29. November 2025 - 9.10 Uhr
Seltene Klänge aus PetingenHinter den Kulissen bei Luxemburgs einzigem Instrumentenbauer
Wer in Luxemburg nach seltenen Berufen sucht, ist im Atelier du Son in Petingen an der richtigen Adresse. Hier arbeitet der einzige Instrumentenbauer des Landes. Seit rund zehn Jahren führen Thomas Vervloessem und seine Partnerin Ledicia González Blanco das kleine Geschäft in der Avenue de la Gare. „Noch besteht unser Hauptgeschäft im Instandsetzen von Instrumenten“, sagt der 34-Jährige Mitte November. Für einen Einblick in sein Handwerk öffnet er bereitwillig die Werkstatt.
Ob Trompete, Tuba, Klarinette oder Saxofon – Musiker aus ganz Luxemburg und der Großregion bringen ihre Instrumente nach Petingen. Auch, weil es nur wenige Reparateure gibt. Ein Umstand, den Vervloessem bedauert. „Es gibt noch eine Adresse in Luxemburg-Stadt und das Kröger-Geschäft in Trier. Das bedeutet für uns alle viel Arbeit – manchmal sogar zu viel.“ Vor allem im Sommer, wenn Musikschulen und -vereine pausieren und viele die Gelegenheit nutzen, ihre Instrumente überholen zu lassen.
„2024 hatten wir 300 Instrumente in wenigen Wochen. Da haben wir quasi in der Werkstatt gewohnt“, erinnert sich Vervloessem. Für 2025 habe man beschlossen, nur etwa die Hälfte anzunehmen. In normalen Zeiten wandern rund 20 Instrumente pro Woche durch den Prozess. Wie viel Zeit jedes einzelne benötigt, hängt vom Zustand ab – angenommen werden Kunden inzwischen nur noch nach Termin.
Die Arbeitsteilung ist klar: Vervloessem betreut die Blechbläser, González Blanco die Holzbläser. „Tauschen können wir nicht einfach – das sind sehr unterschiedliche Arbeiten.“ Holzblasinstrumente verlangen feines Gespür, bei Blech darf es hingegen auch kräftiger zugehen. Vor allem erfordert der Beruf ein genaues Verständnis der Instrumente, der Marken und der unterschiedlichen Materialien.

