EditorialGefühle außer Kontrolle: Warum Emotionen im Sport nicht immer hilfreich sind

Editorial / Gefühle außer Kontrolle: Warum Emotionen im Sport nicht immer hilfreich sind
 Foto: AFP/Damien Meyer

Jetzt weiterlesen! !

Für 0,59 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Sie sind bereits Kunde?

Welcher Fußballfan erinnert sich nicht an den 8. Juli 2014? An die Demütigung von São Paulo. Bei der WM 2014 im eigenen Land war Brasilien mit dem Ziel angetreten, vor heimischem Publikum den sechsten Stern zu holen. Im Halbfinale wurden sie jedoch vom späteren Weltmeister Deutschland völlig demontiert. Die brasilianischen Weltstars standen an diesem historischen Abend völlig neben sich. Noch während die 1:7-Niederlage ihren Lauf nahm, hatten einige Fußballer vom Zuckerhut mit den Tränen zu kämpfen.

Fußballspiele werden im Kopf entschieden, das ist nicht erst seit diesem Abend bekannt. Und auch Emotionen sind wichtig, um das nötige Feuer zu entfachen, um eine Partie für sich zu entscheiden. Was jedoch passiert, wenn Spieler emotional überladen sind und sich zu viel Druck auflasten, wurde damals in São Paulo auf eindrucksvolle Art und Weise demonstriert. 

Ein ähnliches, aber sportlich weit weniger dramatisches Szenario ereignete sich am Montag bei der Europameisterschaft in Deutschland. Genau wie die Brasilianer damals wollten auch die Ukrainer für ihr Volk gewinnen. Für die Menschen, die seit dem 24. Februar 2022 Opfer des russischen Angriffskrieges sind. Das Turnier sollte für die Ukrainer noch einmal eine Bühne werden, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. „Wir starten heute unser Turnier mit einer Mannschaft auf dem Feld, aber Millionen von Soldaten, die die Ukraine verteidigen. Wir sind alle zusammen“, ist nur eine Aussage vom Ex-Fußballstar und heutigen Verbandspräsidenten Andrej Schewtschenko.

Das Spiel gegen Rumänien wurde offensichtlich auf emotionaler Ebene verloren. Die ukrainischen Spieler betitelten ihre Leistung nach der 0:3-Niederlage als „Schande“. Genau wie die Brasilianer hatten sie das Gefühl, ihr Volk gedemütigt zu haben.

Seit über zwei Jahren haben das ukrainische Volk – zu dem eben auch die Sportler zählen – mit der kompletten emotionalen Bandbreite zu kämpfen. Wut und Angst vermischen sich mit Trauer und mit dem Gefühl, machtlos zu sein, aber auch mit der Ansicht, in der Pflicht zu stehen, etwas für das eigene Volk zu tun. Diese Achterbahnfahrt der extremsten Gefühle vor einem solch wichtigen Sportevent auszublenden, ist fast eine Sache der Unmöglichkeit.

Im Fußball und auch in allen anderen Sportarten spielen sehr viele externe Faktoren eine Rolle. Der Einfluss der Psyche auf die Leistungen ist von sehr erheblicher Natur. Ohne einen gesunden Geist kann der Körper nicht optimal funktionieren. Wer also bei der EM von der ukrainischen Mannschaft Höchstleistungen erwartet, könnte eine Enttäuschung erleben. (Dan Elvinger)