08. April 2017 14:27;Akt: 08.04.2017 14:45

Bits und Bytes statt Öl und Staub

MITARBEITER VON MORGEN

Die Industrie sucht verstärkt nach hochqualifizierten Mitarbeitern und will die Schüler begeistern.

Die Industrie des 20. Jahrhunderts, das waren Schmutz, Rauch, Schmiere, Stahl und Kohle. Die Arbeiter muskulös, verschwitzt und mit Öl und fett verschmiert. Der Arbeiter in diesem Bild: arbeitsam und ausgebeutet.

In der Industrie des 21. Jahrhunderts übernehmen Maschinen die Kraftarbeit, die Arbeiter programmieren, entwerfen, analysieren, rechnen und verwalten. Dass ausgerechnet zwei Abiturklassen der Sektionen C und D bei einem Industriebetrieb eine Werksbesichtigung machen dürfte, ist also nicht verwunderlich. „Heutzutage werden hier auch Hochschulabsolventen gesucht“, sagt Lehrer Marc Muller. Es ist nicht das erste Mal, dass er einen solchen Besuch bei einem Industrieunternehmen organisiert. Er steht im Kontakt mit der Industrie und dem Industrieverband Fedil.

Kein Amüsierausflug

Es sind rund 50 Schüler, die angereist sind. Erwachsene an sich, die schon bald ihr Studium antreten und sich mit einer Berufswahl auseinandersetzen werden müssen. Für die Schüler also mehr informative Lehrveranstaltung als Amüsierausflug. Für das Unternehmen eine Gelegenheit, sich potenziellen neuen Mitarbeitern vorzustellen.

Für den Hersteller von Spezialwerkzeugen aus Mamer ist es nicht der erste Besuch von Schülern. Allerdings ist es das erste Mal, dass der Betrieb seine Präsentationen auf die Klassen abgestimmt hat. Sektion C und D, das heißt Naturwissenschaften und Wirtschaft. Unter den Schülern sind womöglich zukünftige Buchhalter, Physiker und Manager.

Ingenieure und IT-Leute

Ceratizit ist ein weltweit agierendes Unternehmen mit Hunderten von Mitarbeitern. Der Hauptsitz und ein Großteil der Produktion sind in Mamer beheimatet. Die riesige Produktpalette des Unternehmens umfasst alles über Sägeblätter, Bohrer bis zu Stanzwerkzeugen für die Produktion von Damenbinden. Die Gemeinsamkeit: Alle Werkzeuge sind extrem resistent, da sie aus Wolfram gefertigt sind.

Ähnlich breit wie die Produktpalette des Unternehmens ist die Palette an unterschiedlichen Ausbildungen, die die Firma braucht. Im Unternehmen arbeiten Ingenieure, Mechaniker und Techniker, genauso wie Buchhalter, Marktanalysten, Experten für Fusionen und Übernahmen, Psychologen in der Personalabteilung, Feuerwehrleute und IT-Experten. „Luxemburg ist ein Hochlohnland und der einzige Weg, um konkurrenzfähig zu sein, ist, innovativ zu sein“, kriegen die Schüler mit auf den Weg.

Fracking als neuer Markt

Das Unternehmen gehört zwei Luxemburger und einer Schweizer Familie. Drei Viertel des Umsatzes macht das Unternehmen in Europa. Es wächst in Amerika. Seit einiger Zeit versucht die Firma, den kompletten Produktionsprozess zu kontrollieren, vom Schürfen des Wolframerzes bis zum Recycling.

Was die Aufgabe eines Wirtschaftswissenschaftlers bei Ceratizit sein kann, erfahren die Schüler im Vortrag von Nathan Fossard. Der junge Mann untersucht für Ceratizit die Marktlage, sucht nach neuen Märkten und Möglichkeiten und behält die Konkurrenz im Auge. Einen neuen Markt etwa gebe es im Fracking. Dort könnte das zähe Material Wolfram etwa Stahlelemente ersetzen. Negativ (für das Unternehmen) sei, dass immer mehr Elektroautos gebaut werden, in denen weniger Verschleißteile eingebaut sind, andererseits stellt Ceratizit auch Keramikteile her und kann so eventuell von den Elektroautos profitieren.

