Das Tageblatt hat sich mit seiner Mentaltrainerin Marie Lanners über ihren „Kunden“, aber auch Sport-Psychologie im Allgemeinen unterhalten.

Steckbrief:

Marie Lanners, geboren am 2.6.1967, hat ein Studium an der „Université libre de Bruxelles“ in „Psychologie clinique“ und „Psychologie institutionnelle et des inadaptations“ absolviert. Darauf folgten weitere Spezialisierungen (vollständige Liste: siehe www.swisssportcoaching.com). Lanners, die die Sportpsychologie als ihre Leidenschaft bezeichnet, hat sofort im Anschluss an ihre Studien eine Praxis eröffnet: „Wenn man als Psychologe von der Uni kommt, versteht man vieles, kennt aber noch nicht viele Therapiemethoden. Bereits damals gehörten viele Sportler zu meinen Kunden.“

Marie Lanners arbeitet mit Welt-Klasse Athleten aus den Bereichen Tennis, Tischtennis, Golf, Automobilsport, Triathlon, Radsport, Marathon, Fussball, Leichtathletik, Eishockey, Eiskunstlaufen, Ski, Snowboard, Skiwandern, Langlauf zusammen. Seit 20 Jahren hat sie Erfahrung im Mentaltraining.
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Nach dem Finale in ‘s-Hertogenbosch vor etwas mehr als einer Woche hatte Muller die Zusammenarbeit mit Marie Lanners bestätigt. Seit etwa zwei Jahren arbeiten die beiden zusammen.

Nach dem Finale von s-Hertogenbosch wirkte Gilles Muller aufgeräumter als zum Beispiel nach der Schlappe in Roland Garros. Die Endspiel-Niederlage hat er als Rückfall bezeichnet, aber auch, dass es keinen Zauberstab gibt, der jedes Problem löst. Kann ein Sportler das Mentale definitiv in den Griff bekommen?
Marie Lanners: Ein Zauberstab wäre praktisch, das gibt es aber nicht. Die Endspielniederlage war kein Rückfall, da waren andere Faktoren im Spiel. Roland Garros und die Niederlande kann man nicht vergleichen, da die mentale Verfassung grundverschieden war. In Paris standen die nötigen „Ressourcen“ nicht zur Verfügung. Nach intensivem Marathon-Coaching konnte er sie in den Niederlanden abrufen. Es gibt allgemein bei Athleten Schwankungen im mentalen Bereich, weil das Sportler-Leben nicht ausschließlich aus Sport besteht. Der Mensch ist ein Wesen, der aus Gedanken, Aktionen und Emotionen besteht. Mentale Stärke kann man aufbauen und wie einen Muskel trainieren.

Nach dem Erstrundenaus hat sein Coach im Tageblatt-Interview gesagt, dass die Einstellung seit einiger Zeit nicht optimal war. Kann ein Sportler solche Zustände verstecken und auf einmal bricht das alles aus ihm heraus?
Ein Sportler versteckt nicht bewusst, vieles läuft im Unterbewusstsein. Die Reaktionen nach aussen sind dann eventuell schwer für ihn und für Außenstehende zu verstehen.

“Atout Perfektionismus”

Viele Sportler stellen sich selber in Frage. Aber kann man dies auch übertreiben?
Ein Sportler soll sich regelmässig in Frage stellen, denn wer mental stark ist gewinnt immer, auch wenn er nicht jedes Mal siegt: Leistung analysieren, Rückstand gewinnen, um zu sehen was produktiv war, was man verbessern kann und wie man konstruktiver arbeiten kann. Der Perfektionismus ist ein „atout“, da der Athlet alles versucht um seine Grenzen zu erreichen. Die Kehrseite ist allerdings, dass die Ziele zu hoch angesetzt werden. Dann kommt der Druck und der Sportler wird zu kritisch sich selbst gegenüber und intolerant bei den kleinsten Fehlern. In diesem Fall tendiert er dazu „noch mehr geben zu wollen“, er überspielt dadurch und das führt zu noch mehr Fehlern. Der Sportler gerät in ein Teufelskreis und verliert schlussendlich die Kontrolle über sein Spiel.

Was kann eine Final-Teilnahme auslösen?
Gute Matches bauen das Selbstvertrauen auf, speziell wenn sie konstruktiv analysiert wurden und wenn der Sportler weiß, dass er alles gegeben hat. Eine Finalteilnahme unterstreicht das Potenzial und bringt Sicherheit. Aber auch hier gilt: nicht zu sehr unter Druck setzen in einem Finale. Wenn man sich zu sehr in die Zukunft projektiert und zu sehr auf das Resultat fixiert ist, verliert man den Fokus auf den Moment selbst. Doch die Zukunft kann man nicht kontrollieren.

“Flow”

Viele Sportler lassen auf dem Platz ihre Emotionen komplett raus – Schläger schmeißen, über sich aufregen – andere sind zurückhaltender. Gilles war zu Beginn seiner Karriere der ersten Kategorie zuzurechnen. In den letzten Jahren kam die positive Wende. Oft stellt sich die Frage: lieber mehr oder weniger Emotionen?
Ist ein Sportler wütend auf sich selbst, ist kurz Dampf Ablassen sicherlich richtig. Da darf auch mal ein Schläger fliegen oder die Wut anders rauskommen, so dass der Sportler danach wieder frei ist im Kopf und sich auf sein Match fokussieren kann. Gefährlich ist, die Wut und den Frust drinnen zu lassen. Dann beginnt nämlich ein Kampf gegen sich selbst, wo der Athlet auf verlorener Seite ist. Man kann nicht auf zwei Fronten kämpfen.
Das Management der Emotionen ist ein wichtiger Punkt im mentalen Training. Nicht jeder bringt es fertig, negative Emotionen als Energie für Aktionen zu benutzen, so wie John McEnroe. Das hängt mit der Persönlichkeit des Athleten zusammen. So ist es bei manchen Athleten besser eine gewisse Ruhe zu behalten. Denn mit zuviel Nervosität verkrampft man, verliert den Fokus und so kommt man aus dem „flow“. Die Sportler sollen aber die Kraft der Emotionen im richtigen Moment einsetzen. Zum Beispiel Wut um den Kampfgeist zu steigern, Freude am Spiel um die Motivation aufrechtzuerhalten. Gefühle, Stimmungen und Befindlichkeiten spielen während des Wettkampfs eine entscheidende Rolle. Der Sportler lernt im mentalen Training durch die optimale Mischung psychische Leistungsfähigkeit zu optimieren.

Kann ein Sportler puncto mentales Training immer mehr machen? Oder kann das auch kontra-produktiv sein?
Eine regelmäßige Betreuung in der Saison ist optimal. Zuviel bringt dann auch wieder nichts. Intensiv zusammen arbeitet man in Krisen-Situationen, wenn der Sportler in einer negativen Spirale blockiert ist. Wenn die Blockade abgebaut ist, soll der Spieler selbständig arbeiten. Er hat die nötigen Ressourcen und Werkzeuge gelernt, trainiert und kann sie dann in kritischen Momenten einsetzen.

Tageblatt.lu/dat