„Firnis“ von Philipp Löhle„Scheiße fressen“

„Firnis“ von Philipp Löhle / „Scheiße fressen“
In „Firnis“ von Philipp Löhle spielt Gewalt eine große Rolle Foto: Martin Sigmund

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Philipp Löhle zeichnet in seiner schwarzen Komödie „Firnis“ im Staatstheater Saarbrücken das Bild einer Gesellschaft, in der jeder nach unten tritt. Die Inszenierung von Christoph Mehler spart nicht an Klischees und ausgerechnet beim Thema Wokeness überspannt er den Bogen.

„Firnis“ heißt der dünne Anstrich, der zuletzt auf ein Gemälde aufgetragen wird, um es vor Kratzern zu schützen. Philipp Löhle, der nach Theater-Koryphäen wie Milo Rau oder Roland Schimmelpfennig in diesem Jahr die zehnte Poetikdozentur für Dramatik an der Universität des Saarlandes innehat, hat diesen Titel für sein Stück gewählt, um ein apokalyptisches Bild unserer Gesellschaft zu zeichnen.

Leonard Müller ist in die Verschuldung gerutscht, die Familie ist zur Schwiegermutter gezogen, er selbst auf der Straße gelandet. Das Ehepaar Wagner nimmt ihn gutherzig bei sich zu Hause auf. Doch irgendwann kippt die Stimmung. Diejenigen, die denken, sie hätten es verdient, oben zu sein, beginnen diejenigen zu kontrollieren und zu beherrschen, die es ihrer Meinung nach nicht geschafft haben.

Seiner schwarzen Komödie, die am 7. Juni in der Alten Feuerwache des Staatstheaters Saarbrücken Premiere feierte und 109 Tage von Figuren aus der Mittelschicht nacherzählt, hat Löhle ein Zitat des Marquis de Sade aus „120 Tage Sodom“ vorangestellt. Doch das bei Sade inszenierte Gomorra ist nur teilvordergründig. Wie kann sich das Individuum selbst auflösen, um sich fern der gesellschaftlichen Konventionen als agierendes Ich zu spüren?

Der Schauspieldirektor des Saarländischen Staatstheaters, Christoph Mehler, bietet eine Inszenierung, die zunächst fetzig ist, dann in Gewalt ausufert und etwas in Klischees versandet. Das Bühnenbild (Stefano Di Buduo) ist rockig und wirkt aus der Zeit gefallen: graue Treppenstufen, aus denen Gestrüpp wuchert und sich der Abstieg der Figuren symbolisieren lässt, ein altes Bushäuschen und eine Telefonzelle. Da lässt sich in 1980er-Nostalgie schwelgen. Oberhalb der Bühne kündet ein leuchtender Schriftzug das „Autohaus Gitter“ an. Doch da die Figuren von Anbeginn dem Niedergang entgegentaumeln, wird auch dieser Schriftzug irgendwann erlöschen.

Leonards Frau, Sandra Müller (Laura Trapp, affektiert mit Sonnenbrille und in High Heels wie fast alle Frauen in dieser Inszenierung), sucht ihn und wird irgendwann merken, dass ihr ohne ihn doch nichts fehlt. Mit Strohhüten macht Familie Wagner Öko-Urlaub in Italien. Ihr verwöhnter Sohn Paul (Jonathan Lutz, schluffig), ein Vertreter der „Fridays for Future-Generation“, jammert indes, dass ihm wegen der Pestizide die Augen zuschwellen. Während seine Mutter von den toskanischen Haselnüssen schwärmt, schleudert ihr der überzeugte Veganer an den Kopf: „Das ist reinste Monokultur. Bis zum Horizont! Voller Pestizide, weil sonst ein kleiner Erreger alles auffrisst. Und wofür? Für ne Schokocreme!!“

Sexistische Stereotypen

In Löhles Wortspielen wird der „Agritourismo“ zum „Aggrotourismo“. Sein Zorn auf die Woke-Bewegung überträgt sich durch den Text und ist doch die Perspektive eines älteren Semesters, der für die Fridays-for-Future kein Verständnis hat und hinter ihrem moralischen Diskurs ausschließlich verlogene Floskeln wittert: „Jetzt führ dich doch nicht so als Heldin auf, nur weil du ein Würstchen aus Erbsen isst“, schleudert Sohn Paul etwa seiner Mutter an den Kopf. Ein jeder tritt in „Firnis“ nach unten, auf die vermeintlich Schwächeren.

 Foto: Stefano Di Buduo

Wirklich witzig, ja grotesk ist die Figur des im Stück ziellos herumirrenden Vaters mit Buggy und Kleinkind (Lucas Janson) angelegt, der verbissen Sozialkontrolle ausübt und infantil auf sein Kind einbrabbelt: „Die da? Nein, das sind keine Obdachlosen. Die sehen nur so aus, weil sie mit dem Zug verreisen. Genau. Tuff tuff tuff die Eisenbahn.“ Kurzerhand stülpt er einem Flaschensammler einen Sack über den Kopf: „Habe ich dir nicht gesagt, wir wollen dich hier nicht mehr sehen! Du Dreckschwein! Es reicht.“

Ätherisch-affektiert gibt Christiane Motter die Rolle der Mutter und Therapeutin Konstanze Wagner, die betulich dozierend ihren nachhaltigen Lebensstil verteidigt und doch von alten Zeiten schwärmt, in denen sie noch Fleisch aß. In der Fantasie Löhles muss der Verzicht auf Tierprodukte wohl zwangsläufig in Aggressionen und Zwangshandlungen münden.

