Um kurz nach sechs verließ ich am Sonntag das Théâtre national de Luxembourg, setzte mich in ein Café in der Nachbarschaft und bestellte ein Bier. Ich musste mir den Monolog, den ich gerade gesehen hatte, nochmal durch den Kopf gehen lassen, immerhin soll die Rezension zu Rewenigs „Bärenklau“ bis Montagabend stehen. Während ich mit einem Stift erste Überlegungen auf einen Bierdeckel kritzele, setzt sich plötzlich ungefragt eine Frau an meinen Tisch – grüne Strickjacke, Lehrerbrille, strenger Blick.
Tageblatt: Sie sind Lina Mack, die Protagonistin des Stücks!
Lina Mack: Eher die Antagonistin, der Protagonist ist ja Rewenig selbst, der sich hinter dem anonymen „Autor“ im Text versteckt. Sie sind ein Vertreter der Presse, der gerade eine Kritik zu dieser Produktion schreiben will? Ich würde vorschlagen, dass Sie stattdessen lieber mit mir sprechen, das könnte Ihren Text wesentlich aufwerten.
Also eigentlich brauche ich keine Hilfe, um eine Kritik zu schreiben …
Und was wollen Sie schreiben? Dass auch Barbara Ullmanns gutes Spiel einen miserablen Text nicht retten kann? Dass der Autor sich mit dem Phänomen des Sensitivity Reading offensichtlich nicht wirklich auseinandergesetzt hat? Dass eine Karikatur gründlich schiefgeht, wenn man keine Ahnung hat, was man eigentlich karikieren will?
Das war tatsächlich ungefähr die Stoßrichtung.
Sehen Sie, dann hätten wir das ja bereits abgehakt.
Aber ich kann nicht mit Ihnen reden. Sie sind eine fiktive Figur. Und anders als andere Tageszeitungen hierzulande interviewen wir keine fiktiven Personen.
Sie müssen mich halt als fiktiv kennzeichnen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass eine Figur sich gegen ihre*n eigene*n Autor*in auflehnt. Nehmen Sie Graf T. in „Tolstois Albtraum“ von Pelewin oder Hildegunst von Mythenmetz im Werk von Walter Moers. Oder nehmen Sie „Meursault – un contre-point“ von Kamel Daoud – da wird der Perspektive von Camus’ „L’étranger“ ein postkolonialer Gegenentwurf präsentiert, indem dem erschossenen Araber ein Bruder, ja, eine ganze Familiengeschichte hinzugedichtet wird. Autor*innen haben nicht die alleinige Verfügungsgewalt über ihre Figuren und Geschichten. Sobald sie sie auf die Welt loslassen, entwickeln auch fiktive Figuren ein Eigenleben.
Sie wollen sich also gegen Ihren Erfinder auflehnen?
Ja, und zwar in dreifacher Hinsicht: Das Stück ist fachlich stümperhaft, die Figurenzeichnung boshaft und die gesellschaftskritische Perspektive für einen Autor, der sich für einen progressiv-rebellischen Freigeist hält, erstaunlich konservativ.
Harte Worte …
Ach, die verträgt er bestimmt, er kann ja auch gut austeilen. Fangen wir an mit dem fachlichen Problem des Textes: Was machen eigentlich Sensitivity Reader – wissen Sie das?
Sensitivity Reader sind Leute, die Manuskripte von Autor*innen auf diskriminierende Darstellungen von Figuren durchleuchten und ihnen dann entsprechende Änderungsvorschläge unterbreiten.
Exakt. Und anders als in „Bärenklau“ dargestellt, geht es Sensitivity Readern nicht darum, dass den Leser*innen nachher irgendeine Wohlfühlprosa ohne Ecken und Kanten vorgelegt wird. Sensitivity Reader greifen nicht bei der intendierten Stoßrichtung des Textes ein, sondern wollen den Autor*innen ihre blinden Flecken aufzeigen – blinde Flecken, die jede*r von uns notwendigerweise hat.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir an, Sie schreiben einen Roman, in dem eine Person im Rollstuhl vorkommt. Sie beschreiben diese Person als „an den Rollstuhl gefesselt“ und zeichnen Sie als depressiv und unglücklich. Das ist Ihr gutes Recht als Autor. Aber inwieweit entspringt diese Zeichnung Ihrer Intention – und wieviel davon ist eine von Ihnen internalisierte, kulturell dominante Wahrnehmung, also ein Vorurteil?
