Eines der Themen, die im Jahr 2018 für viel Diskussionsstoff gesorgt haben, war der Welthandel. Die USA haben ihre Rolle als weltweiter Verfechter des freien Handels abgegeben. Um das Defizit seines Landes beim Warenhandel zu bekämpfen, setzt Donald Trump auf Protektionismus. Sonderzölle auf Importen werden eingeführt. Die Welt reagiert mit Plädoyers für den freien Handel und führt zum eigenen Schutz gleichzeitig eigene Gegenzölle ein. Machen Importzölle überhaupt Sinn? Ist der freie Handel ein Gut, das es zu schützen gilt?

Für einen fairen Handel

Der freie Handel hat dem Land und der Welt neuen Reichtum gebracht. Hunderte Millionen Menschen sind der bitteren Armut und dem Hunger entflohen. Der freie Handel ist aber ein zweischneidiges Schwert. Er schafft nicht nur Reichtum – sondern verteilt ihn auch um. Er schafft wirtschaftliche „Verlierer“. Und dies vor allem in den alten Industriestaaten.

Der freie Handel hat somit für viele Menschen in unseren Ländern in den letzten zehn Jahren an Attraktivität verloren. Das ist nicht nur in den USA der Fall, wo der Freihandel heute ganz anders beäugt wird als noch vor zehn Jahren. Eine kurze Erinnerung an das heftig umstrittene Freihandelsabkommen TTIP zeugt vom Enthusiasmus der Europäer.
Politisch gesehen ist der freie Handel sowohl von links als auch von rechts unter Beschuss. Steigende Ungleichheiten in den einzelnen Ländern werden mit der fortschreitenden Globalisierung erklärt. Nationalen Regierungen ist die Kontrolle der eigenen Volkswirtschaften entglitten.

Hinzu kommt, dass das, was heute als freier Handel bezeichnet wird, nicht unbedingt immer dem entspricht, was man unter freiem Handel verstehen könnte. Nicht umsonst hat China – nach den verbalen Angriffen aus den USA – neben Vergeltungsmaßnahmen auch bereits Zugeständnisse versprochen. Dazu zählen eine Erleichterung des Marktzugangs für ausländische Investoren sowie ein besserer Schutz der Rechte von ausländischen Geldgebern. Das Bestehende ist demnach weder frei noch fair. Wenn von der EU subventionierte Agrarprodukte in ärmeren Ländern die Märkte durcheinanderbringen, auch nicht. Auch kann es, laut Wirtschaftstheorie, gute Gründe für protektionistische Maßnahmen geben. Etwa wenn ein Land sich Zeit erkaufen will, um Mitarbeiter in einer alten Industrie, die sich im grundlegenden Wandel befindet, umzuschulen.
Vor allem aber steht die Welt derzeit vor neuen drängenden Herausforderungen – allen voran die Bekämpfung des Klimawandels. In der Theorie würde sich das wohl am besten regeln lassen, wenn alle Länder an einem Strang ziehen würden und ihre Versprechen dann auch umsetzen würden. Das ist aber illusorisch.

So hat der Stahlkonzern ArcelorMittal mittlerweile verstanden, dass Europa in eine saubere Zukunft gehen will. Der Konzern beschäftigt sich mit den Themen. Eine Schlussfolgerung ist aber bereits klar: Jede einzelne in Europa produzierte Tonne Stahl würde spürbar teurer werden.

Sein Unternehmen wäre wohl bereit, die notwendigen Anstrengungen zu unternehmen, erklärte der Stahlhersteller Mitte Dezember in Paris. Gleichzeitig fordert er aber einen „fairen Handel“. Mit anderen Worten: Stahl, der im Ausland mit mehr Verschmutzung hergestellt wurde, darf nicht für den einfachen Produktionspreis nach Europa importiert werden können. Für das Mehr an Verschmutzung müsse Europa dann Importzölle fordern. Dem Kampf gegen den Klimawandel wäre andernfalls nicht geholfen – Europa jedoch würde eine Industrie verlieren.

