Björn Diemel (Tom Schilling) ist das schmierige Klischee eines Anwalts, quasi die in jeder Hinsicht deutsch-bürgerliche Variante von Patrick Bateman aus „American Psycho“. Die Statussymbole sind hier nicht Loft und Visitenkarte, sondern Einfamilienhaus und teures Auto. Auf dem Papier ist Diemel erfolgreich, die Realität sieht ein bisschen anders aus: In der Kanzlei tritt er karrieremäßig auf der Stelle, weil seine mafiösen Kunden zwar Geld, aber kein Prestige bringen, zu Hause vernachlässigt er Frau und Tochter aufgrund der Arbeit für eben jene Kunden. Sein wichtigster Mandant, Dragan Sergowicz (Sascha Geršak), ist ein Verbrecherlord, behandelt den Anwalt wie einen seiner Handlanger.
Auf Drängen seiner Frau Katharina (Emily Cox) besucht Diemel schließlich ein Achtsamkeitsseminar bei Joschka Breitner (Peter Jordan), dessen Prinzipien er dann auf ziemlich drastische Weise anwendet: Er „entsorgt“ seinen Klienten, um endlich Ruhe in sein Leben zu bringen. Von hier aus entspinnt sich eine Mischung aus skurrilem Krimi und bissigem Kommentar auf den modernen Leistungsdruck.
Die Prämisse ist originell, keine Frage. Doch wo die Buchvorlage durch Dusses pointierten Stil und die ironische Verbindung von Selbstoptimierung und Mord lebt, wirkt die Serie oft gehetzt. Die acht Episoden versuchen, die Vielschichtigkeit der Vorlage zu bewahren, doch die Balance zwischen Humor und Spannung gerät ins Wanken. Denn längst nicht jeder Gag landet, und manche Szenen wirken überzogen, als hätte man Angst, die Zuschauer*innen könnten die Absurdität des Geschehens verpassen. Es fehlt der subtile Witz, der die Bücher auszeichnet. Stattdessen wird man mit plakativen Pointen konfrontiert, der forcierte Lacher scheint wichtiger als der bissige Unterton.
Großartige Darsteller, aber wenig Raum
Bestes Beispiel: Die Darstellung des Achtsamkeitscoaches Joschka Breitner (Peter Jordan). Während er in der Buchvorlage als ironischer Kommentator auftritt, wird er in der Serie zur Karikatur – ein wandelndes Klischee, das mit seiner sanften Stimme und den endlosen Metaphern irgendwann mehr nervt als unterhält. Das mag in Einzelszenen amüsant sein, verliert jedoch über die Dauer an Wirkung. Und es liegt wirklich nicht an Jordans Performance, sondern daran, wie seine Rolle geschrieben wurde.
Tom Schilling verkörpert Björn Diemel überzeugend: ein Mann, der zwischen Chaos und Kontrolle pendelt und dabei nie ganz greifbar wird. Seine Darstellung ist eine der größten Stärken der Serie. Doch die Nebenfiguren – allen voran Emily Cox als Björns Ehefrau Katharina und Peter Jordan als Achtsamkeitscoach – bleiben blass. Ihre potenziell spannenden Charaktere werden zu bloßen Stichwortgebern degradiert. Es ist, als habe man vergessen, dass auch die Nebenfiguren die Handlung tragen müssen, um eine Serie wirklich lebendig zu machen.
Ein weiteres Problem ist die Gestaltung der Antagonisten. Dragan Sergowicz hat zwar seine Momente, bleibt jedoch insgesamt zu eindimensional. Richtig problematisch ist aber Toni (Marc Hosemann) – seine Figur verkommt zum Hampelmann, dessen Verhalten bisweilen schon Slapstickcharakter hat. Statt eine komplexe Bedrohung darzustellen, die Björns Entwicklung wirklich herausfordert, dienen die Bösewichte letztlich nur als Aufhänger für die Handlung, als schlichtes Plotwerkzeug. Hier verschenkt die Serie viel Potenzial.
Netflix und das Problem der Überproduktion
„Achtsam morden“ reiht sich ein in eine lange Liste von Netflix-Produktionen, die mehr durch Konzept als durch Ausführung überzeugen. Die Serie ist solide produziert, keine Frage – von der Bildgestaltung über die Musik bis hin zur Inszenierung. Doch sie bleibt letztlich konventionell, was angesichts der eigenwilligen Vorlage enttäuscht. Es fehlt der Mut, wirklich ins Absurde abzutauchen und die Widersprüche des Achtsamkeitswahns lustvoll auszuleuchten.
Besonders auffällig ist dies in den Szenen, die Björns private und berufliche Welt verbinden sollen. Während die Bücher hier einen bissigen Kontrast schaffen, verschwimmen diese Ebenen in der Serie oft zu einem indifferenten Brei. Die Übergänge zwischen Thriller und Comedy wirken erzwungen und lassen die Serie unnötig langatmig erscheinen. Auch erzählerische Kniffe wie das Durchbrechen der vierten Wand, wenn Diemel zum Publikum spricht, ergeben in der Serie eigentlich keinen Sinn – es wirkt eher so, als hätte man diese Technik bei „Deadpool“ als witzig empfunden und kurzerhand importiert.
Halbherzig achtsam
Was die Serie jedoch am meisten schwächt, ist ihr Umgang mit dem zentralen Thema: der Achtsamkeit. Während Dusse in seinen Romanen gekonnt die Diskrepanz zwischen den Prinzipien der Achtsamkeit und Björns Handlungen aufzeigt, fehlt der Serie dieser subversive Unterton. Stattdessen wird die Achtsamkeit oft bloß als erzählerischer Gimmick genutzt, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Das mag daran liegen, dass die Serie sich nicht entscheiden kann, was sie sein will: eine Satire auf den Achtsamkeitsboom, ein moderner „Tatort“ oder eine Mischung aus beidem. Das Ergebnis ist eine Identitätskrise, die sich in der gesamten Inszenierung widerspiegelt. Statt einer klaren Linie gibt es ein Sammelsurium von Ideen, die selten überzeugend zusammengeführt werden.
„Achtsam morden“ ist ein unterhaltsamer Versuch, Karsten Dusses Bestseller zu adaptieren. Die Serie bietet einige witzige Momente und eine interessante Grundidee, bleibt jedoch hinter ihren Möglichkeiten zurück. Wer die Bücher liebt, wird enttäuscht sein, wer sie nicht kennt, könnte sich immerhin über die bizarre Kombination aus Mord und Meditation amüsieren. Es ist auf jeden Fall eine Serie, die man sich über die Feiertage als leichte Kost zu Gemüte führen kann. Aber wenn Achtsamkeit eines lehrt, dann doch wohl dies: Manchmal ist weniger mehr. Schade, dass die Serie diese Weisheit nicht beherzigt.
De Maart

Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können