Bruce Lee ist als Kung-Fu-Kämpfer vielen ein Begriff. Die Tatsache, dass es sich bei seinem Stil um Wing Chun handelt, dürfte weniger bekannt sein. Falsch ist es, die jahrhundertalte, kampferprobte Kunst als Kampfsport zu bezeichnen, da sie weit mehr als Sport ist.

Es gibt in China viele spektakuläre Kampfstile, die meisten davon fallen jedoch in die Sparte „Opern-Kampfkunst“, da sie wegen ihrer raumgreifenden Bewegungen vor allem im Theater und Film angewandt werden.

Keih R. Kernspecht, einer der Urväter des Wing Chun in Europa, schreibt in seinem Buch „Wing Tsun Kuen“: „Als Faustregel, (…), können wir uns merken: Hat ein System schöne tänzerische Bewegungen, ist es möglicherweise für (…) den Kampf ohne Regeln nicht sehr geeignet“ und: „kompromisslose Kampfstile zeichnen sich durch kleine, knappe, sparsame Bewegungen aus“. Ein solcher Stil ist Wing Chun. Nicht umsonst werden Polizeieinheiten u.a. in den USA und Deutschland darin unterrichtet.

Einer der Grundsätze des Wing Chun lautet: „Hast du einmal Kontakt mit deinem Gegner, bleib kleben“. Dieses Klebenbleiben wird konsequent geübt, durch das sogenannte Chi Sao, die „klebenden Hände“, eine Übung, die übrigens auch im Tai Chi Chuan praktiziert wird. Es handelt sich um eine Partnerübung, in der zwei Personen ihre Unterarme in kontinuierlichen kreisförmigen Bewegungen gegeneinander drücken, ohne den Kontakt zu verlieren. Ziel dabei ist es, die Angriffe des Gegenübers erfühlen zu lernen.

Kampfsport und Kampfkunst

In der breiten Öffentlichkeit werden Kampfkunst und Kampfsport oft gleichgesetzt. Spricht man z.B. von Karate, spricht man mal von japanischer Kampfsportart, mal von Kampfkunst. Bei einer Kampfsportart gibt es Wettkämpfe, in denen die Teilnehmer nach Regeln gegeneinander antreten, auch wenn diese noch so minimal sind. Eine Kampfkunst lehrt, sich ohne Wenn und Aber zu verteidigen. Wie hart die Gegenwehr ausfällt, muss jeder im gegebenen Fall selbst entscheiden, denn schnell überschreitet man die Grenze der legalen Selbstverteidigung.

„Bei uns lernt man das, zu was der Stil grundsätzlich imstande ist“, erklärt uns Sifu (Meister) David Chenut, Leiter der Win-Tjun-Schule in Schifflingen. „Qui peut le plus, peut le moins.“ Auch sollen dem Gegner im Zweikampf keine Informationen durch die Körperhaltung gegeben werden. Ein Boxer in typischer Kampfstellung mit den Fäusten nah am Kopf verrät, dass er Boxer ist, und ein geübter Gegner weiß, wie er sich auf ihn einstellen kann.

Schlag auf Schlag

Da die Verteidigungstechnik des Wing Chun zu 100 Prozent auf Schlägen aufgebaut ist, sind sein sichtbarstes kämpferisches Stilmittel die sogenannten Kettenfauststöße, nach dem Prinzip „vielleicht sitzt nicht jeder Schlag, doch einer wird sein Ziel schon erreichen“. Ein weiteres Merkmal des Stils ist das Training an einer Holzpuppe, dem „Wooden Dummy“. Übungen daran werden allerdings in vielen Schulen erst ab den Meistergraden unterrichtet.

An der Schule in Schifflingen, wo wir zu Gast waren, werden allerdings auch schon Schüler daran unterrichtet, weil die Puppe, laut Chenut, hervorragend dazu geeignet ist, zu lernen, wie die Energie bei den Schlägen richtig einsetzt werden soll. Dazu müssen allerdings auch Muskelgruppen trainiert werden, die normalerweise nicht beansprucht werden. Deswegen werden beim Training auch mal für uns Westler bizarr anmutende Übungen praktiziert und Hilfsmittel eingesetzt, wie z.B. ein um die 2,40 Meter langer Stock und die erwähnte Puppe.

Mehr als nur kämpfen

Beim Kung Fu geht es um Strategien, wie man heil aus brenzligen Situationen herauskommt. Ein Kampf Mann/Frau gegen Mann/Frau ist schon kompliziert, gegen zwei Gegner ist es – entgegen dem, was viele Hollywood-Filme vermitteln – sehr schwierig bis unmöglich. Hat der Gegner noch eine Waffe, sollte man es sich sehr gut überlegen, welchen Nutzen eine Gegenwehr überhaupt bringt.

