Das geplante neue Tierschutzgesetz in Luxemburg erkennt die Würde der Tiere an. Welche Bedeutung hat ein solches Gesetz?

Friederike Schmitz ist Doktor der Philosophie. Derzeit forscht sie zu dem Thema „Tiere in der politischen Theorie“ an der Freien Universität Berlin. Sie ist außerdem die Herausgeberin des Buches „Tierethik“, der bislang vollständigsten und aktuellsten Sammlung von Grundlagentexten zu dem Thema in deutscher Sprache. Friederike Schmitz ist daneben als Aktivistin bei den Aktivistengruppen Tierfabriken-Widerstand und Animal Climate Action in Deutschland aktiv.

Foto: Hannes Jung

Friederike Schmitz: Das kommt darauf an, was man daraus macht – praktisch heißt so etwas meist nicht viel. In der Schweiz zum Beispiel steht die Würde der Tiere bereits seit einigen Jahren im Gesetz. Gleichwohl werden da noch Tiere, wie überall sonst, wie Waren zu Profitzwecken benutzt. In Deutschland ist der Tierschutz seit einigen Jahren als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Auf die praktische Rechtsprechung hat das allerdings bislang so gut wie keinen Einfluss gehabt.

Was spricht aus Ihrer Sicht dagegen, Tiere zu Profitzwecken zu benutzen?

Wirbeltiere, Vögel und viele andere Tiere sind ohne Zweifel fühlende Lebewesen und empfindungsfähige Individuen. Sie haben ein eigenes Leben, das für sie besser oder schlechter verlaufen kann. Sie haben eigene Wünsche und Interessen. In dieser Hinsicht sind sie uns gleich. Wenn wir überhaupt Rücksicht auf andere nehmen wollen, dann zählen empfindungsfähige Tiere auch zu diesen anderen, die wir nicht bloß zu unserem eigenen Nutzen quälen und ausbeuten sollten.

Bedeutet das, dass wir Tiere so behandeln sollten, wie wir Menschen behandeln?

Der wichtigste Schritt ist, dass Tiere überhaupt als Wesen anerkannt werden, die unsere Rücksicht verdienen. Im Moment passiert das nicht – obwohl ständig so getan wird, als sei es der Fall.
Oft genug wird auf das Tierschutzgesetz oder auf Tierschutzstandards in der Fleischproduktion hingewiesen. Tatsächlich aber werden Tiere in der Agrartierhaltung, bei Tierversuchen und anderswo so behandelt, dass auf ihre Bedürfnisse überhaupt keine Rücksicht genommen wird. Sie sind unter schlimmsten Bedingungen eingesperrt und werden verstümmelt, von ihrer Familie getrennt und noch im jugendlichen Alter getötet. Sie zählen nur als Waren und nicht als Individuen.

Die erste ethische und politische Forderung lautet hier, Tiere nicht mehr derart zu reduzieren. Daraus folgt, dass wir sie nicht zur Produktion von Fleisch und Eiern benutzen sollten, denn das geht immer mit Bedürfnisverletzungen und Leid einher.

Wir sprechen hier von „negativen Pflichten“ – also davon, was wir nicht mit Tieren tun sollten. Dabei sehe ich tatsächlich keine großen Unterschiede zum Menschen. Beide sollten wir nicht ohne Not töten oder verletzen.
Möglicherweise gibt es Unterschiede im Hinblick auf die positiven Pflichten – also ob wir zum Beispiel Wildtieren in Not helfen sollten genauso wie wir Menschen in Not helfen sollten. Das ist aber auch innerhalb der Tierrechtsbewegung umstritten.

Ist ein Tier nicht etwas grundlegend anderes als ein Mensch?

Erstens sind Menschen biologisch gesehen auch Tiere – Säugetiere nämlich–, zweitens zeigt die Ideengeschichte philosophischen Nachdenkens über Menschen und Tiere, dass die meisten Unterschiede, die herausgestellt wurden, tatsächlich nicht bestehen.

