Samstag29. November 2025

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TheaterDas TNL inszeniert Becketts Klassiker „Endspiel“ ohne Klimbim

Theater / Das TNL inszeniert Becketts Klassiker „Endspiel“ ohne Klimbim
Die Überlebenden Hamm (André Jung) und Clove (Ulrich Kuhlmann) Foto: Bohumil Kostohryz

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Hamm und Clove in einer toxischen Endzeit-Beziehung – David Mouchtar-Samorai schafft es, Becketts „Endspiel“ gleichzeitig komisch, traurig und überraschend zugänglich zu machen. Ein zeitloser Theaterabend.

Kennen Sie das? Sie stöbern in alten Kisten oder Schränken auf dem Dachboden und halten plötzlich ein Buch in der Hand. Sie pusten den Staub vom Einband, die Lettern in Fraktur zwingen Sie, den Titel mühevoll zu entziffern. Dann schlagen Sie es auf und in den Seiten wabert der Duft von altem Wissen, diese Mischung aus trockenem Papier, Druckerschwärze und Erinnerungen. Und Sie haben plötzlich das Gefühl, etwas Wichtiges, etwas Behütenswertes gefunden zu haben?

So ungefähr fühlt sich David Mouchtar-Samorais Inszenierung von Samuel Becketts „Endspiel“ an, das derzeit im TNL läuft. Der 82-jährige Regisseur hat sich dem Meisterwerk des absurden Theaters mit Respekt für dessen Substanz genähert, hat allerdings nicht gezögert, diese Substanz zu kondensieren: Das Original dauert gut zweieinhalb Stunden, Mouchtar-Samorais Version kommt mit der Hälfte der Zeit aus, ohne dass das Stück dadurch an Eindringlichkeit verlieren würde. Ansonsten ist die Inszenierung geradezu klassisch, schnörkellos und ohne jede Effekthascherei – ein wohltuendes Kontrastprogramm zur bombastischen Inszenierung der heiligen Johanna der Schlachthöfe, die vergangenen Monat mit großem Bombast und Live-Band als Rockoper im TNL aufgeführt wurde. „Endspiel“ ist dagegen Theater der leisen Töne.

Ein reduziertes Ensemble …

Wer Becketts Originaltext nicht kennt: In einer postapokalyptischen Zukunft ist die Zivilisation zerfallen, die Natur ist tot. Die Überlebenden Hamm (André Jung) und Clove (Ulrich Kuhlmann) hausen in einer Art kargem Bunker mit zwei Fenstern und pflegen ihre gegenseitige Abneigung, sind allerdings aufeinander angewiesen. Hamm sitzt im Rollstuhl und kann nicht sehen, trotzdem terrorisiert er seinen Diener Clove, der aufgrund seiner steifen Beine nicht sitzen kann. Clove will Hamm verlassen, doch dieser ist der Einzige, der weiß, wie man Nahrung beschaffen kann. Das gesamte Stück kreist um diese, wie man heute sagen würde „toxische“ Beziehung. Mouchtar-Samorai hat die Charaktere Nagg und Nell, im Originaltext Hamms verkrüppelte Eltern, kurzerhand herausgestrichen. Die Absurdität dieser Situation, die Bewahrung der Niederträchtigkeit, der Kleinlichkeit und der Sinnlosigkeit als menschliche Konstante im Angesicht der totalen Zerstörung, ist einerseits unfassbar komisch, und andererseits sehr beklemmend. Aus diesem Widerspruch entsteht der Sog des Stücks.

Beckett schrieb das Stück in den 1950ern, in der ersten heißen Phase des Kalten Krieges, als die Möglichkeit der atomaren Vernichtung des Planeten für viele Menschen plötzlich sehr real wurde. Und auch wenn es heute nicht mehr so sehr die atomare Bedrohung ist, die die Menschen umtreibt, ist das Ende der Zivilisation in der aktuellen Multikrise von Klimakatastrophe über Kriege hin zur Desinformationsgesellschaft für viele Menschen eine latent im Raum stehende Möglichkeit. Becketts Stück, obwohl in seiner Interpretation grundsätzlich offen, zeigt unbarmherzig, dass der Mensch selbst im Angesicht seiner drohenden Vernichtung nicht in der Lage ist, Großes zu vollbringen. Wer vergangenen Monat die Klimakonferenz in Baku verfolgt hat, der weiß, dass der Meister des absurden Theaters mit seiner Einschätzung der menschlichen Natur nicht weit daneben liegt.

