LGBTQIA+Kollektiv Megaphone: „Luxembourg Pride ist weder radikal noch politisch genug“

LGBTQIA+ / Kollektiv Megaphone: „Luxembourg Pride ist weder radikal noch politisch genug“
Oft kritisiert: Prides seien heute unpolitischer als die LGBTQIA+-Aufstände der 1960er-Jahre Foto: Wikimedia Commons/Antti T. Nissinen, CC BY 2.0

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Nach 25 Jahren Luxembourg Pride ist es Zeit für mehr Inklusion und Radikalität, sagt das neue Kollektiv Megaphone. Doch was sind die Kritikpunkte? Und gibt es Lösungen? Ein Interview. 

 Quelle: Tageblatt

Tageblatt: Was bedeutet das 25. Jubiläum der Luxembourg Pride für Megaphone, das sich dieses Jahr erstmals an der Pride Week beteiligt?

TC*: Es ist schön, dass die Pride seit 25 Jahren besteht und sichtbar bleibt. Sie bringt der breiten Masse queere Themen näher.

LK*: Für mich sind Prides ein Moment, in denen die Communities zusammenkommen und Netzwerke entstehen können. Für Menschen, die ihre Queerness erst entdecken; in einer queerfeindlichen Umgebung oder allein leben, sind sie besonders wichtig. Prides geben einem die Möglichkeit, auf Gleichgesinnte zu treffen, ohne sich zu outen: Es sind öffentliche Großveranstaltungen, bei denen die eigene Teilnahme nicht auffällt. Die Kehrseite ist, dass Prides kommerzialisiert werden, eben weil sie ein großes Publikum anlocken.

TC: Noch dazu bleibt die Pride in Luxemburg ein Event, das vorwiegend von homosexuellen, weißen Cis-Männern organisiert wird und sich an ebendiese richtet. Inter*, nicht-binäre, trans*, nicht-weiße Personen sowie Menschen mit einer Behinderung fühlen sich ausgeschlossen. Davon abgesehen ist die Luxembourg Pride weder radikal noch politisch genug. Die Prides gehen auf die Stonewall Riots (1969) in New York zurück; während der AIDS-Krise in den 1980er-Jahren gab es in den USA Proteste gegen die queerfeindliche Gesundheitspolitik – heute ähneln Prides eher einer großen Party. 

Haben Sie deswegen Anfang 2024 Ihr eigenes Kollektiv gegründet, das einen inklusiven Aktivismus verfolgt?

LK: Aktivistische Gruppen in Luxemburg sind selten intersektional (auf unterschiedliche Formen von Diskriminierung eingehend, die sich gegenseitig beeinflussen oder sogar verstärken können, Anm. d. Red.). Das ist uns jedoch ein großes Anliegen. Wir wissen beispielsweise, dass queere Umweltaktivist*innen lange dafür kämpfen mussten, dass das „Centre for Ecological Learning Luxembourg“ ihre Belange wahrnimmt und unterstützt. Bei den diesjährigen Transition Days gab es zum ersten Mal queere Panels. Wir begrüßen dies, doch es war ein weiter Weg bis dahin und das hat queere Aktivist*innen viel Kraft gekostet. In feministischen Kreisen sind die Forderungen queerer oder anti-rassistischer Organisationen ebenfalls unterrepräsentiert. Ein Beispiel dafür liefert die feministische Plattform „Journée internationale des femmes“ (JIF): Sowohl das queere Zentrum Cigale als auch die feministische, antirassistische Organisation Lëtz Rise Up haben sich von der Plattform distanziert, weil sie sich nicht mehr mit ihr identifizieren konnten. Weiße, heterosexuelle Cis-Frauen monopolisieren den Feminismus in Luxemburg.

Ein 50-jähriger Homosexueller freut sich, dass er inzwischen heiraten darf – damit ist einer gleichaltrigen Trans-Frau aber kaum geholfen. Heute kämpfen queere Personen gegen andere Probleme an als noch vor 25 Jahren. Dem muss eine Pride gerecht werden.

TC, Sprecher*in von Megaphone

Die JIF setzt sich weiterhin gegen Queerfeindlichkeit und Rassismus ein.

LK: Wie ehrlich dieses Engagement ist, wenn sich Gruppen wie Cigale oder Lëtz Rise Up von der Plattform lösen? Eine intersektionale Alternative bieten, neben den Mitgliedern von Megaphone, auch Organisationen wie das „Laboratoire d’études queer, sur le genre et les féminismes“ oder „Queer Little Lies“ (QLL).

Inwiefern sind Differenzen bezüglich des queeren Aktivismus eine Generationsfrage?

TC: Fortschritt liegt im Auge der Betrachter*innen: Die Forderungen unterscheiden sich nicht nach Altersgruppe. Ein 50-jähriger Homosexueller freut sich, dass er inzwischen heiraten darf – damit ist einer gleichaltrigen Trans-Frau aber kaum geholfen. Die Communities dürfen sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen beziehungsweise sollten sich weiter für die Rechte von LGBTQIA+-Menschen einsetzen. Heute kämpfen queere Personen gegen andere Probleme an als noch vor 25 Jahren. Dem muss eine Pride gerecht werden.

Was meinen Sie damit?

TC: Als Trans-Person kann ich nur über meine eigenen Lebenserfahrungen sprechen: Der Zugang zu Informationen rund um die Transition, inklusive den Bestimmungen der nationalen Krankenkasse, ist schlecht. Für mich war es äußerst schwer, herauszufinden, wie ich meinen Namen im Personenstandsregister ändern oder wo ich eine Hormontherapie durchführen lassen kann, wie ich meine Anträge an die nationale Krankenkasse stellen muss und so weiter.

