Von unserem Korrespondenten Wolf H. Wagner
Fast die Hälfte aller Italiener akzeptiert, dass Arbeitsplätze unter Bekannten und Verwandten vergeben werden. Vier von fünf Jugendlichen pochen auf die Vermittlung im Familienkreis. Familie geht über alles, nicht nur bei der Mafia.
Italien ist Europas drittgrößte Volkswirtschaft. Dennoch leidet das Land unter einem anhaltenden Problem: Seit Jahren ist die Arbeitslosenrate permanent hoch. Derzeit sind 10,8 Prozent der Arbeitsfähigen ohne Anstellung, unter den 18- bis 25-Jährigen beträgt die Arbeitslosenrate 35 Prozent. Auf eine offene Stelle bewerben sich Hunderte Menschen. Glück hat, wer über Beziehungen verfügt und auf Empfehlung – auch ohne den mühseligen Weg offener Ausschreibungen zu passieren – einen Arbeitsplatz ergattert.
Strukturen, wie sie aus dem organisierten Verbrechen bekannt sind, wo die Clans deutlich hierarchisch und nach Familienzugehörigkeit organisiert sind, sind auch im italienischen Alltag weit verbreitet. Dabei wird nicht nur im Verwandten- und Bekanntenkreis nach Möglichkeiten einer Vermittlung gefragt, sondern auch einflussreiche Beamte oder Politiker um Hilfe ersucht. Mitunter auch unter Anbieten finanzieller Zuwendungen oder dem Versprechen anderer Vorteile.
Beziehungen werden hoch geschätzt
Komplizierte Bürokratie und die mangelnde Fähigkeit italienischer Arbeitsagenturen lassen die Familien zu ungewöhnlichen Schritten greifen. 44 Prozent der Eltern finden es akzeptabel, ihre Töchter und Söhne über Beziehungen zu vermitteln. Bei den Jugendlichen liegt dieser Prozentsatz gar bei 82 Prozent. Fast jede vierte Familie wendet sich dabei an einen lokalen Beamten oder Politiker. So wurden beispielsweise bei der Neueröffnung der Filiale eines großen schwedischen Möbelhauses in den Abruzzen von lokalen Politikern 3.000 Empfehlungsschreiben ausgestellt – 224 Stellen waren jedoch nur zu vergeben.
Da mag es nicht verwundern, dass Eltern auch überlegen, den Verantwortlichen materielle Geschenke oder Geld anzubieten. 20,2 Prozent, so Umfragen, halten dies für vollkommen in Ordnung. Zu Zeiten der ersten Republik, in der Korruption und Vetternwirtschaft Hochfeste feierten, hielten es viele Menschen durchaus für opportun, sich mit der Bitte um Verwendung für ihre Kinder direkt an den Dauer-Regierungschef Giulio Andreotti zu wenden. Entsprechende Bittbriefe fanden sich im Nachlass von „Il Divo“.
Rechtlich sanktioniert
Im Jahr 2014 hat die oberste italienische Rechtsprechung die Klage gegen einen Beamten abgewiesen, der einen Bekannten für eine Arbeitsstelle empfohlen hatte. Der Beschluss des Kassationsgerichts: Der Beamte begeht mit der „Empfehlung“ kein Verbrechen, soweit es sich bei der Stelle um eine „Berufung“ handelt. Bereits 1933 hat das faschistische Mussolini-Regime eine ähnliche Gesetzgebung erwogen: „Liegt kein Interessenkonflikt vor, so ist eine wohlwollende Empfehlung nicht verboten.“
Im Januar 2016 hat Papst Franziskus die Vetternwirtschaft kritisiert. Sie generiere Illegalität und Korruption, so das Kirchenoberhaupt. Im Interesse einer Chancengleichheit seien Vorteilsnahme und Bevorzugungen aufgrund persönlicher Empfehlungen zu vermeiden. Die Realität indes sieht anders aus und wird auch so bleiben, wenn sich das italienische Wirtschaftssystem und auch die Postenvergabe in den Administrationen, egal auf welcher Ebene, nicht reformieren.
De Maart
D'Italiener nennen et "Vetternwirtschaft" hei heescht et " déi richteg Parteikaart" hun.
Looss mer eis näischt virmaachen: Och zu Lëtzebuerg ass et nëtzlech, wanns de ee kenns, deen ee kennt.
Kee Wonner, dass Italien do ass, wou et ass.