FilmgeschichteDas missverstandene Künstlergenie: Vincent van Gogh auf der Leinwand

Filmgeschichte / Das missverstandene Künstlergenie: Vincent van Gogh auf der Leinwand
Standbild aus „Loving Vincent“ (2017) von Dorota Kobiela und Hugh Welchman Quelle: imdb.com

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Vincent van Gogh darf wohl als einer der bekanntesten Maler der Welt gelten. Das von Schicksalsschlägen gezeichnete Leben, die mangelnde Anerkennung seiner Kunst zu Lebzeiten und die spannungsreiche Beziehung zu Paul Gauguin führten zu blutigen Auseinandersetzungen und letztlich zum Selbstmord. Die Filmkunst hat sich dieses bedeutenden Malers mehrfach angenommen. Seine Darstellung im Film umspannt einen Zeitraum von rund sieben Jahrzehnten.

Für Hollywood schuf Regisseur Vincente Minnelli mit „Lust for Life“ (1956) eine heute noch überaus bekannte Verfilmung mit Kirk Douglas in der Hauptrolle. Ganz Melodram, fokussiert er das Leben des niederländischen Malers als eine Serie von Missverständnissen und Ablehnung, die in den Wahnsinn führt. Dabei war es Minnelli ein Anliegen, die malerische Virtuosität van Goghs in die filmische Form zu überführen: instabil die Bildkompositionen, leidenschaftlich der Pinselstrich, der hier Kameraführung ist, starke Farbkontraste, akzentuierte Konturen. So zitiert er bekannte Werke des Meisters sehr direkt, etwa die „Kartoffelesser“, das „Nachtcafé“, den „Olivenhain“, das „Porträt des Dr. Gachet“. Spätere Verfilmungen nutzen diese Direktübernahmen ebenso.

Das Leid seines Lebens, das durch die Briefe an den Bruder Théo besonders gut dokumentiert ist, bilden die Ausgangslage für diese Erzählung: Minnelli inszeniert in diesem Film eindrücklich das missverstandene Künstlergenie im Konflikt mit sich selbst und seinem Umfeld, das Dinge sieht, die andere nicht sehen können, das Dinge fühlt, die andere nicht fühlen können; das Künstlergenie, das seinen Platz zwischen seinen Mitmenschen nicht findet und zunehmend an seiner Einsamkeit zerbricht – ein geschundenes Wesen, das unaufhörlich auf die Katastrophe zusteuert: Den Ausschluss als Prediger, die Ablehnung seiner Liebe durch seine Cousine Kay, den Bruderzwist in Paris, das Zerwürfnis mit Malerfreund Paul Gauguin, die Selbstverstümmelung, den Selbstmord in Auvers-sur-Oise deutet Minnelli als eine unausweichliche Abfolge von Krisen, die wiederum den Schöpfergeist anspornen. Jeder Rückschlag ist auch ein Anfeuern zu neuem Schaffen, jede Krise auch ein Neuanfang.

Geheimtipps

Weniger bekannt sind die Verfilmungen von Alain Resnais und Akira Kurosawa: Kurosawa drängt in seinem Film „Dreams“ (1990) mit einer märchenhaften Kurzepisode ganz auf die Verwischung zwischen Kunstproduktion und -rezeption, ein wildes Kunsterleben steht da im Zentrum, in dem ein junger Museumsbesucher auf van Gogh trifft und über die „Brücke von Arles“ in dessen Bilder, in dessen unmittelbare Erlebniswelt hineintritt, ja hineingeworfen wird. Niemand Geringeres als der amerikanische Meisterregisseur Martin Scorsese schlüpfte hier in die Rolle des berühmten Malers. Resnais’ zwanzigminütiger Film von 1947 versucht dagegen vielmehr einer Idee „des filmischen Gemäldes“ nachzuspüren. Er kombiniert einen Voice-over-Kommentar mit den Bildern van Goghs, um so den Lebensweg des Künstlers nachzuzeichnen; Resnais wählt keinen fiktionalisierenden Stil, sondern einen analytischen, so, als ob da ein Filmkünstler versessen dem Geheimnis dieser außergewöhnlichen Maltechnik auf den Grund gehen möchte – dabei aber nur an der Oberfläche verweilen kann. Robert Altmans „Vincent and Theo“ aus dem gleichen Jahr war da wieder viel klassischer angelegt, die Bezüge zu Minnelli suchend. Als Gefühlsdrama betont auch dieser Film die Schicksalsschläge, die der Maler zeitlebens durchmachte.

Dass Kunst eine Leidenschaft ist, die mehr Leid als Wonne beschert, muss dieser van Gogh, hier verkörpert durch Tim Roth, schmerzlich erfahren – das Rauschhafte, das Wahnsinnige des Künstlers wird in den Mittelpunkt gerückt. Wir sehen den Maler im Einklang mit der Natur, auf der Suche nach Wahrheiten, und dies vorwiegend an Originalschauplätzen in langen, kontemplativen Einstellungen gedreht, die mitunter fast selbst wie Tableaus anmuten. Mit simpelster Montagetechnik verweist Altman auf die späte Anerkennung des Künstlers, Tod und Ruhm liegen da nur einen Schnitt weit entfernt.

