„Es ist einiges möglich“ – FPÖ feiert sich

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Heinz-Christian Strache könnte bald der erste Politiker mit Neonazi-Vergangenheit sein, der in Europa einer Regierung angehört. Am Freitag beschwört er in Wien seine Fans. Eine Begegnung.

Hah! – Zeh!, Hah! – Zeh!, Hah! – Zeh! Die Rufe hallen am Freitag unter blauem Frühabendhimmel und blauen Luftballons über den Wiener Viktor-Adler-Markt. Gemeint ist Heinz-Christian Strache, den alle nur HC nennen. Strache könnte bald der erste Politiker mit Neonazi-Vergangenheit sein, der in Europa einer Regierung angehört – als Chef und Spitzenkandidat der FPÖ, Österreichs rechtsextremer Partei, die in diesem Land kaum mehr einer als solche wahrnimmt.

Dafür ist die FPÖ schon zu lange Teil der politischen Landschaft der Alpenrepublik, einige Regierungsbeteiligungen inklusive. 1992, beim FPÖ-Volksbegehren „Österreich zuerst“, bildeten 300.000 Leute am Heldenplatz das sogenannte Lichtermeer, eine antifaschistische Massenkundgebung. Nun, am 13. Oktober 2017, schließt Strache seinen Wahlkampf in dieser etwas vernachlässigten und heruntergekommenen Ecke Wiens ab. Programm und Ideologie der FPÖ haben sich nicht geändert. Wer sich nicht integriert, die Sitten des Landes nicht akzeptiert, „der soll das Land besser verlassen“, ruft Strache seinen gut und gerne 1.000 Anhängern zu. Es ist die Stelle von Straches knapp einstündiger Rede, die die Menge mit dem lautesten Zuspruch quittiert.

Ein Protest? Fehlanzeige

Strache geißelt die „islamistischen Parallel- und Gegengesellschaften“ und beschwört die „christliche Leitkultur“. Ein bis dahin eher ruhiger Mann mittleren Alters brüllt „jawoll!“. Ein Protest gegen Strache mitten in Wien an diesem Herbsttag zwei Tage vor der Nationalratswahl? Fehlanzeige. Kein Pfiff, kein sichtbares Plakat, keine Tröte und auch kein Buhruf. Wien scheint sich mit der FPÖ abgefunden zu haben, die ländlichen Regionen haben das schon längst getan.

Dabei könnte die FPÖ kurz vor ihrer nächsten Regierungsbeteiligung stehen. Vieles deutet hin auf eine Koalition von Straches Freiheitlichen und der konservativen ÖVP unter ihrem Superjungstar und dem sich als Europas Türsteher Nummer eins inszenierenden Außenministers Sebastian Kurz.

Die Trennlinien zwischen beiden Parteien verschwimmen immer mehr. Und das liegt nicht daran, dass die FPÖ sich allzu sehr zur hin Mitte bewegen würde. In Fragen der Migration sowie in der Ausländer- und Sicherheitspolitik sind die Programme beider Parteien mittlerweile nahezu deckungsgleich. Es sind Programme, die sich kaum von jenen der FPÖ aus dem Jahr 1992 unterscheiden. 1992, ein Lichtermeer. 2017, kein einziger Pfiff. An diesem Herbsttag in Wien lässt sich besonders gut erkennen, welche Richtung nicht nur Österreich, sondern ganz Europa die vergangenen 25 Jahre eingeschlagen hat.

HC hat seine Fans im Griff

Die Menschenmenge am Viktor-Adler-Markt ist mehr als zufrieden. Strache, ein wie es sich für einen Demagogen gehört begnadeter Redner, hat seine Fans im Griff. Der FPÖ-Chef beschwört noch einmal einen freiheitlichen Wahlerfolg. „Vielleicht gelingt es uns sogar, gemeinsam die Überraschung zu schaffen“, ruft Strache in die Menge, „es ist einiges möglich!“ HC bestimmt, wann seine Zuhörer lachen, wann sie sich empören, wann sie johlen und die Österreichfahnen schwenken.

