Samstag29. November 2025

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Razzia im HinterhofÜber die Drohungen der USA gegenüber Venezuela und die Monroe-Doktrin als Ursprung eines schwierigen Verhältnisses

Razzia im Hinterhof / Über die Drohungen der USA gegenüber Venezuela und die Monroe-Doktrin als Ursprung eines schwierigen Verhältnisses
US-Marine Flugzeugträger Gerald R. Ford in Einsatzposition, größtes Kriegsschiff der Marine sichtbar auf dem Meer Foto: Petty Officer 3rd Class Gladjimi/U.S. Pentagon/dpa

Die US-Marine fährt schwere Geschütze in der Karibik auf und erhöht den Druck auf das Maduro-Regime in Caracas. Eine Eskalation ist nicht ausgeschlossen. Exil-Venezolaner in Luxemburg befürchten einen Krieg.

Wer war Manuel Antonio Noriega Moreno? Einigen Lesern dürfte der Name des früheren Machthabers von Panama noch ein Begriff sein. Zwar war er nie Präsident des Landes, aber als Chef der Nationalgarde und der Regierung genoss Noriega, den viele seiner Landsleute pejorativ „Ananas-Gesicht“ nannten, in den 1980er Jahren unbeschränkte Rechte. Bis er der US-amerikanischen Regierung ein Dorn im Auge wurde, weil er den Betrieb der in Panama angesiedelten „School oft the Americas“ verweigerte – ein Trainingscamp, das Zigtausende lateinamerikanische Militärs durchliefen und das in enger Verbindung mit den schmutzigen Kriegen und der Unterdrückung breiter Bevölkerungsschichten stand.

Im Visier der DEA

Allerdings geriet er auch ins Visier der US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA. Sie warf ihm vor, maßgeblich in den Import von Drogen in die USA beteiligt zu sein. Einerseits machte Noriega Geschäfte mit kolumbianischen Drogenkartellen, auf der anderen Seite stand er auf der Gehaltsliste der des US-Auslandsgeheimdienstes CIA. Schließlich kam es im Dezember 1989 zur Invasion von US-Truppen in Panama, bei der etwa 300 Zivilisten ums Leben kamen und rund 15.000 obdachlos wurden. Noriega wurde von einem Gericht in Miami zu 40 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, auch in Panama und Frankreich verhängten Gerichte lange Haftstrafen gegen ihn – unter anderem auch wegen Korruption, Geldwäsche und der Ermordung politischer Gegner. 2017 starb er an den Folgen eines Hirntumors.

Unterstützer des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro auf einer Protestkundgebung gegen das Vorgehen von US-Präsident Donald Trump
Unterstützer des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro auf einer Protestkundgebung gegen das Vorgehen von US-Präsident Donald Trump Foto: AFP/Federico Parra

Noriega war ein Krimineller, Jacobo Árbenz Guzmán nicht. Der ehemalige Offizier und zweite demokratisch gewählte Präsident Guatemalas (1951-1954) wurde durch einen von der CIA im Auftrag der US-Regierung organisierten Putsch gestürzt. Er hatte nicht nur die kommunistische Partei des mittelamerikanischen Landes legalisiert, sondern im Zuge einer Agrarreform versucht, einen Teil des Besitzes der mächtigen United Fruit Company zu enteignen. Árbenz floh außer Landes und kam 1971 unter nicht ganz geklärten Umständen in Mexiko ums Leben.

