin Foto: Editpress-Archiv

Für den Prozess gab es 450.000 Seiten Untersuchungsakten, etwa 470 Zeugen sollten in Arlon aussagen. Bei den Ermittlungen war es zu haarsträubenden Fehlern gekommen. Übrigens verstarben nach Angaben aus der ZDF-Reportage „Die Spur der Kinderschänder – Dutroux und die toten Zeugen“ (2001) zwischen Dutroux’ Verhaftung im August 1996 und dem Prozess 27 Zeugen und andere mit dem Fall in Zusammenhang stehende Personen unter teils ungeklärten Umständen. Sie wurden ermordet, kamen bei Unfällen ums Leben oder begangen Suizid – so wie der Staatsanwalt Hubert Massa, der Hauptankläger. Je länger die Ermittlungen gedauert hatten, umso mehr entstand der Eindruck, der Wahrheit über die Hintergründe der grausamen Taten kein Stück näher gekommen zu sein. Bei den Eltern der getöteten Mädchen herrschte Resignation. Sie fühlten sich von den Behörden alleingelassen.

Das Gerichtsgebäude wurde hermetisch abgeriegelt, Dutroux sollte über die Tiefgarage hineingebracht werden und saß hinter Panzerglas auf der Anklagebank. Ich kam am ersten Verhandlungstag mit einem Aktivisten des „Weißen Komitees“ aus Bastogne ins Gespräch. Er wartete vergeblich darauf, ins Gebäude gelassen zu werden. Er hielt ein Herz aus Pappe mit den Fotos von zwei Opfern hoch. Die „Weißen Komitees“ begannen sich nicht nur für die juristische Aufarbeitung der Dutroux-Affäre einzusetzen, sondern für den Schutz von Kindern vor Gewalt. Engagierte Bürger hatten die Komitees in den 90er Jahren gegründet, nachdem das Versagen der belgischen Justiz und Ermittlungsbehörden bekannt geworden war. Ihre spektakulärste Aktion war der „Weiße Marsch“ im Oktober 1996, als mehr als 250.000 Menschen durch die Straßen Brüssels zogen, nach einigen Medienberichten waren es sogar etwa 300.000. Eine andere Vereinigung unter dem Namen „Observatoire Citoyen“ hatte sich die lückenlose Aufklärung des Dutroux-Skandals zur Aufgabe gemacht. Während des Prozesses hatte sie in der Nähe des Gerichts ein Informationsbüro eröffnet. Derweil hatte der Vater der in Dutroux’ Kellerverlies verhungerten achtjährigen Julie „Child Focus“ gegründet, eine Hilfsorganisation für vermisste und sexuell missbrauchte Kinder. Sie setzt sich auch gegen Kinderhandel und Kinderpornografie ein. Außer akuten Fällen widmet sich „Child Focus“ auch der Prävention. Die Organisation ist weiter aktiv. Ihr Aufgabenbereich hat sich erweitert. Es gibt neu bekannt gewordene Verbrechensformen wie das Child Grooming, also der sexuellen Ansprache von Minderjährigen.  

Die Affäre und ihre Folgen

Auch in anderen Ländern rückte der Fall Dutroux den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen ins öffentliche Bewusstsein. In Luxemburg gibt es zum Beispiel unter anderem die schon 1984 auf Initiative des Kinderarztes Roland Seligmann gegründete Vereinigung „L’Alupse“. Experten weisen jedoch bis heute darauf hin, dass rund 90 Prozent der Missbrauchsfälle innerhalb der Familien geschehen. Umso weniger dringt nach draußen. Zu jener Zeit sagte mir der Luxemburger Kinder- und Jugendpsychologe Gilbert Pregno in einem der ersten Interviews, das ich mit ihm führte: „Ein Drittel der Kinder teilt sich mit, ein Drittel sagt es erst später und ein Drittel sagt es nie.“

Nach wie vor sei es nicht selbstverständlich, über sexuelle Gewalt gegen Kinder zu sprechen, stellt Sabine Andresen fest, Professorin für Familienforschung und Sozialpädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie war bis vor drei Jahren Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. „Kinder wachsen in einem Umfeld auf und viele Betroffene berichten davon, dass sie sich jemandem anvertraut haben, dass Menschen in der Familie, der Schule oder dem Sportverein etwas mitbekommen haben“, schreibt Andresen. „Die Gewalt jedoch wurde oftmals nicht unterbunden.“

„Weißer Marsch“ durch Brüssel im Oktober 1996 
„Weißer Marsch“ durch Brüssel im Oktober 1996  Foto: AFP/Olivier Morin

In Deutschland wurde während der Pandemie eine Zunahme von sexuellem Kindesmissbrauch festgestellt. Die polizeiliche Kriminalstatistik führte im ersten Corona-Jahr 2020 fast tausend Fälle mehr als 2019 (16.921 Fälle) von Missbrauch an Kindern unter 14 Jahren auf, zu 73 Prozent waren Mädchen betroffen. Hinzu kamen 18.761 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Kinderpornografie, ein Zuwachs von etwa 6.500 Fällen. Die Zahlen seien mit Vorsicht zu betrachten, so Andresen, die Dunkelziffer ist weit höher. Umso wichtiger sei es, dass die sexuelle Gewalt nicht im Unausgesprochenen verbleibt und Betroffene sich isoliert fühlen. Das große Schweigen über das Thema müsse ein Ende haben.

Während Dutroux noch im Gefängnis sitzt, wurde seine Ex-Frau, die zu 30 Jahren Haftstrafe verurteilt worden war, 2012 nach 16 Jahren entlassen. Ein weiterer Komplize wurde nach 23 Jahren Zuchthaus auf Bewährung entlassen. Das Haus in Charleroi, im Stadtteil Marcinelle, in dem die Mädchen eingesperrt, gefoltert, vergewaltigt und vier von ihnen getötet worden waren, wurde abgerissen. An der Stelle wurde ein Gedenkgarten eingerichtet. Er wurde „Zwischen Himmel und Erde“ getauft. Auf einem Wandbild ist ein Kind zu sehen, das einen Drachen steigen lässt. Der Keller blieb auf Wunsch der Eltern der Mädchen erhalten.