Wer jetzt denkt, am Markt, der den Namen eines alten Sozialdemokraten trägt, stehen 1.000 Kahlgeschorene und Blonde und frustrierte Senioren, der liegt daneben. Das Dauerphänomen FPÖ ist schwerer zu greifen, der Partei wird für Sonntag ein gutes Viertel der Stimmen vorausgesagt. Österreichs Rechtsaußen-Bewegung ist eine Volkspartei. Dementsprechend bunt gemischt ist die Menge – Alte und Junge, Männer mit Dreadlocks und Männer in Anzügen, Mütter mit ihren Kindern mit FPÖ-Schals um den Hals, ein paar Rocker, ein paar prollige Hooligans. Die meisten haben ihr Dosenbier von zuhause mitgebracht, eines in der Hand, das andere in der hinteren Hosentasche. Auch Strache hat ein großes Bier am Rednerpult stehen. Wenn er einen Schluck nimmt, prosten viele ihm zu und trinken auch einen. Die meisten rauchen. Und wer eine Hand frei hat, filmt die Rede mit seinem Handy.

„Wir wollen Österreich retten“

In der Menge sind auch viele Menschen von anderen Kontinenten. Das darf nur auf den ersten Blick erstaunen. Tatsächlich erhielt die FPÖ bei vergangenen Wahlen immer verhältnismäßig viele Stimmen von Menschen mit Migrationshintergrund. Zweitens sind wir hier im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten, einem der alten Arbeiter- und Einwandererviertel. „Ihr seid stark. Lasst euch nicht einreden, dass ihr schwach seid und eh nix ändern könnt“, ruft Strache seinem Publikum zu. Es sei „nicht Gott gewollt“, dass SPÖ und ÖVP ewig weiterregieren. „Ich danke euch und bin stolz auf euch. Ich werde euch dienen, wo auch immer ihr mich hinstellen werdet“, wird der FPÖ-Chef erst am Ende seiner ansonsten eher ruhig angelegten Rede emotional.

Vor Strache stand sein Vize und Ex-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer auf der Bühne, der bei der nächsten Präsidentenwahl wieder antreten will. Dies werde daher „vielleicht mein letzter Nationalratswahlkampf“ sein, so Hofer. Hofer war es auch, der an die erschienenen ausländischen Medienvertreter appellierte, nicht zu glauben, „was man oft über die FPÖ hört“. Man sei „nicht nationalistisch, sondern patriotisch“. „Wir wollen Österreich retten“, so Hofer.

Am Ende wird geknutscht

Ganz am Ende wird es dann noch einmal richtig schmalzig. Strache holt seine Ehefrau Philippa auf die Bühne. „Ich bin dankbar, so einen Menschen gefunden zu haben. Sie muss mich aushalten. Sie ist die starke Schulter, an die ich mich anlehnen kann.“ Dann küsst er sie langanhaltend. Auch Norbert Hofer und seine Frau küssen sich auf der Bühne. Schließlich ertönt zuerst die Bundeshymne und zu guter Letzt die „Parteihymne“. Wie immer bei der FPÖ schmettert die „John Otti Band“ ihr „Immer wieder Österreich“ von der Bühne. „HC“-Schals und Fahnen werden geschwungen, Konfetti und Luftballons fliegen durch die Luft. Dann folgt der letzte offizielle Akt dieses FPÖ-Wahlkampfes. Wer will, kann sich anstellen: Es ist Selfie-Time, HC wartet schon auf seine Fans.