Es wurde zum Beispiel behauptet, Tiere könnten nicht sprechen. Mittlerweile ist klar, dass Tiere auf ihre Weise untereinander und mit Menschen kommunizieren können.

Es wurde behauptet, Tiere hätten keine Vernunft und keine Moral. Jetzt gibt es neueste Verhaltensforschung, die erstaunliche kognitive Fähigkeiten bei Tieren aufzeigt und auch so etwas wie Altruismus und kooperatives Verhalten.
Natürlich kann man immer noch sagen, dass es Gradunterschiede zwischen erwachsenen Menschen und Tieren gibt. Das ist aber für die ethische Frage, wen wir berücksichtigen sollten, eigentlich gar nicht relevant.

Es geht nicht darum, ob jemand sprechen kann, moralisch entscheiden kann oder besonders klug ist, sondern darum, ob der oder die andere unter unseren Handlungen leiden würde oder ihr dadurch geschadet wird. Das gilt für Tiere genauso wie auch für Menschen, die nicht voll vernunft- und sprachfähig sind, wie zum Beispiel Babys.

Warum wurde dieser Umstand – auch in der Philosophie – so lange ignoriert?

Es gab in der Philosophiegeschichte immer wieder Leute, die die etablierte gewaltvolle Behandlung von Tieren infrage gestellt haben. Der Mainstream der westlichen Philosophien hat die Nutzung von Tieren zu menschlichen Zwecken und die Missachtung ihrer Bedürfnisse aber gerechtfertigt oder legitimiert.

Das hat damit zu tun, dass Menschen die ganze Zivilisationsgeschichte hindurch Tiere benutzt haben.

Das hieße ja, dass sich die Philosophie am Mainstream orientiert hat, anstatt ihn zu prägen?

Ja, das ist die Frage vom Verhältnis von Sein und Bewusstsein. Beides spielt eine Rolle. Es liegt aber sehr nahe, dass in einer Gesellschaft, in der es üblich und normal ist, Tiere auszubeuten, die Denker dazu neigen, die Ausbeutung zu rechtfertigen, anstatt sie infrage zu stellen – gerade wenn sie sich nicht viel mit dem Thema beschäftigen, sondern nur am Rande dazu Stellung nehmen.

Das sieht man anhand von anderen Unterdrückungsmechanismen auch. Die schlauesten Philosophen haben dermaßen dumme Sachen zur Rechtfertigung der Unterdrückung der Frauen gesagt, dass man heute eigentlich nur noch darüber lachen kann.

Dass sich viele Philosophen nur am Rande mit Tieren beschäftigt haben, hat damit zu tun, dass sie das Thema hauptsächlich als Mittel benutzt haben, um über Menschen zu reden. Sie haben zum Beispiel gesagt: „Menschen sind besonders toll, weil sie sich in dieser und jener Eigenschaft von Tieren unterscheiden.“ Tiere wurden als Abgrenzungsgegenstand zur Definition des Menschen benutzt, aber kaum als interessanter eigener Untersuchungsgegenstand der Philosophie oder Ethik.

Wenn Sie über die Ausbeutung von Tieren sprechen, klingt auch wie eine Kritik am Kapitalismus mit. Täusche ich mich da?

Ich glaube, dass unsere Behandlung von Tieren sehr viel damit zu tun hat, wie wir als Gesellschaft organisiert sind. Das gilt im Hinblick auf wirtschaftliche Verhältnisse, aber auch im Hinblick auf politische und kulturelle Voraussetzungen.
Wenn man sich die Entwicklung der Tierhaltung anschaut, sieht man, dass die Intensivtierhaltung, in der die Tiere vollständig zu möglichst effizienten Produktionsmaschinen degradiert werden, sich entwickelt hat aufgrund von wirtschaftlichen Anreizen und Bedingungen seit den 50er und 60er Jahren – es war eben profitabler, Tiere auf diese Weise auszubeuten.

Die Intensivierung wird heute immer noch zum Beispiel aufgrund von Verdrängungswettbewerb und Wachstumszwang verstärkt.