Dabei hat die betuchte Therapeutin es schon schwer: „Und bei dir so? Bei mir nur Bekloppte. Die einen mögen ihren Mann nicht, die anderen ihre Frau nicht. Andere mögen sich selber nicht. Ich weiß auch nicht“, wird sie am neunundfünfzigsten Tag stöhnen, während sie sich von ihrem Haussklaven Aperol-Spritz servieren und die Füße massieren lässt. Später werden ihr Mann und sie Leonard fesseln und ihn zwingen, Scheiße zu fressen.

Bevor die Stimmung kippt, wird Konstanze Wagner Leonard als ihren Lustknaben vernaschen, während der Chor skandiert: „Er ist gar kein Mensch mehr, aber auch kein Tier und auch kein Ding. Er ist nur noch etwas Niedergedrücktes, etwas Berittenes, etwas Beherrschtes, und Konstanze Wagner denkt an Hitler und an Stalin und an ihren Fahrlehrer, während sie sich fragt, ob sie sich vielleicht für etwas rächt.“

Die ulkigsten Momente der schwarzen Komödie sind immer dann, wenn zu Jazzmusik die Bühne im vollendeten Chaos zu versinken droht. Doch die von Männern durchweg als schrill und hysterisch inszenierten Frauenfiguren sind ärgerlich. Das Genre Komödie zwingt an sich keinen zur sexistischen Darstellung.

Stereotyp auch die Freundin von Paul Wagner, Maja Neumann (Anna Jörgens im camouflierten Kleid). Sie ist eine vom Zorn angetriebene Klimaaktivistin, die Brass auf die Nahrungsmittelindustrie hat und überall Etikettenschwindel wittert. „Die schreiben überall ,nachhaltig‘ drauf. (…) Die erfinden Siegel!“ Die Jugendliche, die im Supermarkt Regale einräumt, will sich an der Gesellschaft rächen, indem sie Produkte vergiftet. Sie heckt einen Plan aus und freut sich darauf, wie „eine ganze Stadt endlich am eigenen Leib erfahren wird, was sie da täglich für eine Scheiße fressen“.

Als es zum Unfall kommt, mimt der Chor (das gesamte Schauspiel-Ensemble) diesen wie in einem Pantomime-Spiel. Hier wird mutig die Vierte Wand durchbrochen. Chor: „Es gibt sogar Szenenapplaus!!!“ Gelungen auch die Szene, in der Fränk Gitter in den Trümmern versinkt. Indem Mehler auf den Chor als Echo setzt, entstehen ausdrucksstarke Bilder. Und er wirft dem Publikum den Ball zu: Unterdrücker oder Unterdrückte?

Gewalt und Blut

In der knapp zweistündigen Inszenierung regiert Gewalt, spritzt Blut und die Opfer werden irgendwann in Plastik-Folie gewickelt. Der Junge Paul und seine Freundin Maja finden Lust am Voyeurismus und filmen natürlich das Opfer, so wie die Generation Z das eben zur Selbstvergewisserung macht: Ich fotografiere mich, also bin ich.

Irgendwann stehen die Gedemütigten da, abgestempelt zu gesellschaftlichen Verlierern, behangen mit Schildern, an denen die Aufschrift prangt „Ich habe es zu nichts gebracht“ oder „Kosten Nutzen negativ“. Die Frage ins Publikum von Papa Buggy: „Seid ihr etwa alle der Meinung, dass ihr was bringt?“, bleibt hängen.

Am Ende steht ein großes Tableau der Zügellosigkeit: Sodom und Gomorra. Wenn die Bühne aus Unterdrückern besteht, die mit Bierbäuchen aus Pappmaché Wurst in sich hineinstopfen, und auf der anderen Seite den gedemütigten Unterdrückten, als Sexsklaven in Lackleder angekettet im Keller, fragt man sich, ob diese Dekadenz der passende Kommentar zum Zeitgeschehen der tobenden Kriege ist.

Ein jeder richtet sich ein in seiner verzweifelten Existenz und sucht gewaltsam unterdrückend Auswege. Das bürgerliche Woke, das Empfindsame wird als folgenlose Kritik entlarvt, als wären die alten Linken von Erfolg zu Erfolg gestolpert. Es wirkt etwas wohlfeil, die Unwilligkeit zur Veränderung so plakativ anzuprangern, und es bleibt der Blickwinkel einer älteren Generation, die vornehmlich sich selbst hehre Motive unterstellt. Ist die Kritik am „Scheiß“-Bürgertum nicht am Ende populistisches Theater à la Fred Keup oder Sahra Wagenknecht? Jenseits der Wortspiele und gelungenen Karikierung eines jungen Vaters fragt man sich, welchen Erkenntniswert ein zum Lachen animierendes Abcanceln der ökologisch-bewussteren Generation bringen soll?

Bei der Inszenierung von „Firnis“, die über weite Strecken als beklemmende Realsatire daherkommt, stellt sich einem am Schluss die Frage: Wenn das Theater sich nur über die anderen empört, zu welchem Nutzen ist dann die Aufklärung? Bei der Uraufführung in der Alten Feuerwache in Saarbrücken gab es denn auch verhältnismäßig wenig Gelächter und wenn, dann – kaum verwunderlich – schenkelklopfende Lacher von Männern.


„Firnis“, Komödie von Philipp Löhle. Weitere Spieltermine: 21. , 22., 28. Juni und 2. Juli in der Alten Feuerwache (Landwehrplatz, D-66111 Saarbrücken). Mehr Infos unter staatstheater.saarland.