„Die bestmöglichen Bedingungen“

Ein ähnliches Schicksal ereilte Salvador Allende, der sozialistische Präsident Chiles, der bei dem Militärputsch 1973 ums Leben kam. Die CIA hatte unter anderem durch verdeckte Operationen „die bestmöglichen Bedingungen“ für den Umsturz geschaffen, wie der US-Außenminister Henry Kissinger gesagt haben soll. Allende starb durch Suizid. Derweil überlebte der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro Hunderte von Attentatsversuchen und starb 2016 eines natürlichen Todes. Allesamt wurden sie Feinde Washingtons, weil die USA einer Doktrin folgten, die auf eine Rede des früheren US-Präsidenten James Monroe im Jahr 1823 zurückzuführen ist. Die Monroe-Doktrin war zunächst defensiv und isolationistisch ausgerichtet, um europäische Eingriffe auf dem amerikanischen Doppelkontinent abzuwehren. Später wurde sie zu einem Instrument, um die US-Expansion und Invasionen in Lateinamerika zu legitimieren – und zu einer zentralen antikommunistischen Strategie während des Ost-West-Konfliktes. Auch auf den 2013 verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez gab es mehrere Attentatsversuche. Die New York Times berichtete bereits 2004 davon, dass die CIA zumindest davon Bescheid wusste.

Die „Gerald R. Ford“ hat Stellung bezogen

Seit Wochen greift das US-Militär Boote mit angeblichen Drogenschmugglern in der Karibik an
Seit Wochen greift das US-Militär Boote mit angeblichen Drogenschmugglern in der Karibik an Foto: Gladjimi Balisage/DoD/AFP

Ein unverhohlen offeneres Spiel betreibt Donald Trump: Der Herrscher im Weißen Haus hat den Druck auf das Regime in Venezuela unter Diktator Nicolás Maduro von Woche zu Woche erhöht. Fast täglich lässt der US-Präsident martialische Drohungen in Caracas schicken, seit Wochen greift das US-Militär Boote mit angeblichen Drogenschmugglern in der Karibik an. Der größte Flugzeugträger der US-Marine, die „Gerald R. Ford“, hat Stellung bezogen. Das Pentagon nennt den Einsatz „Southern Spear“. Doch was steckt wirklich hinter der Mobilmachung? Der US-Politologe Ian Bremmer vermutet, dass es um die Sicherung von Washingtons Einflusssphäre in der Region geht, auf dem China sein Engagement in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut hat. Und es geht natürlich um Venezuelas Ölreserven, mit rund 300 Milliarden Barrel die größten weltweit. Einige Venezolaner, die in Luxemburg leben, fürchten einen Krieg in ihrer Heimat. „Trump verhält sich gegenüber den Venezolanern wie Putin gegenüber den Ukrainern“, sagt Dolores, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Wie sie kann sich auch Rafael eine Rückkehr in ihre Heimat nicht vorstellen: „Jetzt noch weniger als vorher.“ Beide haben Angst um ihre Angehörigen.

Trump verhält sich gegenüber den Venezolanern wie Putin gegenüber den Ukrainern

Dolores, in Luxemburg lebende Venezolanerin

Unterdessen haben sich auch die Spannungen zwischen Kolumbien und den USA verschärft. Trump wirft seinem Amtskollegen Gustavo Petro vor, ein Anführer des Drogenhandels zu sein und drohte mit der vollständigen Aussetzung der wirtschaftlichen Hilfe für Bogotá. Aus der strategischen Partnerschaft – eine der engsten Allianzen Lateinamerikas, getragen vom gemeinsamen Kampf gegen den Drogenhandel und Sicherheitsinteressen – ist ein problematisches Verhältnis geworden, seit der linke Staatschef Petro mit der Devise, die kolumbianische Bündnispolitik zu diversifizieren, damit sein Land unabhängiger von den USA wird, etwa durch den Beitritt zur „Neuen Seidenstraße“ Chinas und eine Annäherung an Afrika, arabische Länder und Venezuela, vorgeht.

„Keines der beiden Länder gewinnt durch diese Krise“, weiß die Expertin Juliana Garzón Beltrán. Sicher sei es jedoch, dass es für Kolumbien einen schweren Schlag bedeute. Die USA betrachten Lateinamerika seit eh und je als ihren „Hinterhof“. Wenn sie dort eingreifen, haben die lateinamerikanischen Länder schon immer den Kürzeren gezogen. Das kommunistische Kuba von Castro war einst ein Nutznießer des Kalten Krieges, Hugo Chávez hatte sicherlich viele Sympathisanten weltweit – diese Trümpfe hat Nicolás Maduro nicht.