Natürlich glaube ich nicht, dass allein das Wirtschaftssystem schuld ist und alle aufhören würden, Tiere zu töten und zu essen, wenn wir nur das System ändern würden. Aber es ist schon interessant, sich anzuschauen, wie in alternativen Modellen von Landwirtschaft, wie in der solidarischen Landwirtschaft mit solchen Fragen umgegangen wird. Also wenn Leute zusammenkommen und zusammen überlegen, wie sie Nahrungsmittel für alle produzieren wollen, dann kommen sie nicht auf die Idee, möglichst viele Hühner in eine Halle zu stopfen und ihnen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Gewicht anzuzüchten. Das sind Dinge, die, wie ich glaube, niemand toll findet. Dinge, die sich aus anonymen Wirtschaftsstrukturen ergeben, in denen Verantwortung hin- und herverschoben wird und keine direkte demokratische Kontrolle über die Produktion stattfindet.

Das hieße, es würde hier gegen den Willen aller Leute etwas Bestand haben, das im Grunde keiner will?

Das würde ich tatsächlich so sagen. Umfragen zeigen ja immer wieder, dass viele Leute gegen Massentierhaltung sind, dass sie gegen bestimmte etablierte Praktiken wie das Kükenschreddern oder Schwänzekürzen sind und dass sie wollen, dass Tiere in der sogenannten Massentierhaltung besser behandelt werden.

Ich kann da nur für Deutschland sprechen, aber wenn man sich die Entwicklung der Massentierhaltung ansieht, zeigt sich, dass diese Intensivierung ganz stark auf undemokratische Weise durchgesetzt wurde. 1972 wurde ein neues Tierschutzgesetz beschlossen, das so tut, als ob es aufkommende Sorgen der Bevölkerung gegenüber dieser Maschinisierung und Behandlung von Tieren aufnimmt und darauf eingeht. Tatsächlich war das Gesetz das Resultat erfolgreicher Lobbyarbeit der aufstrebenden Tierindustrie, wie eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit nachweist (Philipp von Gall: „Tierschutz als Agrarpolitik“). Das neue Gesetz hat die Intensivtierhaltungsverfahren, wie damals die Batteriehaltung von Hühnern und andere, abgesichert und dazu geführt, dass sie in den nächsten 40 Jahren nicht verboten oder eingeschränkt werden konnten. Das hat letztlich der Tierindustrie gedient. Die aufkommende Kritik wurde diffamiert als irrational, unsachlich und unwissenschaftlich.

Wie ist heute der Stand in Ihrer Disziplin?

Tierethik ist ein Teil der angewandten Ethik. Es ist ein Teilgebiet, das lange Zeit sehr marginal war, heute aber zunehmend ernst genommen wird. Es gibt immer mehr Publikationen dazu und immer mehr Konferenzen.
Vieles wird dort natürlich kontrovers diskutiert. Ich würde aber sagen, dass die Mehrheit der Philosophinnen und Philosophen zu dem Schluss kommen, dass die gegenwärtige Behandlung von Tieren, nicht nur in der Nutztierhaltung, sondern auch zum Beispiel bei Tierversuchen und im Sport, sich nicht rechtfertigen lässt.

Nicht alle fordern, so wie ich, eine Abschaffung der Nutztierhaltung. Aber sie sagen zumindest, wir müssen sie grundlegend umgestalten und die Leidensfähigkeit von Tieren viel stärker berücksichtigen. Das steht im starken Gegensatz zur tatsächlich etablierten Praxis und der Verteidigung dieser Praxis durch Lobbyverbände, Regierungen und Politik.

Philosophen sind also heute nicht mehr Mainstream?