Hier kommt der Sensitivity Reader ins Spiel: Wenn es für Ihre Geschichte nun unerlässlich ist, dass dieser Rollstuhlfahrer depressiv und „an den Rollstuhl gefesselt“ ist, wenn es also einen erzählerischen Zweck erfüllt, ist das völlig in Ordnung. Wenn es aber die gedankenlose Reproduktion eines gesellschaftlichen Klischees ist, dann wird der Sensitivity Reader Sie darauf aufmerksam machen, dass man Rollstuhlfahrer*innen auch anders darstellen kann.
Aber greifen Sie damit nicht in die erzählerische Freiheit des Autors oder der Autorin ein?
Witzigerweise kommt der Wunsch nach Sensitivity Readern hauptsächlich von Autor*innen selbst, die sich vielfältigere Perspektiven auf und in ihren Texten wünschen. Das sind häufig jüngere Autor*innen, die den seit der Aufklärung kultivierten Geniekult hinterfragen. Die Vorstellung, dass ein Autor in seiner Schreibstube hockt und qua der Kraft seiner genialen Gedanken eine vollständig durchdachte Welt aus dem Nichts erschafft, ist ja eigentlich ein bisschen albern.
Manche Autoren empfinden schon die Vorstellung eines Lektorats als persönliche Kränkung – wehe, es mischen sich noch weitere Personen in die Textproduktion ein. Und dann sind das auch noch Schwarze, Behinderte oder Muslime! Die meisten Sensitivity Reader sind ja Teil jener Minderheit, auf deren Darstellung sie einen Text überprüfen. Und wo kommen wir denn bitte hin, wenn plötzlich Minderheiten sich in eine mehrheitlich weiße, männliche Literaturproduktion einmischen? Eine furchtbare Vorstellung, das ist gleichbedeutend mit Zensur, ja, mit Bücherverbrennungen! Gut, dass da mal jemand einen Text dagegen geschrieben hat, der natürlich abgedruckt und als Bühnenstück aufgeführt wird.
Sie klingen sarkastisch …
Naja, es ist schon ein bisschen absurd: Ein alter, weißer Mann schreibt ein inhaltlich dürftiges Buch gegen angebliche Zensurbemühungen. Ein zweiter alter, weißer Mann verlegt das Buch. Ein dritter alter, weißer Mann bringt es mehr schlecht als recht auf die Bühne und man kann sich zu dritt als Verteidiger der künstlerischen Freiheit feiern. Und der porträtierte Feind: Eine Frau, die als hysterisch überzeichnete, moralinsaure, selbstbezogene Furie daherkommt. Da halte ich Sarkasmus für die angebrachte Reaktion.
Sie fühlen sich von Ihrem Autor ungerecht behandelt?
Ich bin eine Karikatur. Karikaturen sollen ja überzeichnet daherkommen. Aber man könnte sich ja fragen, ob die Frauen, die in Rewenigs Werk sehr spärlich vorkommen, was er ja selbst zugibt – ob die Frauen je etwas anderes sind oder waren als Stereotypen, an denen das männliche Ego sich reiben kann. Vielleicht ist Rewenig ja selbst auch nur noch die Karikatur eines Schriftstellers. Das Stück, das Sie gerade gesehen haben – wie fand es das Publikum?
Das Publikum war begeistert.
Genau. Eine Gesellschaftskritik von Boomer für Boomer, so tief wie eine Pfütze nach einem Sommerregen. Mario Barth hätte es nicht besser hinbekommen – wobei, vielleicht wäre es dann zumindest lustig gewesen. Er schreibt für die Leute, deren Beifall er sich sicher ist. Sogar seine Kritiker muss er inzwischen erfinden, um sich noch als Rebell inszenieren zu können.
Das geht jetzt aber wirklich unter die Gürtellinie.
Er hat mich gerade auf der Bühne Bücher verbrennen und mit einer Maschinenpistole und Helm gegen die Literatur kämpfen lassen. Das war unter der Gürtellinie. Und wenn ihm nicht passt, was seine Figuren zu sagen haben, kann er mich ja umschreiben. Vielleicht konsultiert er nächstes Mal ja einen Sensitivity Reader, wenn er sich wieder an die Darstellung einer Frau macht. Schaden würde es nicht.
Zum Stück
„Bärenklau. Eine Konferenz“
Mise en espace: Frank Hoffmann
Text: Guy Rewenig
Kostüme: Denise Schumann
Licht: Daniel Sestak
Assistenz: Laura von Blanckenburg
Mit: Barbara Ullmann
Eine Produktion: Théâtre national du Luxembourg
Weitere Aufführungen:
26.03.2025, 19.30
03.04.2025, 19.30
De Maart

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