Prognosen und PolitikVon Scherkräften, Spannbreiten – und Unwägbarkeiten

Prognosen und Politik / Von Scherkräften, Spannbreiten – und Unwägbarkeiten

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Wohin geht die Wirtschaftsreise – und wofür muss man sich rüsten? Die Krisen, die gar nicht so zarte Bande durch die Jahre knüpfen, machen es den Handelnden ganz offensichtlich nicht einfach: Beschlüsse, die kürzlich erst unter Schmerzen gefasst wurden, stehen wieder zur Disposition, nachdem die Statistikbehörde ihre düsteren Vorhersagen nochmal kräftig nachschraffiert hat, während der erste Gasversorger ankündigt, dass der Preis im dreistelligen Prozentbereich steigt. Oder kommt doch von irgendwo ein Lichtlein her? Politische Entscheider müssen derzeit jedenfalls stark divergierende Szenarien bedenken.

Kurz, bevor man sich in Senningen trifft, machen sich Analysten von Goldman Sachs so beliebt mit der Ansage, dass der Gaspreis sich im kommenden Winter halbieren werde, dass die Bild-Zeitung losjubelt: „Putin verliert den Gas-Krieg gegen uns!“ Bei der Statistikbehörde in Luxemburg ist man aber weit davon entfernt, die eigenen Best- und Worst-Case-Szenarien, die der kommenden Tripartite zugrunde liegen, einfach zu halbieren: „Für die Inflations-Prognose haben wir kurzfristige Modelle mit Quartalszahlen, die alle drei Monate mit neuen Daten und Hypothesen gefüttert und dann auf Kohärenz geprüft werden“, erklärt der Analyst Ferdy Adam gegenüber dem Tageblatt – und in der derzeit sehr „volatilen“ Lage habe man auf Bitten der Regierung die Taktung noch erhöht. „Damit können wir auf außergewöhnliche Ereignisse im Monatsrhythmus reagieren!“ Und die habe es schließlich ja gegeben, eben in Form der Preissteigerungen, die frühere Horrorszenarien übertroffen haben.

Abgesehen davon, dass etwa die Goldman-Sachs-Prognose schon „sehr optimistisch“ sei, dürfe man aber auch nicht einfach „in ein anderes Extrem verfallen“: „Man kann spekulieren, aber man sollte sich dabei innerhalb dessen bewegen, was man auch sauber modellieren kann!“, mahnt der Analyst. Darum drücke man sich ja auch in den verschiedenen Szenarien aus, die wiederum „illustrativ“ zu nehmen seien – vor allem, um „im luxemburgischen Kontext Rückschlüsse auf die automatische Lohnanpassung zu zeigen“.

„Großes Misstrauen gegenüber den Zahlen“

Sich in Szenarien auszudrücken, ist auch für den langjährigen Investor Yves Kuhn nur folgerichtig angesichts der verbreiteten Preissprünge: „Es gibt Prognosen, die von Gaspreisen von 250 Euro pro Megawattstunde ausgehen, und eben solche wie von Goldman Sachs“, führt er exemplarisch aus – und was für Nervosität die Unwägbarkeiten auch woanders erzeugen: „Der Kapitalmarkt hat das gezeigt, als er drei bis fünf Prozent an einem Tag verloren hat, als die Inflationsdaten in den USA herausgekommen sind!“

Generell herrsche „sehr viel Misstrauen in die Zahlen“ – und darum bevorzuge auch er längst, stets verschiedene Szenarien anzuschauen, auch beim Gaspreis: „Bei 250 Dollar pro Megawattstunde fällt die Inflation sicher ganz anders aus, also der Einbruch der Kreditmargen der Firmen, und dann kann man wohl sogar von einer sehr starken Rezession ausgehen“, gibt Kuhn im Gespräch mit dem Tageblatt zu verstehen. Aber bei nur 100 Euro pro Megawattstunde, so wie Goldman Sachs es annimmt, sähe die Sache natürlich vollkommen anders aus. „Aber jetzt reden wir ja nur vom Gaspreis“, meint Kuhn, während doch der Wechselkurs von Euro und Dollar ja auch eine sehr große Rolle spiele, da „fast alle Rohstoffpreise in Dollar sind – und wir dem hier in Europa total ausgesetzt sind“.

Das werde aber seltsamerweise weitläufig ignoriert: „Man versucht stattdessen, das auf den Gaspreis als Variable zu limitieren.“ Auch in den verschiedenen Statec-Szenarien ist der Kurs in allen Annahmen gleich – und mit 1,06 Dollar für den Euro zumindest nicht auf dem aktuellen Eins-zu-eins-Stand.

Ungekannte Magnituden

Generell sei die Lage derzeit aber nicht nur von der schwierigen Vorhersehbarkeit geprägt, sondern auch von selten gesehenen Scherkräften. So prognostiziert Statec für 2023 eine Inflationsrate zwischen 4,4 und 8,5 Prozent. „Schauen Sie mal auf diese Magnitude! Wir kommen aus einem Umfeld, wo wir geschaut haben: Sind es 1 oder 1,2 Prozent? Wir haben also von einer Magnitude von 0,2 gesprochen. Jetzt sprechen wir von einer Magnitude von 4 oder 5!“

Angesichts solcher Unwägbarkeiten sei es natürlich schwierig, Entscheidungen zu treffen – und die Gefahr sei groß, so lange zu warten, „bis der Zug abgefahren ist“: So lasse sich kaum verstehen, warum die Europäische Zentralbank erst Monate nach den USA die Zinsen erhöht hat.

Auch in Luxemburg müsse jetzt gehandelt werden, auch wenn derzeit jede politische Entscheidung mit „etwas Glücksspiel“ verbunden sei. Klar sei aber: „Wenn man zehn Prozent Kaufkrafteinbußen hat, muss der Staat mit seinen monetären oder finanzpolitischen Maßnahmen versuchen, das einzudämmen!“ Wenn man, wie es erklärter Wille der Regierung ist, die Staatsverschuldung unter 30 Prozent halten will, um etwa Luxemburgs hervorragendes Rating nicht zu gefährden, blieben immerhin mindestens 3,5 Milliarden Euro als Verfügungsmasse für politische Maßnahmen. Von einer Umverteilung per Gießkanne hält Kuhn allerdings wenig, nicht nur, weil das kaum sozial gerecht zugehen könne. „Lieber sollte der Staat schauen, welche Maßnahmen in der Wirtschaft mehr als nur einen 1:1-Effekt haben! Da muss man sich Gedanken machen, wie man da clever anpacken kann.“

Anmerkung: Dieser Artikel enthält Korrekturen gegenüber der Printversion.