Ausbildung in Deutschland
Beide haben spezialisierte Ausbildungen in Deutschland absolviert: Die Spanierin González Blanco bei Keilwerth, Vervloessem bei Jürgen Voigt in Markneukirchen. Dass er einmal Instrumentenbauer werden wolle, habe er bereits mit 15 gewusst, erzählt der Belgier. Damals zog er mit seinen Eltern von seinem Heimatdorf nahe Leuven nach Steinfort, nachdem sein Vater in Luxemburg eine Stelle angenommen hatte. Dort trat er dem Musikverein bei.
Knapp drei Jahre später entschied sich Vervloessem für die Lehre in Deutschland. Nach weiteren drei Jahren war er Geselle – und lernte in dieser Zeit González Blanco kennen und lieben. Ursprünglich sollte ihr gemeinsamer Weg in die Schweiz führen. Doch über private Kontakte erfuhren sie, dass die Instrumentenreparateure in Petingen ihren Betrieb aufgeben wollten. Die Chance erschien zu gut, um sie verstreichen zu lassen. „So hat es uns hierher verschlagen“, sagt er.
Heute haben sich beide im Süden Luxemburgs eine treue Kundschaft aufgebaut. „Viele kommen regelmäßig – einmal im Jahr, einmal im Monat, manche öfter. Manchmal auch nur auf einen kurzen Austausch“, erzählt Vervloessem. Zeit für die Kundschaft sei entscheidend, gerade weil Instrumente keine Wegwerfgegenstände sind – und für viele mit starken Emotionen verbunden. „Die Kunden erwarten von uns auch eine gute Beratung. Dafür muss man sich Zeit nehmen und viel Wissen aneignen“, sagt Vervloessem. Eigentlich wären er und seine Partnerin froh, eine feste Aushilfe im Vorbereich zu haben. „Doch viele überfordert einfach die Menge an Informationen, die man sich aneignen muss.“ Der größte Konkurrent sei allerdings der Staat, sagt der Instrumentenbauer. „Musiklehrer verdienen deutlich mehr, als ich ihnen hier im Geschäft zahlen kann.“ Eine Ausbildung zum Instrumentenbauer in Luxemburg sei schwierig. „Wir können einem hier zwar die Praxis anbieten, doch für die Theorie müsste man pendeln, wahrscheinlich nach Deutschland. Aber das ist für viele zu weit.“
Weiterbildung gehört für beide fest zum Beruf, auch wenn sich dieser vergleichsweise langsam wandelt. Viele Techniken sind seit Jahrzehnten nahezu unverändert. „Trotzdem muss man ständig neugierig bleiben“, sagt Vervloessem. Er und González Blanco tauschen sich regelmäßig mit Kollegen im Ausland aus, besuchen Foren und Fortbildungen – und lassen sich auch abseits des Instrumentenbaus inspirieren, etwa aus der Schmuckherstellung, dem Schmiedehandwerk oder der Restaurierung. „Man kann aus sehr vielen Berufen etwas mitnehmen.“
Zwei neu angeschaffte Laserschneider erleichtern inzwischen in Petingen das Zuschneiden von Filzelementen – ein Arbeitsschritt, der früher manuell mit Stanzeisen erfolgte und je nach Hersteller variierte. Nun geht es reibungsloser und vor allem schneller. „Solche Maschinen sind eine große Hilfe“, sagt Vervloessem. „Aber sie ersetzen nicht das Grundwissen – und auch nicht die Sorgfalt, die man in dieses Handwerk mitbringen muss.“
Zukunftsträume für die Werkstatt
Die Anschaffung eines Instruments kann mehrere tausend Euro kosten und will gut überlegt sein, betont Vervloessem. In Luxemburg herrsche häufig die Einstellung: neu und teuer ist besser. Doch das stimme nicht immer. „Auch Secondhand-Instrumente können den Ansprüchen genügen und sind gerade für Anfänger erschwinglicher.“ Ein Kauf lohne sich dann, wenn echtes Interesse und langfristige Motivation vorhanden seien. „Zu Beginn reicht oft ein Leihinstrument, etwa aus Musikvereinen oder Musikschulen. Wenn das Hobby jedoch bleibt, dann ist es sinnvoll, zu investieren.“
Im Atelier du Son stehen derzeit einige neue, vor allem aber überholte Gebrauchtinstrumente zum Verkauf. Langfristig möchte Vervloessem jedoch mehr als reparieren. Er baut selbst Trompeten – allerdings lässt sich dieser Traum in den aktuellen Räumlichkeiten kaum verwirklichen.
„Sie sehen ja, der Platz ist begrenzt“, sagt er. Hinter der kleinen Theke befindet sich ein schmaler Verkaufsbereich, doch der Großteil des Lokals ist Werkstatt. Vier Arbeitsplätze, dicht eingerahmt von Werkzeugen, Materialien und Ersatzteilen. Was für Außenstehende unübersichtlich wirken mag, funktioniert für das Duo präzise – jeder Griff sitzt. In dem einen Hinterraum steht die Poliermaschine, gerade groß genug für zwei Personen. Im anderen das Ultraschallbad, rund 5.000 Euro teuer. Eine größere Version für 10.000 Euro sei bereits bestellt, „mit Aufzug für die großen Instrumente“, sagt Vervloessem und lächelt.
Doch für die Zukunft ist mehr Raum nötig. „Die Reparatur geben wir nicht auf, aber ich möchte gern verstärkt eigene Instrumente bauen.“ Deshalb sucht das Paar aktuell nach neuen Werkstatträumen – ein Vorhaben, das sich in Luxemburg allerdings schwierig gestaltet, nicht zuletzt wegen der Immobilienpreise.
Noch ist die Vision eines größeren Ateliers Zukunftsmusik. Doch Vervloessem und González Blanco arbeiten weiter daran – Schritt für Schritt, Instrument für Instrument.
Wie restauriert man eine Trompete?

De Maart

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