Interessanter Werdegang

Interessant auch: Das Unternehmen braucht Leute, die sich mit Firmenfusionen auskennen. Bücher müssen geprüft, Gesetze eingehalten werden. Danach, und das sei der schwierige Teil, müssen die beiden Unternehmen zu einem Ganzen verschmolzen werden. Ceratizit ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten kräftig gewachsen. Nicht zuletzt durch Joint Ventures und Käufe. Für die Schüler interessant: der Werdegang von Fossard. Wirtschaftsabi in Frankreich. Bachelor in der Geschichte. Master in Internationalen Beziehungen. Arbeit im Verteidigungsministerium und Master in der Wirtschaft.

Arbeitsstelle bei Luxspace und schließlich Ceratizit. Dort gibt der junge Franzose Anfang 30 nun Input für die Geschäftsführung. Bei Ceratizit kennt man zwei Laufbahnen, lernen die Schüler: den Experten, der sich mit seiner Materie bis ins Detail auskennt und der Manager, der die Globalsicht hat. Mitarbeiter können – und Ceratizit unterstützt dies ausdrücklich – öfters den Arbeitsplatz im Unternehmen oder sogar den Standort wechseln. Zum Beispiel, wenn im Ausland ein neues Werk entsteht oder gekauft wird.

Kompetenz und Selbstdisziplin

Was das Unternehmen sucht: „Eine gute Einstellung und eine gute Kompetenz.“ Menschen, die schnell von Begriff sind, sich in ihrem Bereich auskennen und Selbstdisziplin besitzen. „Jeder kann etwas besonders gut. Wir werden die Leute dort einsetzen, wo ihre Stärken sind und nicht da, wo sie nicht so gut sind“, heißt es aus der Personalabteilung des Unternehmens.

Am Ende stehen dann die eigentliche Werksbesichtigung sowie Fachvorträge über Marktanalyse und Material auf dem Programm. Vorher gibt es aber noch einen Rat: „Macht euren Abschluss, dann geht nach Lloret, dann kommt zurück und macht ein Praktikum bei uns“, gibt Paul Jung, Managing Director bei Ceratizit, den jungen Menschen mit. „Bei uns ersetzen Praktikanten Mitarbeiter, die in Urlaub sind.“ Dokumente dem Datum nach sortieren, müsse hier kein Praktikant. Und: Irgendwann würden die Schüler vielleicht einmal Chef der Arbeiter hier. So ein Praktikum sei für die Schüler vielleicht die letzte Möglichkeit, die Arbeit der Menschen zu machen, deren Vorgesetzte sie später sein werden.

Yves Greis

  • Personal Tuning am 10.04.2017 09:05 Report Diesen Beitrag melden

    Als nächstes wird die IT Branche sich die Personen aussuchen, denen sie dann die Gehirne einbaut die sie gerade benötigt

  • Fritz Bautze am 08.04.2017 22:17 Report Diesen Beitrag melden

    Die IT-Industrie braucht doch gar nicht weiter zu suchen. Es wurde uns doch mitgeteilt, dass gerade Millionen Ingenieure eingewandert sind. Die haben doch angeblich auch eine wesentlich bessere Bildung als wir. Wieso also sucht die IT-Industrie noch immer? Hm....

  • Sophie am 08.04.2017 17:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    IT experten.... die Leute die vom Management meistens wie der letzte Dreck behandelt werden? Wenn die IT läuft ist es ja normal, läuft sie nicht sind es wieder die inkompetenten ITler.

    • Fritze Bautze am 08.04.2017 22:19 Report Diesen Beitrag melden

      Die IT-Branche hat eigene Abteilungen um kluge Köpfe abzuwerben. Kompetente Informatiker sind extrem begehrt. Die billig ausgebildeten aus einigen Staaten werden natürlich ignoriert. Die von der luxemburgischen Uni sowieso.

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