Um nach dem Brexit auch weiterhin Geschäfte in der Europäischen Union tätigen zu können, waren viele Finanzunternehmen mit Sitz in London gezwungen, eine weitere Niederlassung innerhalb der Staatenunion zu errichten. Damals, vor nunmehr fünf Jahren, fand ein regelrechter Wettbewerb zwischen Finanzplätzen um diese „Brexit-Flüchtlinge“ statt. Es ging nicht nur um Banken, sondern um alle möglichen Akteure des Sektors, etwa auch um Versicherungsgesellschaften und Vermögensverwalter.
Paris hoffte, dass die Nähe zur EU-Finanzaufsichtsbehörde ESMA die Stadt zum großen Gewinner machen würde. Frankfurt hoffte auf die Anziehungskraft der Europäischen Zentralbank. Dublin setzte auf die kulturelle Nähe zu Großbritannien. Luxemburg hoffte auf seine langjährige Erfahrung bei grenzübergreifenden Finanzprodukten und das breit gefächerte Angebot von unterschiedlichsten Finanzfachdienstleistungen.
Heute, fünf Jahre nach dem Brexit, zeigt sich, dass es den „einen, großen Gewinner“ nicht gegeben hat. Alle Finanzplätze in der Union verzeichneten Zuwächse, während London trotz allem unangefochten die Nummer eins unter den europäischen Finanzplätzen geblieben ist.
Mehr Firmen und Aktivitäten
In Luxemburg waren es rund 95 Unternehmen, die nach dem Brexit hierzulande entweder neue Aktivitäten gestartet oder ausgebaut haben, so Tom Theobald, Geschäftsführer von Luxembourg for Finance (LFF), auf Tageblatt-Nachfrage.
Der Brexit ist inzwischen eine Realität für die Finanzindustrie, so Theobald weiter. Der Großteil der Akteure hätten mittlerweile einen neuen Aufbau in Europa und sich so umstrukturiert, dass sie ihre Dienstleistungen und Produkte weiterhin in der EU anbieten können. „Dies ist der direkte sichtbare Einfluss des Brexit“, sagt der LFF-Geschäftsführer.

Im Gegensatz dazu gibt es eine weniger sichtbare Realität, sagt er weiter: „Wenn heute ein internationaler Akteur entscheidet, wo er seine Aktivitäten ausweitet oder neu aufbaut, ist London nicht mehr die De-facto-Wahl wie vielleicht früher. Das bedeutet, dass viele Aktivitäten, die möglicherweise nach Großbritannien gegangen wären, heute teilweise in andere Finanzplätze, wie Luxemburg, gehen.“
Zudem habe man in Luxemburg in letzter Zeit eine Reihe von Akteuren hinzubekommen, die zwar vielleicht ihren EU-Hauptsitz in ein anderes Land verlegt haben, aber trotzdem nach Luxemburg kommen, weil hier ihre Kunden sind, sagt er. Dies habe man in jüngster Zeit insbesondere bei einer Reihe von Banken aus den USA und Großbritannien beobachtet.
Fehlender Partner in Brüssel
Auch Camille Seillès, Generalsekretär der Luxemburger Bankenvereinigung ABBL, sieht den Finanzplatz als „einen der Brexit-Gewinner“. Doch er warnt vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Der Brexit habe das luxemburgische Finanzökosystem und vor allem auch das europäische nicht nur vor Chancen, sondern auch vor bedeutende Herausforderungen gestellt.
Es sei unbedingt notwendig, die Finanzmärkte in Europa zu entwickeln, um die nötigen Zukunftsinvestitionen zu stemmen, hebt er hervor. Doch seit die EU-Kommission vor zehn Jahren das Projekt einer Kapitalmarktunion gestartet hat, „hat es keine wirklichen Fortschritte gegeben“. Blockiert worden sei es vom „Patchwork der nationalen Regelungen“. Eine Bank aus Deutschland beispielsweise, die sich mit dem Insolvenz- und Gesellschaftsrecht in Frankreich nicht auskennt, würde dort kaum Finanzierungen gewähren. „Wir haben de facto 27 einzelne Finanzmärkte.“
Wir haben de facto 27 einzelne Finanzmärkte
Der Brexit habe nun alles noch schlimmer gemacht. „Vor allem haben wir am Tisch in Brüssel einen Alliierten verloren“, hebt er hervor. Großbritannien habe zusammen mit Luxemburg immer die Vision eines offenen Europas für Finanzdienstleistungen vertreten.
„Leider will jeder nach seinem eigenen Modell harmonisieren“, so Seillès weiter. Zwar gebe es mit Ländern wie Irland, Malta und den Niederlanden immer noch ein paar, die eine „offene Vision der Finanzwirtschaft“ vertreten. Jedoch habe aber niemand von ihnen das Gewicht eines Mitglieds eines G20-Landes wie Großbritannien. Die Branche solle ihre Rolle, die Investitionen für heute und morgen zu finanzieren, spielen können, fordert er.
Verzweifeln will er aber nicht. Er hofft, dass die neue EU-Kommission jetzt „echte Fortschritte bringen wird. Es gibt einen richtigen Bedarf.“ Der europäische Markt für die Finanzindustrie müsse besser harmonisiert werden, ohne neue Grenzen zu den Finanzplätzen anderer Dritt- oder nicht-EU Länder hochzuziehen. Zudem müsse das Gewicht der Regulierung verringert werden. „Die europäischen Regeln sind zu schwer, zu komplex. Wir wollen eine Vereinfachung.“
Zweitwichtigster Handelspartner
Die Beziehungen zwischen den beiden Finanzplätzen bleiben dabei, auch fünf Jahre nach der Trennung, überaus wichtig. Die Finanzplätze London und Luxemburg seien komplementär und ergänzten sich, so Camille Seillès. Tom Theobald sieht es als „eine Priorität, die Zusammenarbeit mit London und Großbritannien weiter zu pflegen und auszubauen“.
Für Luxemburgs Handel mit Dienstleistungen ist Großbritannien nach wie vor von großer Bedeutung. Im Jahr 2022 lag es im Volumen direkt hinter Deutschland auf Platz zwei. Dahinter folgten die USA, Frankreich, Italien und die Schweiz. Luxemburg hatte in dem Jahr mit Großbritannien einen Überschuss von 5,4 Milliarden Euro erwirtschaftet.
Und auch umgekehrt ist Luxemburg in Europa heute der größte Exportpartner für britische Finanzdienstleistungen, vor Irland und vor Frankreich, so Theobald. „Insgesamt 6,5 Prozent aller von Großbritannien exportierten Finanzdienstleistungen entfallen auf Luxemburg. Damit sind wir auch der zweitwichtigste Handelspartner für die britische Finanzindustrie weltweit nach den USA.“
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De Maart

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