Merscheid„Liewenshaff“ statt Schulbank: Kultur zur sozialen Integration

Merscheid / „Liewenshaff“ statt Schulbank: Kultur zur sozialen Integration
Zu Besuch auf dem „Liewenshaff“ Foto: Carole Theisen

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Inmitten der ländlichen Idylle des Luxemburger Nordens liegt der „Liewenshaff“: ein Ausbildungszentrum für Jugendliche, in dem Selbstständigkeit und Persönlichkeitsentwicklung zu den Lernzielen gehören. Kultur spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Schon beim Betreten des „Liewenshaff“ fällt auf: Kultur ist hier allgegenwärtig. „Wir legen viel Wert auf Ästhetik“, erklärt Claudine Welbes, pädagogische Leiterin des „Liewenshaff“. „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen Schönheit in den Dingen sehen und diese auch erleben können.“ Laura (21) und Nolan (19) – zwei Schüler*innen – führen das Tageblatt gemeinsam mit Welbes über den Hof. 

Der Streifzug beginnt im Hauptgebäude des „Liewenshaff“, wo alle Wände mit Bildern und Gemälden verschiedenster Künstler*innen geschmückt sind. „Unser Präsident, Jean Fetz, ist selbst Künstler und legt großen Wert auf den kulturellen Aspekt. Er organisiert regelmäßig Ausstellungen und ermutigt andere Künstler*innen, mit uns zusammenzuarbeiten“, berichtet Claudine Welbes.

„Und gleich hier befindet sich unser Musikraum“, fährt Laura fort, die den „Liewenshaff“ seit 2023 besucht.  „Hier proben wir jeden Donnerstag.“ Vor ihrer Zeit auf dem „Liewenshaff“ arbeitete sie auf einem Bauernhof, was sie nach einer Weile aufgab. „Später möchte ich gerne mit älteren Menschen oder Kindern arbeiten, in der Freizeitgestaltung oder in der Pflege“, verrät sie. „Meine Mutter hat selbst in einem Altenheim gearbeitet. Das hat mich wahrscheinlich inspiriert, denn von klein auf will ich anderen Menschen helfen.“

Claudine Welbes, Nolan und Laura (v.l.n.r.)
Claudine Welbes, Nolan und Laura (v.l.n.r.) Foto: Carole Theisen

Musikalische Vorerfahrungen hatte Laura nicht, doch durch die Unterstützung des Musiklehrers Simon Levenberg machte sie große Fortschritte. Levenberg ist bei dem Besuch anwesend und betont die Vielfalt der Musikrichtungen, die am „Liewenshaff“ gelehrt werden: „Wir legen uns nicht auf eine bestimmte Stilrichtung fest. Wir spielen alles von Rock bis Hip-Hop, klassische Musik wie Bach und vieles mehr. Hauptsache, es macht Spaß. Jeder kann seine Ideen einbringen und selbst entscheiden, was er gerne machen möchte.“

Laura erzählt begeistert von der Schulband, den „Liewenshaff Allstars“, die nicht nur im Musikraum proben, sondern auch bei besonderen Veranstaltungen wie dem im Dezember anstehenden Dinner-Spektakel auftreten. Events wie das Blues-Festival im Sommer und die festlichen Dinner zu Weihnachten finden mindestens zweimal jährlich statt und ziehen neben der lokalen Gemeinschaft auch Gäste aus der Ferne an. Sie bieten den Jugendlichen eine Plattform, um ihr Können unter Beweis zu stellen und ihre Talente einem breiten Publikum zu präsentieren. Einer der musikalischen Höhepunkte des Jahres wird auch der Besuch des luxemburgischen Musikers Serge Tonnar sein, der am 21. Juni den „Liewenshaff“ besuchen wird. „Er wird mit uns über seine Texte sprechen und anschließend ein Konzert geben“, freut sich Laura.

 
  Foto: Carole Theisen

Für Nolan ist Musik ebenfalls von Bedeutung. Einst Schüler des „Lycée du Nord“, fand er auf der Suche nach einer neuen Perspektive den Weg zum „Liewenshaff“. Nach anfänglichen Schwierigkeiten als Auszubildender entdeckte er hier eine unterstützende Gemeinschaft, die nicht nur seine Leidenschaft für Musik förderte, sondern auch seine persönliche Entwicklung unterstützte.