… für maximale Wirkung

Insofern braucht das Stück keine zeitgenössischen Aktualisierungen, um für das Publikum 70 Jahre später verständlich zu sein. Mouchtar-Samorais Inszenierung ist in diesem besten Sinne zeitlos, sie könnte genauso vor 50 Jahren und wohl auch noch in 50 Jahren aufgeführt werden. Das schlichte Bühnenbild ist eine Wand aus weißem Papier mit zwei aufgemalten Fenstern, trostlos und kalt. Der Umgang mit den Requisiten erinnert an die Slapstick-Filme von Dick und Doof oder Charlie Chaplin, ohne dabei gewollt auf Lacher zu setzen – es ist eher ein Kommentar zur grundsätzlichen Lächerlichkeit allen Seins.

Mouchtar-Samorais Inszenierung arbeitet gekonnt mit Becketts schwarzem Humor, ohne ihn zu überbetonen. Die Lacher, die im Publikum zu hören sind, wirken oft erstickend, fast schuldhaft – ein Effekt, der die absurde Tragik der Situation nur noch greifbarer macht. Diese Mischung aus Komik und existenzieller Schwere ist schwer zu inszenieren, doch das Stück trifft hier genau den richtigen Ton: Das Publikum lacht nicht, weil es komisch ist, sondern trotz der Unausweichlichkeit des Dargebotenen.

Eine Idee von Zärtlichkeit

Die Leistung von André Jung (Hamm) und Ulrich Kuhlmann (Clove) ist eine der tragenden Säulen dieser Inszenierung. Jung schafft es, Hamm als tyrannischen Zyniker darzustellen, ohne ihn in eine Karikatur zu verwandeln. Seine Stimme wechselt mühelos zwischen Befehlsgewalt und Momenten seltsamer Sanftheit. Kuhlmann hingegen verleiht Clove eine subtile körperliche Zerbrechlichkeit, die die Figur zwischen Rebellion und Resignation balancieren lässt. Besonders eindringlich ist das nonverbale Spiel der beiden: Jede Bewegung, jeder Blick trägt Bedeutung und verstärkt die Intensität der Szenen.

Eines der großen Kunststücke, welches Mouchtar-Samorai vollbringt, ist allerdings eine gewisse Zärtlichkeit, die er seinen Figuren gestattet – Hamm und Clove erinnern an jene alten Ehepaare, die zu lange zusammen sind, um sich noch trennen zu können, und die trotz jahrelang kultivierter Abneigung in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit noch einen winzigen Rest der Liebe enthalten. Hamm ist zwar bösartig, aber er ist nicht böse, Clove ist verbittert, aber in seinen Gesten doch bemüht, Hamm zu beschützen.

Es ist auch diese Zärtlichkeit, die das Stück sehr zugänglich macht – gepaart mit seiner Kurzweiligkeit. Wer sich noch nie weiter mit dem absurden Theater beschäftigt hat, der dürfte „Endspiel“ im TNL als sehr einsteigerfreundlich empfinden. Das gilt längst nicht für alle Beckett-Inszenierungen, die häufig doch recht hermetisch daherkommen. Die auf 70 Minuten reduzierte Version von „Endspiel“ zwingt die Inszenierung zu strafferem Tempo und hält den Spannungsbogen aufrecht. Gleichzeitig entsteht ein intensives Erlebnis, keine Szene wirkt unnötig. Gerade für ein zeitgenössisches Publikum, das oft mit langen Dialogen und repetitiven Strukturen Becketts Schwierigkeiten hat, wirkt die Verkürzung wie eine Brücke, die den Zugang erleichtert, ohne den Text zu entstellen. Wer allerdings in diesen Zeiten Trost oder gar Hoffnung im Theater sucht, dem sei vom Besuch abgeraten: Absurdes Theater ist kein wohliges Shakespearedrama, sondern, trotz aller Zärtlichkeit, ein Schlag in die Magengrube.

 Foto: Bohumil Kostohryz

„Endspiel“ im TNL

Weitere Aufführungen: 4.12.2024 (19.30), 8.1.2025 (19.30), 9.1.2025 (19.30), 10.1.2025 (19.30)