Man kann durch das Erlernen einer Kampfkunst die Risiken im Ernstfall lediglich minimieren, doch wie bei jeder Versicherung gibt es immer eine unbekannte Größe, und deshalb keine hundertprozentige Sicherheit.

Aber Wing Chun ist mehr als nur Kämpfen: „Eine Kampfkunst, die nur auf das Kämpfen vorbereitet, wäre Zeitverschwendung, da die Mehrheit der Menschen sich – wenn überhaupt – nur ein- bis zweimal im Leben in einer Selbstverteidigungssituation befindet“, meint Chenut. Das Wing-Chun-Training hat deshalb auch andere Nutzen, es wirkt gesundheitsfördernd und stressabbauend. Mit fortschreitendem Training werden Kraft, Ausdauer und Gleichgewicht gestärkt. Kung Fu bedeute auch Körperflexibilität: Falls ein Körperteil altersbedingt nicht mehr kann, werde ein anderes an dessen Stelle trainiert, erklärt Chenut.

Im Wing Chun finden sich Elemente drei fernöstlicher Philosophien wieder: des Konfuzianismus, des Taoismus (dem wir u.a. die Konzepte des Yin und Yang verdanken) und des Buddhismus, nach dessen Prinzipien das Training übrigens verläuft: Es ist nie gut, man ist nie am Ziel. Man sieht, schon im alten China galt die Devise „Life long learning“.


Begriffe

  • Kung-Fu bedeutet „Erfahrung, Kenntnisse, Training, harte Arbeit“. Gemeint sind die Zeit und Energie, die aufgewendet werden, um etwas zu lernen. Der Begriff trägt in sich die Grundessenz jeder Kunst. Oft wird er für Kampfkunst verwendet, was aber eigentlich die Bedeutung von Wushu ist.
  • Wing Chun hat seinen Ursprung im Shaolin-Kloster. Ving/Win Chun/Tjun/Tsun bedeutet „Ewiger Frühling“. Es war der Name einer Halle im Shaolin-Tempel, in dem sich die ältesten Mönche trafen, um ihre Kampfkunst zu verbessern. Es gibt mehrere latinisierte Schreibweisen des Namens, jede Schule benutzt ihre eigene, um sich von anderen zu unterscheiden. Die von uns gewählte wird von den unten angegebenen Schulen in Luxemburg nicht verwendet.

Kung Fu für Kinder

In der Wing-Tjun-Schule in Schifflingen können Kinder ab drei Jahren in der Panda-Gruppe trainieren. Dass die Kleinen nicht „kämpfen“ lernen im herkömmlichen Sinne, scheint klar. Das Training, dem wir beiwohnten, ist spielerischer Natur; die kämpferischen Aspekte sind minimal vorhanden. Und das ist auch nicht das Ziel. „Wir wollen ihnen in erster Linie, den Spaß am Sport vermitteln, sagt David Chenut, der Leiter der Schule.

„Es ist illusorisch, anzunehmen, dass alle unsere Schüler ihr ganzes Leben Kung Fu machen werden. Ziel ist es aber, dass sie so lange wie möglich Sport treiben.“ Es geht in den Kinderkursen um die Verbesserung der motorischen Grundfertigkeiten und darum, das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken. Sie sollen ein Maximum an Bewegungsmustern erlernen, sollen nicht eingeschränkt werden. Von sieben bis 12 Jahren sind sie in der „Tiger“-Gruppe (Foto).

Doch David Chenut pocht darauf, dass die Altersangaben nur eine Richtlinie sind. Entscheidend sind in erster Linie die Kompetenzen der Kinder. Für jede Stufe werden – so wie in der Schule – gewisse Minima vorausgesetzt.

Die Kinder lernen u.a. auch, wie sie Situationen bewältigen können, wenn z.B. Unbekannte sie ansprechen oder gar anfassen. Ihnen wird gezeigt, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten können. Von 12 bis 17 Jahren trainieren die Jugendlichen in der „Drachen“-Gruppe, ehe sie am Erwachsenentraining teilnehmen können. Auch diese Altersangabe ist nur eine Richtlinie.


In Luxemburg

  • Siu Lam Wing Tjun Kung Fu – Black Belt Academy, Schifflingen (IMAA) www.kungfuschifflange.com
  • Classical Ving Tsun Kung Fu Luxembourg, Beggen, www.vingtsun.lu
  • Wing-Tsun-Akademie Luxemburg, Bartringen, www.wingtsun-luxemburg.com
  • Wyng Tjun Academy, Zolver, www.isma.de

2 Kommentare

  1. Nun, das System welches Bruce Lee begründet hat heisst “Jeet Kune Do” es handelt sich dabei nicht ume einen Stil, sondern um ein offenes System welches direkte, nicht-telegraphische Techniken aus vielen Kampfkünsten vereint.
    Zu behaupten beim “Stil” von Bruce Lee handele es sich um Wing Chun ist absolut falsch und irreführend.

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