Grober Jean-Paul
15. Oktober 2017 - 11.51

Was steht im Wahlprogramm der FPÖ, Österreich zuerst, Trump lässt grüßen!
Bitte lesen Sie mal die Sprüche die einige FPler, u.a. auch HC im Laufe seiner politischen Kariere, losgelassen haben. Das kommt den Aussagen eines GRÖFAZ oder seines humpelnden Propagandaministers sehr nahe.
Frage: wieso laufen so viele den Rechten nach wenn sie unzufrieden sind?

marek
15. Oktober 2017 - 9.31

ein Taxi fährt von Kunde zu Kunde, oder von Baustelle zur Baustelle. Und ein Politiker fährt von Wahlveranstaltung zur Wahlveranstaltung, um neue Wähler zu ködern. Darum der Vergleich zwischen einem Taxi und Politiker. Man hat ja auch im leben Visionen, ob man die umsetzen kann hängt ja auch von anderen ab, darum auch Störenfriede.

Grober Jean-Paul
15. Oktober 2017 - 0.27

Zur Info: der H. Strache will mit AT aus der EU austreten, also muss unser Jean nichts unternehmen!

Carl Hobichen
14. Oktober 2017 - 22.31

Was daran falsch sein soll?
Stellen Sie sich mal vor, Sie müssen für 3 Jahre in Saudi-Arabien arbeiten, aus welchen Gründen auch immer.
Wollen Sie sich bei allem integrieren und sich an die Sitten des Landes halten, z.Bsp eine zweite Frau heiraten, Muslim werden, ihre Frau(en) als zweitrangige Geschöpfe behandeln, Bart wachsen lassen, kein Klopapier sondern die linke Hand und Wasser benutzen...?

Besucher (wie Gastgeber) haben sich an die Gesetze zu halten ganz klar, aber es ist anmassend, kontraproduktiv, fremdenfeindlich und vieles andere, darunter wahrscheinlich sogar « braun », die SITTEN des Landes verpflichtend zu machen.
Das liest sich ja wie: Wer nicht jodeln lernt, fliegt raus!

Carl Hobichen
14. Oktober 2017 - 22.04

Taxi???
Was hat das jetzt damit zu tun?

bigpuschl
14. Oktober 2017 - 20.42

Wäre ich Herr strache würde ich auf Grund des Neonazi-Vorwufs Strafanzeige stellen.

Peter Mutschke
14. Oktober 2017 - 18.24

Ich lese daß Wien die Stadt mit der besten Lebensqualität der Welt ist .Andere Städte wie Salzburg oder Innsbruck sind doch auch attraktiv.Da stimmt doch was nicht in Felix Austria.Oder übersehe ich Was?

Thomas von Horstein
14. Oktober 2017 - 18.15

Was bitte schön soll an der Aussage 'Wer sich nicht integriert und sich nicht an die Sitten des Landes hält, soll das Land wieder verlassen' schlecht sein? Genau so sollte es überall in Europa heissen. Alle Kritik immer in die braune Ecke stellen, verfängt je länger je weniger. Ich drücke Österreich die Daumen..

Auslandsösi
14. Oktober 2017 - 18.07

Na dann suchen wir halt ab morgen um politisches Asyl an...

marek
14. Oktober 2017 - 17.51

Taxi fahren ist meines Wissens ein anerkannter Job. Machen sie sich mal Gedanken, was alles so vor einer vorgehaltenen Hand hier in Luxemburg geplaudert wird.

Serenissima, en Escher Jong
14. Oktober 2017 - 16.29

Ohne Zweifel werden wir jetzt wieder einen Kommentar von Herrn Asselborn hören der jetzt wieder einmal Oesterreich aus der EU werfen will....aber wie gesagt die Hunde bellen und die Karawane zieht vorbei auch an Steinfort les Bains...

Judd mat Gaardebounen
14. Oktober 2017 - 14.57

Falls diese Nazi-Kräfte ("Störenfriede" ist eine verniedlichung und lässt eine falsche Einschätzung bei Ihnen erkennen) kräftezehrend für die Demokratie sind, wäre das Legitim.

marek
14. Oktober 2017 - 13.43

sollte eine FPÖ in die Regierung-Mitverantwortung kommen, steht die Frage im Raum, welcher Knüppel von der EU wieder hervor gezaubert wird, um Störenfriede los zu werden.