Grenzgemeinden Perl: „Wir wollen Vorbild in Sachen Europa sein“ 

Grenzgemeinden  / Perl: „Wir wollen Vorbild in Sachen Europa sein“ 
Ralf Uhlenbruch ist Bürgermeister der Grenzgemeinde Perl  Foto: Editpress/Alain Rischard 

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Perl ist in vielerlei Hinsicht eine besondere Gemeinde. Der einzige saarländische Winzerort, Schlosshotel mit Casino und Drei-Sterne-Koch, touristisch viel beachtete römische Ausgrabungsstätten, Lage an der Mosel und direkter Nachbar zu Luxemburg. CDU-Bürgermeister Ralf Uhlenbruch (51), seit acht Jahren im Amt und gerade bei den Lokalwahlen im Juni 2024 im Saarland wiedergewählt, kennt die Chancen, aber auch die Herausforderungen der Grenzlage, die das mit sich bringt. Das Gespräch fand vor den Wahlen statt. 

Tageblatt: Die saarländische Bevölkerung schrumpft, Perl ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. „Boomtown“ Perl dank der Nähe zu Luxemburg?

Ralf Uhlenbruch: Wir haben aktuell rund 9.300 Einwohner in den 14 Ortschaften, die zur Gemeinde zählen. Davon haben 2.800 gemeldete Bewohner die luxemburgische Nationalität. Es ist die größte Community bei uns. Aber wir haben insgesamt über 66 Nationen bei uns und im Ortsteil Nennig mittlerweile „luxemburgische Verhältnisse”, nämlich mit 53 Prozent mehr Einwohner mit ausländischem Pass als Einheimische.

Soll die Gemeinde so weiterwachsen?

Ich bin für ein moderates Wachstum.

Das sagen luxemburgische Bürgermeister auch …

Wir steuern die Vergabe von Bauland, das der Gemeinde gehört. Es gibt mittlerweile ein Punktesystem, bei dem unter anderem Einkommen, ehrenamtliches Engagement in der Gemeinde genauso eine Rolle spielen wie Wohnsitz und Arbeiten in der Gemeinde. Da kommen auch Einheimische zum Zug und wir können damit das Wachstum gut steuern. Über eine speziell zu diesem Zweck gegründete Gesellschaft halten wir die Preise im Rahmen, aber wir sind mit Sicherheit immer noch teurer als andere Gemeinden.

Wie steht es denn um die Integration?

Ich habe gerade Wahlkampf hinter mir mit Tür-zu-Tür-Besuchen. Hier wohnen, in Luxemburg arbeiten und der Rest ist egal: Da hat sich was geändert. Ich habe viele ausländische Einwohner kennengelernt, die sich sehr aktiv in das Leben des Ortes, wo sie wohnen, einbringen.

Wie groß ist denn der Haushalt?

Wir haben ein Gesamtvolumen von 20 Millionen Euro, aber wenig Mittel, um zu investieren. Eine unserer Haupteinnahmen ist die Gewerbesteuer. Wir nehmen kaum Einkommenssteuer ein, weil viele der Einwohner in Luxemburg arbeiten und dort versteuern.

Schließen Sie sich eigentlich den Forderungen der französischen Gemeinden nach einem Steuerausgleich an, wie er mit Belgien existiert?

Ich persönlich halte wenig von Direktzahlungen an die Gemeinden. In Belgien geht das einfacher. Bis hier das Geld vom Bund über das Land bei der Gemeinde ankommt – und nach welchen Kriterien eigentlich? –, dauert es viel zu lang. Ich halte mehr von Projekten, die den Bürgern direkt zugutekommen und an denen Luxemburg sich beteiligt.

Ein Fonds dafür ist ja auch schon länger in der Diskussion …

Ja. Aber wir haben das schon gemacht. Die Interkommunale Kläranlage, wo wir, Schengen und Remich unser Abwasser klären. Wir haben einen Trinkwassernotversorgungsbund mit Schengen und dem luxemburgischen Gemeindesyndikat SESE. In Notfällen können wir uns gegenseitig mit Trinkwasser versorgen. Unser Hallenbad funktioniert gut, weil auch Luxemburger Schulklassen es nutzen und Eintritte zahlen. Es ist immer ausgelastet. Das deutsch-luxemburgische Schengen-Gymnasium …

Sind Sie stolz, so etwas in der Gemeinde zu haben?

Auf jeden Fall. Die Schule ist ein Projekt, das zeigt, es ergibt Sinn, zusammenzuleben. Wenn man den europäischen Gedanken ernst nehmen will, dann muss man ihn leben. Diese Schule ist ein gutes Beispiel für ein konkretes Projekt. Wir wollen Vorbild in Sachen Europa sein. Dazu gehört übrigens auch die 2019 gegründete „Europäische wirtschaftliche Interessensvereinbarung“ (EWIV).

Was verbirgt sich dahinter?

Zwölf Gemeinden aus dem Dreiländereck, darunter Mondorf, Remich und Schengen, haben sich zusammengeschlossen und wollen den Tourismus hier in der Region vorantreiben.

Und?

Für die Bürger haben wir jetzt zwei Jahre hintereinander das „Festival³“ organisiert, wo Vereine aus ihrem Land hinaus in die Nachbarländer gehen und kulinarische Spezialitäten aus ihrer Region den Nachbarn näherbringen, begleitet von einem grenzüberschreitenden Musikprogramm. Austausch ist das Ziel. Geschätzt 15.000 Besucher haben zuletzt teilgenommen. Die „Schatzkarte“ zu den touristischen Highlights im Dreiländereck ist ein weiteres Projekt.

Gibt es noch weitere?

Der grenzüberschreitende Sportpark nahe des Schengen-Lyzeums ist in Planung und ein Multi-Mobilitätshub. Egal, wie man ankommt, ob per Bike, Auto oder Bus, soll dort nahtlos der Umstieg auf den grenzüberschreitenden öffentlichen Nahverkehr gelingen, um die Region zu entdecken. An beidem ist Luxemburg finanziell beteiligt.

Lokalpolitiker sind aktuell immer mehr Bedrohungen ausgesetzt. Sie treten noch mal an. Haben Sie keine Angst?

Ja, schon. Während der Pandemie wurde ich persönlich sehr hart angegangen. Aber ich habe in dem Wahlkampf jetzt sehr positive Erfahrungen gemacht. Und hier treten im Juni CDU-, SPD-, FDP- und Grünen-Kandidaten an. Die Welt ist hier noch in Ordnung, wie man so schön sagt.

Grenzgemeinden-Serie

Wie erleben unsere Nachbarn die Nähe zu Luxemburg? Das Tageblatt hat in sechs Gemeinden der Nachbarländer nachgefragt. Das saarländische Perl ist die letzte der Gemeinden, die wir besucht haben. Bisher erschienen sind Arlon, Echternacherbrück, Villerupt, Attert und Mont-Saint-Martin.