Was die Kultur mir bringt? Wir lernen neue Leute kennen und haben mit ihnen zusammen Spaß, erleben neue Dinge, und ich kann kreativ sein. Wir erhalten Inspiration und viele verschiedene Ideen von anderen Leuten, egal ob jung oder alt, Mädchen oder Jungs.

Nolan, Jugendlicher auf dem „Liewenshaff“

Seit einigen Jahren widmet er sich intensiv dem Schreiben und Performen von Rap-Texten. Was einst als Hobby begann, entwickelte sich schnell zu einer tiefen Leidenschaft und einer Ausdrucksmöglichkeit. „Ich schreibe über alles Mögliche – Liebe, Leben, Herausforderungen“, erklärt Nolan. Seine Texte handeln oft von persönlichen Erfahrungen, aber auch von den Lebensrealitäten seiner Generation. So heißt es in einem seiner Songs: „Je veux juste fermer les yeux et rêver d’un ciel bleu/Et mon cœur comblé d’amour en rose/Juste encore une fois/Vas-y danse avec moi/J’ai connu les vrais/J’ai connu les faux“.

Im Gespräch mit dem Tageblatt hebt der Jugendliche vor allem den gemeinschaftlichen Aspekt der kulturellen Aktivitäten am „Liewenshaff“ hervor: „Was die Kultur mir bringt? Wir lernen neue Leute kennen und haben mit ihnen zusammen Spaß, erleben neue Dinge, und ich kann kreativ sein. Wir erhalten Inspiration und viele verschiedene Ideen von anderen Leuten, egal ob jung oder alt, Mädchen oder Jungs. Wichtig ist für mich, gemeinsam etwas zu unternehmen. Und wenn mal etwas nicht so gut läuft, versuchen wir immer, eine Lösung zu finden, egal wie schwierig die Situation ist.“ In diesem Sinne hat ein bestimmtes Projekt Nolan ganz besonders beeindruckt: „La Capsule“ der luxemburgischen Multikünstlerin Nora Wagner und des Regisseurs Kim El Ouardi.

Von Mai bis September zieht das Team des Projekts „La Capsule“ durch Luxemburg und Umgebung, um ein experimentelles Low-Fi-Roadmovie zu drehen. Dabei setzt es sich mit ökologischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Anliegen auseinander. Ein Halt auf dieser Reise war kürzlich der „Liewenshaff“. „Wir haben eine Marionette aus Materialien gebaut, die wir in den verschiedenen Ateliers des ,Liewenshaff‘ gesammelt haben“, erinnert sich Nolan. „Das war großartig für die Teambildung. Wir haben viel Zeit mit den Künstlern verbracht und viel von ihnen gelernt.“

Dieses Kunstprojekt, das auch eine Geschichte von Zerstörung und Neubeginn erzählt, wurde durch ein Video dokumentiert, das gemeinsam mit den Schüler*innen, Lehrer*innen und Tieren des Hofes auf den Feldern des „Liewenshaff“ gedreht wurde. Der Abschluss von „La Capsule“ wird im November in Form einer Vernissage stattfinden, bei dem die Ergebnisse und Erfahrungen offiziell präsentiert werden.

Kunst unter freiem Himmel

An der Wand des großen Stalls prangt ein riesiges Graffiti eines Frauengesichts. „Dieses wurde während eines Tags der offenen Tür von einem Luxemburger Graffiti-Künstler gesprayt“, erzählt Welbes. „Ein ehemaliger Schüler des ,Liewenshaff‘, der heute selbst Graffiti-Künstler ist, hat dabei geholfen.“

 
  Foto: Carole Theisen

Auch in das große Streetart-Projekt beim „Centre hospitalier de Luxembourg“, an dem namhafte nationale Graffiti-Künstler*innen wie Sumo beteiligt waren, durfte sich der „Liewenshaff“ einbringen. Hier hatten sechs Schüler*innen die Möglichkeit, eine ganze Wand zu gestalten und dabei ihre eigenen kreativen Visionen umzusetzen. Diese Erfahrung hat nicht nur ihre künstlerischen Fertigkeiten erweitert, sondern auch ihr Selbstvertrauen gestärkt, indem sie Teil eines bedeutenden kulturellen Ereignisses wurden, das weit über die Grenzen der Einrichtung hinaus reichte.