Das war für Trans-Personen vermutlich immer schon ein Problem.

TC: Ich behaupte nicht, dass diese Probleme neu sind – sie sind nur dringlicher denn je. Immer mehr Trans-Personen finden den Mut, sich zu outen und eine Transition durchzuführen. Früher wagten Trans-Menschen es selten, offen über ihre Identität zu sprechen oder ihre Lebensumstände anzugleichen. Heute nimmt die Zahl der Menschen, die auf Informationsmaterial angewiesen sind, zu. Sie brauchen zentrale, unterstützende und verlässliche Anlaufstellen. Diese könnte es längst geben.

Die Demo „Take Back the Night“ Ende April 2024 richtete sich gegen Gewalt gegenüber Flinta* (Frauen, Lesben, inter*, nichtbinäre, trans*- und Agender-Personen)
Die Demo „Take Back the Night“ Ende April 2024 richtete sich gegen Gewalt gegenüber Flinta* (Frauen, Lesben, inter*, nichtbinäre, trans*- und Agender-Personen) Foto: Megaphone

Wie stellen Sie sich eine inklusive Pride in Luxemburg vor?

LK: Statt einer einzigen Luxembourg Pride könnten mehrere Prides stattfinden, alle mit unterschiedlichem Schwerpunkt und verschiedenen Standorten.

TC: Auch muss der politische Aspekt der Pride stärker kultiviert werden. Es braucht mehr Aufklärungsarbeit während der Pride Week, beispielsweise durch mehr Informationsstände statt Bühnenprogramm. Debatten zu historischen und sozialen Missständen sollten bei der Pride ebenfalls im Vordergrund stehen, damit sie möglichst viele Menschen erreichen.

Besteht das Bedürfnis nach alternativen Prides vonseiten der Communities in Luxemburg?

LK: Absolut, vor allem unter jungen Menschen. Das ist uns bei der Flinta*-Demo „Take Back The Night“ aufgefallen: Es gab etliche positive Rückmeldungen. Viele Teilnehmer*innen meinten, sie hätten sich noch nie so sicher, frei, bestärkt und gesehen gefühlt. Alternative Prides würden also mit Sicherheit auf Begeisterung stoßen. Die Zahl der Besucher*innen fiele vermutlich niedriger aus, doch umso wichtiger wären die Prides für die Betroffenen.

Was plant Megaphone für die Pride Week?

LK: Wir schließen uns dem Programm der Escher Kulturfabrik („Unexpected: Pride Edition“, Anm. d. Red.) an. Konkret bieten wir am Samstag, dem 13. Juli, einen partizipativen Drag-Workshop in Zusammenarbeit mit House of Saint Trinity und La Queerdom an. Ziel ist es, Menschen die Drag-Kultur näherzubringen. Alle dürfen sich beteiligen und performen, unabhängig ihrer Erfahrungen, Identität oder Herkunft. Langfristig wollen wir eine alternative Drag-Szene in Luxemburg aufbauen: Es fehlt hierzulande an Drag Kings und anderen Formen der Drag-Kunst.

Dieses Anliegen verfolgt auch das „Queer Little Lies“-Festival, das alle zwei Jahre stattfindet.

LK: Mit QLL stehen wir in Kontakt. Dieses Jahr war keine Zusammenarbeit möglich, doch wir hoffen auf gemeinsame Events in der Zukunft.

Apropos Zukunft: Wie stellen Sie sich die Luxembourg Pride 50 Jahre nach dem ersten Gay Mat vor?

TC: Unabhängig von der Luxembourg Pride. Im Idealfall bieten unterschiedliche Institutionen, wie etwa Museen, ein Rahmenprogramm zur Pride an. Es bestehen Synergien zwischen den Communities und mehrere Prides, die sich jedes Jahr weiterentwickeln. Prides sind wieder Demos, bei denen Aktivist*innen ihrer Wut Luft machen und ihre Forderungen laut kommunizieren können – und zwar alle, die sich den Communities zugehörig fühlen.

* Die Sprecher*innen wollen anonym bleiben.

Was ist Megaphone?

Das Kollektiv Megaphone wurde Anfang 2024 gegründet und besteht zurzeit aus Einzelpersonen sowie folgenden Organisationen: Centre Cigale, déi Aner, Gebeesshoueren, Lëtz Rise Up, Prizma – Uni.lu LGBT+ Students’ Association, Richtung22, Rise for Climate und Pipapo. Das Kollektiv versteht sich als queerfeministisch, intersektional, antirassistisch, dekolonial, klimabewusst, „antiableist“ (also gegen Behindertenfeindlichkeit ankämpfend), antifaschistisch und antikapitalistisch. Es setzt sich unter anderem für inklusiven Aktivismus ein. Weitere Informationen: megaphone.lu.

Was bedeutet eigentlich … ?

Cis: Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem in der Regel anhand äußerer Merkmale bei der Geburt bestimmten Geschlecht übereinstimmt

Inter*: Personen mit Variationen der körperlichen Geschlechtsmerkmale

Nichtbinär: Geschlechtsidentitäten, die außerhalb der Kategorien weiblich/männlich liegen

Trans*: Oberbegriff für Menschen, deren Geschlechtsidentität dem in der Regel anhand äußerer Merkmale bei der Geburt bestimmten Geschlecht widerspricht

Flinta*: Kurzwort für „Frauen, Lesben, inter*, nichtbinäre, trans*- und Agender-Personen“

Drag King: Person, die maskuline Stereotypen überspitzt darstellt – ähnlich wie die bekannteren Drag Queens, nur handelt es sich diesmal um maskuline Darstellung

Erklärungen zu weiteren Begriffen gibt es auf
tageblatt.lu.