1991, nur ein Jahr später, erschien mit „Van Gogh“ ein weiterer, diesmal französischer Spielfilm. Unter der Regie von Maurice Pialat entstand ein sonderbar entrücktes Werk, das den Protagonisten wieder zu erden versucht. Es zeigt van Gogh wohl in Konfliktmomenten, in denen die soziale Interaktion mit den Dorfbewohnern immer wieder scheitert, aber auch beim Verrichten von ganz banalen, alltäglichen Dingen: beim Essen und Trinken, beim Rasieren – als ob Pialat darstellen möchte, dass in der Banalität der Weg zur großen Kunst liege. Seine Kamera ist dabei überaus registrierend, sie will dem Maler bei der Arbeit zusehen, ohne dabei auf die Essenz der Kunstfertigkeit zu zielen, den Akt des Malens viel eher als eine Erweiterung von van Goghs Alltag begreifend.

Van Gogh in Ölfarben

„Loving Vincent“ (2017) nimmt unter den Van-Gogh-Verfilmungen sicherlich eine Sonderstellung ein: Ganz formalästhetisches Experiment, vollständig in Ölfarben wurden die Filmeinstellungen hier Bild für Bild nachgezeichnet, ein diffuses Werk aus Spiel- und Animationsfilm. Die bekannten Bildmotive werden ganz im Stil des Malers inszeniert und in Bewegung gesetzt und erwachen zum Leben. Das Werk von Dorota Kobiela und Hugh Welchman legt die Erzählung um van Gogh dabei überaus kriminalistisch an: Die Aufklärung der Umstände seines Todes bildet die handlungsführende Leitlinie; multiperspektivisch und in Rückblenden angelegt, erzählt „Loving Vincent“ von der Recherchearbeit eines jungen Mannes, der sich in Auvers-sur-Oise niederlässt, um die Umstände von van Goghs Tod näher zu beleuchten – dabei die Annahme des Selbstmordes infrage stellend. Die Auflösung der geraden Linien, der Formen umfasst diesen Film gänzlich – Film als lebendiges Museum.

Die Faszination für den Künstler Van Gogh besteht sowohl im Film als auch in Museen fort 
Die Faszination für den Künstler Van Gogh besteht sowohl im Film als auch in Museen fort  Foto: AFP/Nicolas Tucat

Julian Schnabels „At Eternity’s Gate“ zeichnet ein ehrfürchtiges Porträt der letzten Jahre Vincent van Goghs, diesmal durch den wesentlich älteren Willem Dafoe interpretiert, und konzentriert sich auf die Jahre 1888 bis 1890. Es ist die Zeit in Arles, die allgemein als seine intensivste und produktivste Schaffensperiode gilt, die Schnabel – seinerseits auch ein Maler – mit allen ihm zur Verfügung stehenden filmsprachlichen Mitteln einzufangen versucht: Markanter noch als in den vorangegangenen Filmen setzt Schnabel vorwiegend van Goghs Perspektive auf die Welt, davon zeugen die vielen subjektiven Einstellungen und die begleitende, meist handgetragene Kamera, die die Rastlosigkeit des Künstlers und die leidenschaftlichen, nervösen Pinselstriche nachempfindet. Dramatische Handlung, Konflikt und Wendepunkte, wie sie noch Minnelli und Altman bedienten, sind hier auf ein Minimum reduziert – auch hier wird die These des Suizids entkräftigt. Die Aussparung der biografischen Schockmomente, wie etwa der Streit mit Gauguin und das Abschneiden des Ohrs, stehen da womöglich als Indiz dafür, dass man van Goghs Leben gemeinhin eher anekdotisch wahrnimmt, als das eines psychisch gestörten Mannes, und das unglaubliche malerische Werk und dessen Entstehung dahinter zu vergessen scheint. „At Eternity’s Gate“ will van Gogh nicht nur als das Enfant terrible darstellen, sondern in erster Linie den Künstler in den Mittelpunkt rücken. Seinen Betrachter in die unbedingte subjektive Erlebniswelt zu versetzen, ist hier das Ziel: das Publikum dazu zu bringen, mit dem Maler zu fühlen, mit ihm zu leiden, zu verzweifeln, zu jubeln, sowohl das Grandiose als auch das Destruktive der Schöpferkraft in aufregenden Bildern sichtbar zu machen.

So unterschiedlich diese Filme sich auch geben, sie eint letztlich die Selbstaussage, dass van Goghs ungemein hoher künstlerischer Rang heute gesichert ist, dass er ein Avantgardist war: seiner Zeit voraus, missverstanden. Sein Leben und seine Kunst sind heute anerkannt und sollen deshalb filmisch nachgezeichnet werden. Sie zeigen van Gogh als großen Zweifler, lassen dabei indes nie einen Zweifel daran, dass seine Kunst überragend und außergewöhnlich ist. Ein früher Wegbereiter der Moderne, dessen Wesen Ausdruck seiner Kunst ist.