Der weitläufige Park des „Liewenshaff“ gleicht derweil eher einer riesigen Freiluftausstellung: Egal, wo man hinschaut, entdeckt man beeindruckende, diverse Kunstwerke, die sowohl von den Schüler*innen selbst als auch in Kollaborationen mit Künstler*innen entstanden sind, wie zum Beispiel die Fotoausstellungen. „Die Fotografen haben eine Zeit lang hier mit uns gelebt, um unseren Alltag kennenzulernen und festzuhalten“, erklären die Jugendlichen. Einige dieser Werke wurden später sogar in Kunstbüchern veröffentlicht, die der „Liewenshaff“ zusammengestellt hat.

Die Vergänglichkeit zu akzeptieren, ist auch eine wichtige Lektion für die Jugendlichen. Manchmal geht etwas zu Ende, damit etwas Neues entstehen kann.

Claudine Welbes, pädagogische Leiterin „Liewenshaff“

Beim Rundgang geht es weiter zu einer skurrilen Eisenfigur, die den Präsidenten des „Liewenshaff“, Jean Fetz, darstellen soll – stets mit Zigarre in der Hand. „Diese Figur wurde im Eisenatelier gefertigt, wo aus Restmaterialien oftmals Skulpturen erschaffen werden, mit denen wir das gesamte Gelände des ,Liewenshaff‘ dekorieren“, sagt Claudine Welbes. Anschließend führt Laura zum Minigolfplatz, der nun bald renoviert werden soll. „Wir wollen den Platz neu gestalten und dabei kreativ sein. Eine unserer Ideen ist es zum Beispiel, einen Traktorreifen in eine der Bahnen einzubauen, wo der Ball dann hindurch gespielt werden muss“, offenbart sie. „Die Jugendlichen entwickeln die Ideen für die Stationen selbst, und wir laden Künstler*innen ein, um mitzumachen“, fügt Claudine hinzu. „Dies ist unser großes Projekt für das kommende Jahr.“

Der Präsident des „Liewenshaff“, Jean Fetz, als Eisenfigur
Der Präsident des „Liewenshaff“, Jean Fetz, als Eisenfigur Foto: Carole Theisen

Im Park der Anlage stößt man außerdem auf die Überreste einer Installation der Berliner Künstlerin Anja Sommer. „Die Vergänglichkeit zu akzeptieren, ist auch eine wichtige Lektion für die Jugendlichen“, kommentiert Claudine Welbes den Zerfall des Kunstwerks. „Manchmal geht etwas zu Ende, damit etwas Neues entstehen kann.“

Kultur als Spiegel der Gesellschaft

Kultur ist auf dem „Liewenshaff“ also mehr als nur ein Rahmenprogramm: Sie ist der Kern der pädagogischen Philosophie des Ausbildungszentrums. Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft, bietet Raum für Kritik und Reflexion. Ob in der Musik, der Kunst oder im täglichen Miteinander – der „Liewenshaff“ ist ein Ort, an dem Jugendliche nicht nur lernen, sondern ihre eigene kreative Stimme finden können. „Unsere Schüler*innen passen oft nicht in den herkömmlichen Bildungsrahmen, ebenso wie viele Künstler“, fasst Welbes zusammen. „Kultur ermöglicht es ihnen, sich auszudrücken und positiv wahrgenommen zu werden.“ 

Konzert von Serge Tonnar

Am Freitag, 21. Juni, ab 19 Uhr, tritt der Musiker Serge Tonnar auf dem „Liewenshaff“ in Merscheid auf. Das Konzert findet im Rahmen des jährlichen „Tags der offenen Tür“ auf dem Hof statt. 
Der Eintritt kostet 20 Euro für Erwachsene und 15 Euro für Studierende. Karten gibt es ausschließlich an der Abendkasse.