ForumStaatliches Kostümfest

Forum / Staatliches Kostümfest
 Foto: Editpress-Archiv/Julien Garroy

Jetzt weiterlesen! !

Für 0,59 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Sie sind bereits Kunde?

Jetzt steht uns wieder der feierliche Aufmarsch der Tüchtigen bevor. Die Zeremonie hat Tradition. Am Nationalfeiertag wird der rote Teppich ausgerollt, denn die Nation feiert sich selbst

Was aber ist „die Nation“? Um die normalsterblichen Bürger scheint es sich nicht zu handeln. Denn beim offiziellen Festakt in der Philharmonie treten alljährlich die sogenannten Repräsentanten auf, die Gewählten, Akkreditierten, Mandatierten und vielfältig Befugten, die wir gemeinhin als „Spitzen der Gesellschaft“ kennen. Das Volk darf sie bestenfalls zu Hause auf dem Bildschirm bewundern. Oder, wenn das Fest auf einen Werktag fällt, alternativ nach Trier oder Messancy in die Shopping-Reservate pilgern. Das wäre immerhin eine Art kreative Grenzüberschreitung und zudem irgendwie ein Akt der Völkerverständigung.

Die wesentliche Frage ist: Was gibt es denn zu feiern? Ach ja, wir sind gebeten, uns einträchtig über den Geburtstag des Monarchen zu freuen. Warum? Welchen Stellenwert hat ein Geburtstag? Offen gesagt, überhaupt keinen. Der Monarch sollte in aller Bescheidenheit froh sein, dass er noch lebt. Dieses Privileg muss er nicht mit einer bombastischen Feierstunde unterstreichen. Während er zufrieden in aller Öffentlichkeit sein dezentes Überleben bilanziert, sterben in der Welt Abermillionen in Kriegen und anderweitigen Katastrophen. Es ist geradezu obszön, in dieser planetarischen Leichenhalle stolz zu verkünden: Aber ich lebe ja noch. Ich bin ja noch da. Freu dich und frohlocke, Volk!

Sorgfältig inszenierte Katharsis

Der Monarch verkörpert wahrscheinlich ganz allein „die Nation“. Wie sonst wäre es zu erklären, dass der Geburtstag des Monarchen als „Nationalfeiertag“ gilt? Ein paar handverlesene, unbescholtene und unverdächtige Bürger aus dem gemeinen Pöbel dürfen beim Festakt in der Philharmonie die wohlfeile Statisterie stellen. Doch im Mittelpunkt steht felsenfest der Monarch mitsamt seinen braven Staatsdienern, die ein paar Stunden lang vor Bedeutsamkeit fast platzen dürfen.

Das Treiben auf dem staatlichen Catwalk, also dem ausgerollten Teppich auf dem Parvis des Musiktempels, kann man durchaus als sorgfältig inszenierte Katharsis werten. Denn da paradieren nicht nur Unschuldslämmer und lupenreine Demokraten. Da treten auch die Pöbler, Schwurbler und Hetzer mit parlamentarischem Gütesiegel auf. Da stolziert beispielsweise der Abgeordnete, der Immigranten bezichtigt, elende Hühnerkiller zu sein. Oder die Abgeordnete, die sich mit Jiu-Jitsu-Handgriffen „dunkelhäutige“ Bettler vom Leibe hält. Oder der Abgeordnete, der unumstößliche Fakten als reines Journalistengefasel abkanzelt. Oder die Abgeordnete, die ihre Stadt in ein gesindelfreies Louis-Vuitton-Paradies verwandeln will.

Dabei haben wir die Regierungsvertreter noch gar nicht erwähnt. Zum Beispiel den finsteren Moselmann mit dem Säuberungskomplex, der die Armut bekämpft, indem er den Armen mittels erzwungener Polizeigewalt den Garaus macht. Oder den CEO der „Firma Luxembourg (for finance)“, der sich als Neuausgabe seiner selbst verkaufen möchte und dabei verschweigt, dass er noch viel ungehemmter als vor zehn Jahren seine autoritären Macken bedient und den knallharten Kapitalistenfreund markiert. Neuerdings hat er sogar nichts dagegen einzuwenden, Asylanträge von Flüchtlingen auszulagern und in Drittstaaten verhandeln zu lassen. „Die Nation“ soll nicht von fremden Eindringlingen behelligt werden. Luxembourg first!

Wir sind so erfolgreich und wichtig

Dank RTL-Streaming werden wir es staunend erleben: Der CEO und seine beigeordneten Mannequins wachsen auf dem roten Teppich über sich hinaus, ihre Gesichtszüge zerfließen fast vor Milde, ihre Verneigung vor der Landesfahne ist punktgenau choreografiert, sie wandeln abgeklärt und gemessenen Schrittes wie soeben getaufte Jünger des Herrn, ganz die geläuterten Staatsrepräsentanten. Wir biederen Zaungäste spüren förmlich, was ihnen beim Beifallheischen durch den Kopf geht: Wir sind so wichtig. Wir sind die Erfolgreichen. Wir sind endlich geworden, was wir immer sein wollten: Unverzichtbare und allseits Bestimmende. Wir sind die unschlagbaren Maskottchen der Nation. Schreiten sie noch oder schweben sie schon?

