EditorialMärchenstunde mit Monni Tom

Editorial / Märchenstunde mit Monni Tom
Tom Weidig bei seiner Verteidigung als Abgeordneter Foto: Editpress/Julien Garroy

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„Ich bin ein Ally der LGBTQ Community“, behauptet Tom Weidig (ADR) bei RTL. Der Radiosender konfrontiert ihn im „Face-à-face“ mit seinem Namensvetter Tom Hecker, besser bekannt als Tatta Tom. Weidig rief in der Vergangenheit explizit zu Kommentaren gegen die Kinderbuchlesungen der Dragkünstlerin auf, die Kleinkindern eine Ideologie aufzwinge. Tom Hecker erhielt daraufhin Morddrohungen. Dafür will Tom Weidig keine Verantwortung übernehmen.

Das Eingangszitat wirkt wie aus einem Fiebertraum gerissen, immerhin ist Tom Weidig für seine Beiträge gegen LGBTQIA+-Themen bekannt. Den Ruf verteidigt er bei RTL. Dort pathologisiert er trans Personen, indem er ihre Präsenz als Pandemie bezeichnet. Er sorgt sich vor allem um verwirrte Minderjährige, die zur Hormonspritze greifen, als lägen die an der Supermarktkasse aus. Gibt Tom Hecker seinem Gegenüber geduldig Kontra, gewährt die Moderatorin Tom Weidig freie Fahrt.

Auch als er sich selbst zum Opfer stilisiert: Er sei wegen seiner Kritik an Tatta Tom als schlechter Mensch beschimpft worden, obwohl er die ADR in der Abgeordnetenkammer vertrete. Eine Partei, die seit Jahren unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit Stimmung gegen queere Menschen macht. Die Meinungsfreiheit reicht allerdings oft nur bis zur eigenen Nasenspitze.

Queerfeindliche Personen wie Tom Weidig beanspruchen dabei oft das Recht für sich, zu definieren, wie Queerness in der Öffentlichkeit gezeigt und ausgelebt werden darf. LGBTIQA+-Personen sollen sich ihren Vorstellungen beugen, andernfalls müssen sie ihre Präsenz sowie den Kampf für ihre Grundrechte jedes Mal aufs Neue erklären. Ein Paradebeispiel für diese Dynamik liefert Tom Weidig selbst, wenn er Tom Hecker versichert: Würde er sein Kostüm ablegen und nur seine Lebensgeschichte erzählen, wäre alles prima. Märchen würden hingegen eine Moral und somit eine Ideologie vermitteln; Heckers Auftritt als Drag verstärke zudem Vorurteile gegenüber LGBTIQA+-Menschen. Das bestimmt Tom Weidig – ein heterosexueller Mann.

Noch dazu verkauft Weidig seinen Widerstand gegen die institutionelle Akzeptanz queerer Menschen als Forderung nach einer vermeintlichen Neutralität. Damit missachten der Politiker und Gleichgesinnte die Tatsache, dass sich die Lebensrealität marginalisierter Personengruppen stark von der der Mehrheitsgesellschaft unterscheidet. Mit teils dramatischen Folgen. Im Mai berichtete die EU-Agentur für Grundrechte: Ein Drittel der LGBTQIA+-Personen allgemein und die Hälfte der trans Menschen in Europa denken über Selbstmord nach. Hass und Ausgrenzung dürfen also nicht als Meinungsäußerung bagatellisiert werden.

Wozu das auch auf politischer Ebene führen kann, zeigen unter anderem die Europawahlergebnisse: In mehreren EU-Ländern wählten Menschen rechte bis rechtsextreme Parteien, die meist zutiefst queer- und transfeindliche Ideen vertreten. In EU-Mitgliedstaaten wie Italien oder Ungarn, wo rechte Parteien regieren, werden die Rechte queerer Menschen zunehmend eingegrenzt und ihre Existenz untergraben.

An Tom Weidig ging jedenfalls ein Oscar-Preisträger verloren, wenn er irgendwem glaubhaft vormacht, ein Ally der LGBTQ-Gemeinschaft zu sein. Den Orden darf sich nur ans Revers heften, wer seine eigenen Privilegien kritisch hinterfragt und sich hinter all jene stellt, deren Platz in der Gesellschaft immer wieder angezweifelt wird. Alles andere ist eine Farce. Am Ende kann man Weidigs Aussagen nur ein Zitat seines Parteikollegen Fred Keup entgegenhalten: „Dat ass dann är Meenung. A mir hunn eng aner.“

Hottua Robert
20. Juni 2024 - 19.42

@PORCEDDA: Die Salonfähigkeit ist seit 1933 gegeben. MfG, Robert Hottua

porcedda daniel m
20. Juni 2024 - 17.43

Wenn „Rechte“ den Begriff Meinungsfreiheit benutzen, sollten alle Alarmglocken schrillen. Meinungsfreiheit ist eben kein Freibrief für Hetze gegen andere Menschen, ob LGBTIQA+- oder andere Gruppen.

Solange einerseits Gesetze dies nicht klar definieren, und andererseits Medien rechten Gesellen eine Plattform zur Verbreitung ihrer schrägen Gedanken geben, wird sich rechte Rhetorik in die Zivilgesellschaft hineinfressen, bis immer mehr Menschen denken, Rechtssprech wäre in Ordnung. Damit macht man rechtes Gedankengut salonfähig.

Es ist also der Gesetzgeber, der gefordert ist. Und es sind die Medien, die sich endlich von der unseligen Prämisse der politischen Berichterstattung lösen müssen, dass sie „jeden“ gleich berücksichtigen und ihnen Artikel und Interviews widmen müssen. Rechte Parteien und Politiker „zu Wort kommen zu lassen“, hat nichts mit „Ausgewogenheit“ zu tun. Die Medien dürfen kein Multiplikator für gefährliches Gedankengut sein.