Der freie Handel wird diese Herausforderung nicht lösen. Der faire Handel, der Umwelt- und soziale Kriterien miteinbezieht, vielleicht schon.

Christian Muller, Wirtschaftsredaktion

 

Für einen freien Handel

Was wäre das Leben ohne grenzüberschreitenden Handel? Ohne Südfrüchte, ohne Schokolade (!), ohne Motorräder aus Japan und ohne amerikanische Smartphones (made in China)? Ein Leben nur mit regionalen Produkten wäre öde, jeder Winter wäre ein Steckrübenwinter.

Europa und Luxemburg ist es nie besser gegangen als heute, dem Handel mit den Nachbarn und den weiter entfernten Ländern sei Dank. Heute kann sich niemand mehr daran erinnern, wie das Leben aussah, als dem Handel durch Zölle, Verbote oder mangelnde Infrastruktur kaum zu überwindende Hemmnisse auferlegt waren.

Damals war das Großherzogtum ein Bauernstaat, in dem Hungersnöte nur allzu oft vorkamen. Viele Einwohner nahmen enorme Risiken auf sich und suchten ihr Glück in der Ferne. Reich wurde Luxemburg erst, als im Minette Eisenerz entdeckt wurde. Doch schon damals, vor über hundert Jahren, wäre das Erz bloß Erz geblieben, wenn kein Kapital, keine Kohle und keine Arbeitskräfte über die Grenzen gekommen wären.

Der Stahl, der dazu beitrug, dass Luxemburg den Mangel endlich überwand, fand Abnehmer auf der ganzen Welt. Nur wenige andere Staaten beherrschten das Stahlkochen so gut und so billig wie Luxemburg. Eigentlich ist es nur logisch, dass sich jede Volkswirtschaft auf das konzentriert, was sie am besten kann. Nur dadurch, dass Luxemburg Stahl exportierte, konnte es andere Dinge, die nicht innerhalb der engen Grenzen hergestellt werden konnten, importieren.

Wenn Luxemburg nur auf sich selbst gestellt gewesen wäre, wäre es heute nur von einer Handvoll überarbeiteten und mangelernährten Bauern bevölkert – und es gäbe kein Staatsoberhaupt. Denn selbst die großherzogliche Familie stammt nicht aus Luxemburg.

Der grenzüberschreitende Handel hat aber nicht nur für Wohlstand gesorgt, auch die nunmehr über 70 Jahre währende Zeit des Friedens ist sein Produkt. Die europäische Einigung begann mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Sie sorgte dafür, dass die Mitgliedstaaten Zugang zu Rohstoffen hatten, ohne Zoll zahlen zu müssen.
Wenn der Nachbar die Güter teilt, nach denen man sich sehnt, braucht man keinen Krieg, um daran zu gelangen. Gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten haben schon so manchen Krieg verhindert – und so manches Leben gerettet.

Dass nun eine Nation, die über Jahrzehnte den Freihandel anschob, diesem den Krieg erklärte, bleibt hoffentlich nur eine kurze Episode. Denn bei Handelskriegen gibt es keine Gewinner, nur Verlierer. Diese Erfahrung muss Trump wohl noch machen, ehe er den Handel wieder freigibt. Die amerikanischen Arbeiter und Farmer werden es ihm danken.
Eine andere Nation, die den Freihandel sogar erfunden hat, hat sich ebenfalls dazu entschlossen, freien Handel nur noch mit sich selbst zu treiben. In Großbritannien machen gerade die Unternehmen und Konsumenten die Erfahrung, wie es ist, wenn der Handel langsamer dreht – dabei ist das Land bislang immer noch Mitglied des Europäischen Wirtschaftsverbandes.

Jean-Philippe Schmit, Wirtschaftsredaktion

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