Der Staat ruft seine Getreuen zum patriotischen Kostümfest im Kirchberger Sperrbezirk, und schon verwandeln sich miese Intriganten und polternde Hinterbänkler in glanzvolle Feiertagsgäste. Die teure Verkleidung macht’s: Je aufwändiger das modische Outfit, umso verborgener der wahre Charakter der „nationalen“ Vorzeigefiguren. Alle wirken plötzlich gütig und gefasst, aufgeweckt und fern jeder Polemik. Da denkt man doch glatt: Wir sollten uns glücklich schätzen, über derart imponierende Musterstaatslenker zu verfügen. Diese offizielle Sommerfastnacht am 23. Juni ist tatsächlich ein grandioser Karnevalstrick. Aus kleinen Streithähnen und Ego-Kämpfern werden im Handumdrehen beeindruckende Apostel der Vernunft und der Solidarität. Die Masken sitzen perfekt.

Ins politische und gesellschaftliche Abseits

Dem roten Teppich wohnt ein Zauber inne: Vortäuschung als Staatsräson. Leider ist die Zeit begrenzt. Schon ein paar Stunden später, wenn die prunkvollen Feiertagsgewänder wieder abgelegt werden, folgt die Ernüchterung auf dem Fuß. Dann sind wir wieder die gespaltene „Nation“ mit all ihren Rechthabereien und Grabenkämpfen. Dann steht wieder fest: Die Luxemburger „Nation“ driftet mit atemberaubender Geschwindigkeit ab nach rechts, ins politische und gesellschaftliche Abseits. Der CEO mutiert wie gehabt zum Eisblock und schwingt die eiserne Faust. Und seine Sekundanten sind sich für keine Rechtsverdrehung zu schade. Der schöne Feiertagsschein ist futsch.

In einem Anfall grausamer Selbstüberschätzung hat sich „die Nation“ schon mal selber pathetisch besungen: „Lëtzebuerg de Lëtzebuerger, roude Léiw, bewaach däi Feld!“ Na, dann soll „die Nation“ sich konsequent sein und die Schotten dichtmachen. Es wäre der sicherste Weg zur Implosion. Der rote Löwe sollte im Fall des Falles rechtzeitig seinen Ehrenplatz in der Abdeckerei beantragen.

Guy Rewenig ist Schriftsteller. Sein aktuelles Buch im Binsfeld-Verlag heißt „La coupe est pleine“.
Guy Rewenig ist Schriftsteller. Sein aktuelles Buch im Binsfeld-Verlag heißt „La coupe est pleine“. Foto: privat
Schultheis Ben
20. Juni 2024 - 20.31

Guy Rewenig. Ich möchte Ihnen hiermit meine Bewunderung zu Ihrer Schreibweise ausdrücken und zugleich meine Anerkennung wegen Ihres Briefes der heute im Tageblatt veröffentlicht wurde. Sie nehmen die bevorstehende, weltweit wohl einzigartige Sommerkarnevalsveranstaltungen kritisch so perfekt unter die Lupe, dass ich bedaure, dem fast nichts zuzufügen bei Hand habe. Ich stelle mir vor, Sie hätten Ihren Schuss aus einer Schrotflinte abgegeben. Im Gegensatz zur Wirkung eines reellen Schusses, bei dem nur ein Teil der Schroten in den Genuss kommt, sich nützlich zu fühlen, so bin ich bei Ihrem Schuss sicher, dass auch das kleinste Körnchen sich seiner Wirkung voll und ganz bewusst ist. Kürzlich hat einer dieser vielen honorablen (Entschuldigung, meine Tastatur verweigert mir an dieser Stelle das große H) sich bei der Anprobe seines maßgeschneiderten „Schnéppel“ ablichten lassen und seinen Stolz der ganzen Facebook-Gemeinde mitgeteilt. Ich stelle mir die Frage, was eigentlich ein solcher gemeinsamer Feiertag einem Volk bedeuten sollte? Welches sind die großen Ereignisse aus unserer Vergangenheit, die es verdient hätten, einmal im Jahr ihrer durch einen Feiertag zu gedenken? Wir wurden halt alle ohne unser Zutun geboren, sind alle als Menschen gleichwertig, also ist mein Geburtstag ein Tag wie jeder andere, ohne dass ich Anspruch auf einen Umzug erheben würde.
Die ganzen Feiern sind eine einzige Machtdemonstration bei der die regionalen und nationalen Hähne sich ihrer Rangordnung nach der Bevölkerung stolz auf dem Misthaufen der Öffentlichkeit vorstellen, den sie im Laufe des Jahres zusammengetragen haben. Die Anwärter auf einen festen Stammplatz unter den farbenprächtigen Gockeln, scharren eifrig um den Haufen herum und krähen vor Eigenstolz über jedes gefundene Körnchen.
Morgen beginnt ein neuer Tag, ohne „Schnéppel“ und Firlefanz. Wer glaubt, dass dann auch wieder alle Menschen gleich sein würden und jedem der gleiche Respekt gebührt wäre, den beneide ich, er ist ein glücklicher Spinner.

IrmaLuise
20. Juni 2024 - 10.03

Nicht jeder Grund ist also gut zum Feiern? Und Lasershow ist besser als Feuerwerk.

fraulein smilla
20. Juni 2024 - 9.47

Warum nicht direkt" Luxemburg , du mieses Stueck Scheisse "

Bintener Claude
20. Juni 2024 - 9.27

Tollen Beitrag! Genau sou ass et.