Die Frage ist, was der Mainstream eigentlich will. Ich glaube, dass die verbreiteten Meinungen im Kontrast zur Realität stehen. Die meisten Menschen sind ja geschockt, wenn sie Bilder zum Beispiel aus Schweinefabriken sehen. Die wollen nicht, dass neugeborene Küken geschreddert werden. Sie finden es auch mindestens „unschön“, dass den Mutterkühen ihre Kälber weggenommen werden. Die Industrie lebt davon, dass viele Leute gar nicht darüber nachdenken, wie Tiere gehalten werden, und dass diese Praktiken als normal gelten. Die Industrie investiert auch in den letzten Jahren verstärkt in die Öffentlichkeitsarbeit, um der zunehmenden Kritik aus der Bevölkerung zu begegnen und dem etwas entgegenzusetzen.

Was sie der Kritik entgegensetzen, sind aber keine ethischen Argumente, denn die gibt es nicht. Stattdessen sind es Beschönigungen, Verharmlosungen und Mythen. So wird etwa immer wiederholt, den Landwirten sei das Wohlergehen der Tiere ein Anliegen, weil sie nur mit gesunden und glücklichen Tieren Profit machen könnten, was einfach falsch ist.

Stehen den Interessen der Tiere denn nicht die Interessen der Landwirte, Profit zu machen, oder die Interessen der Konsumenten, selber entscheiden zu können, gegenüber?

Ja, natürlich gibt es Interessenskonflikte. Aber wir müssen hier unterscheiden. Es kommt darauf an, was man als Interesse definiert, denn manche Interessen lassen sich auch anders erfüllen. Zum Beispiel hat jeder Landwirt ein berechtigtes Interesse, ein gutes Leben zu führen und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist aber auch möglich, ohne dass dafür Tiere ausgebeutet werden – um das zu erreichen, müssen wir als Gesellschaft unsere Landwirtschaft und Ernährung transformieren.

Denn auch wenn wir alle ein Interesse an guter Ernährung haben, folgt daraus nicht, dass wir Tiere essen müssen, wir können uns auch pflanzlich lecker und gesund ernähren.

Wenn man bei den Interessen spezifischer bleibt, lassen sie sich manchmal nicht auf diese Weise erfüllen. Zum Beispiel könnte jemand sagen, er mag den Geschmack einer bestimmten Sorte Käse, der sich nicht anders als mit Milch herstellen lässt. Dann ist aber die Frage, wie schwerwiegend dieses Interesse ist. Also man muss sich fragen, ob dieses Interesse rechtfertigt, dass Kühe mithilfe künstlicher Befruchtung zwangsgeschwängert werden, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden und sie über mehrere Jahre möglichst effizient ausgebeutet werden, um dann brutal getötet zu werden.

Meiner Meinung nach ist der Geschmack von Käse zwar etwas Schönes, aber all das nicht wert.

Wenn denn die Nutztiere artgerecht gehalten würden, ihnen alle Bedürfnisse erfüllt würden, wäre es dann vertretbar, sie zu töten, um sie zu essen?

Das ist so ein typisch philosophisches, realitätsfernes Gedankenexperiment. Denn diese Situation gibt es nicht und wird es auch in absehbarer Zeit, zumal unter den bestehenden wirtschaftlichen Bedingungen, nicht geben. Was in der Praxis als „artgerecht“ zählt, ist nur unwesentlich besser als die konventionelle Haltung. Es ist einfach viel zu teuer, die Bedürfnisse von Tieren wirklich zu berücksichtigen. Wenn es um Profit geht, muss man sparen, wo es geht – die Vertreter „besserer“ Tierhaltung nennen das gerne „Kompromisse machen“, vergessen dabei aber, dass es die Tiere sind, die die Kompromisse machen – und dass die z.B. darin bestehen, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden oder sie noch als Jungtiere getötet werden.

Das ist der zweite Teil der Antwort: Auch im realitätsfernen Gedankenexperiment wäre es aus meiner Sicht nicht in Ordnung, Tiere ohne Not zu töten, nur um sie aufzuessen. Denn gerade wenn sie ein schönes Leben haben, wollen sie doch weiterleben, anstatt für ein bloßes Geschmackserlebnis ausgelöscht zu werden, oder?

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Yves Greis