Der 51-Jährige wurde in Baku (Aserbaidschan) geboren, hat inzwischen auch die kroatische Staatsbürgerschaft abgenommen und wohnt in New York. Schach spielte er von 1968 bis 2005, war von 1985 bis 2000 Weltmeister und von 1984 bis 2006 Weltranglisten-Erster. Die WM-Duelle mit seinem russischen Landsmann Anatoli Karpow gingen in die Sport-Geschichte ein.

Tageblatt: Herr Kasparow, im August fordern Sie bei den Wahlen zum FIDE-Präsidenten Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow aus. Was sind Ihre Ziele?

Garry Kasparow: “Als Hauptziel sehe ich die Verbreitung des Schachsports und die Beschaffung von Sponsorengeldern. Derzeit hat die FIDE kaum Sponsoren und das meiste Geld kommt von Oligarchen oder von Regierungen, die dem Präsidenten nahestehen. Ich bin überzeugt, dass meine Person mehr Türen öffnen kann als ein Präsident, der international zweifelhafte Kontakte pflegt. Dadurch würde ebenfalls die Vergabe von Weltmeisterschaften viel transparenter gestaltet werden. Auch die Beiträge der nationalen Verbände an die FIDE sollen gesenkt werden.” (…)

Wie viele Länder haben Sie seit dem Start Ihrer Kampagne im Oktober 2013 besucht?

“Ich war seither in rund 50 Ländern, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, und habe mich bei meiner Tour aber auch mit zahlreichen Vertretern anderer Länder getroffen. (…)”

Die Konstellation sorgt auch für viel Zündstoff, auf der einen Seite Sie als Putin-Kritiker, auf der anderen Seite der ehemalige russische Politiker Iljumschinow, der aber darauf besteht, Politik und Sport zu trennen.

“Diese Trennung gibt es jedoch nicht, da die russischen Botschaften sich weltweit bei den nationalen Verbänden aktiv für Iljumschinow einsetzen. Sport und Politik wurden also schon längst vermischt. Zudem versucht man mir ständig Steine in den Weg zu legen.”

“Haben Sie daher Anfang des Jahres die kroatische Staatsbürgerschaft angenommen?

“In Kroatien ist die doppelte Staatsbürgerschaft möglich, so dass ich auch die russische behalten kann, und außerdem ist es das europäische Land, in dem ich außerhalb von Russland die meiste Zeit verbracht habe. Ich half auch damals, als Kroatien unabhängig wurde und habe beste Beziehungen zu den Menschen in diesem Land. Ich habe den zweiten Reisepass gebraucht, da mein russischer bald hätte erneuert werden müssen, und ich weiß genau, dass ich keinen neuen bekommen hätte. Dadurch wäre meine Reisefreiheit beschränkt worden, was auch bei den FIDE-Wahlen zugunsten von Iljumschinow wäre.”

In den vergangenen Jahren waren Sie politisch sehr aktiv in Russland, haben Sie dieses Engagement vorerst gestoppt?

“Ich würde meine Aktivitäten nicht als politisch bezeichnen, sondern als Engagement für die Bewahrung der Menschenrechte. Es gibt halt Sachen, die man einfach tun muss und es war wichtig für mich, meinen Standpunkt dem Land mitzuteilen, da es eine Glaubenssache für mich ist. Derzeit bin ich Vorsitzender einer Stiftung für Menschenrechte und bin also weiterhin aktiv. Zurzeit konzentriere ich mich aber prioritär auf meine Kandidatur als FIDE-Präsident.” (…)

Enormer Hunger

Ihre aktive Schachkarriere begann, als Sie mit fünf Jahren das Schachspiel erlernt haben. Wie kann man sich als Kind dafür motivieren und wie viel Zeit hatten Sie fürs Training investiert?

“Sehr viel! Ich hatte einen enormen Hunger, um Schachbücher zu studieren, Partien zu analysieren, insgesamt um zu trainieren, sogar mehr als für das Spielen selbst. Ich hatte eine enorme Leidenschaft dafür entwickelt.”

1984 standen Sie in ihrem ersten WM-Kampf, der allerdings nach 48 Partien vom damaligen FIDE-Präsidenten abgebrochen wurde, so dass der Kreml-treue Anatoli Karpow Weltmeister blieb. Wie sehen Sie diesen Abbruch heute?

“Natürlich gab es schon damals einen politischen Hintergrund. Die sowjetischen Autoritäten wollten eine öffentliche Schwäche vom nationalen Idol Karpow um jeden Preis verhindern. Ich lag zwar 3:5 in Rückstand (der Sieger musste sechs Siegpartien erreichen; Anm. d. Red.), aber ich hatte ernsthafte Siegchancen, da Karpow enorm abbaute. Allerdings hatte die sowjetische Führung schon damals die Absicht, mir den Weg zu verbauen.” (…)

Kam Ihr Rücktritt 2005 vom aktiven Schachsport im Alter von nur 41 Jahren nicht zu früh, da etliche Spitzenspieler bis ins hohe Alter weiterhin an Wettkämpfen teilnehmen?

“Es ist vielleicht früh für einen Schachspieler, aber nicht für einen Weltmeister. Ich sah nichts, was ich sonst noch erreichen könnte. Ich wollte meine Energie und Erfahrung in neue Dinge stecken, auch Bücher schreiben oder andere Spitzenspieler fachlich unterstützen.”

Verloren Sie die Motivation nach über 20 Jahren an der Spitze der Weltrangliste?

“Ich hatte die Motivation über lange Zeit hochgehalten. Aber dafür muss man andauernd spielen, die Anspannung hochhalten und immer für den entscheidenden Unterschied in jeder Partie sorgen. Das ist sehr kraftraubend. Weiter professionell zu spielen hätte für mich bedeutet, auch immer den ersten Platz der Weltrangliste zu verteidigen.” (…)

Computer: Fluch und Segen zugleich

Wie schätzen Sie die Entwicklung des Schachspiels mit den immer stärker werdenden Computern ein?

“Die Computer sind Fluch und Segen zugleich. Einerseits kann man nun viel schneller trainieren. Ein talentierter Spieler kann jetzt schon mit 15 Jahren Großmeister sein und die Fähigkeiten eines Bobby Fischer zu seinem Höhepunkt erreichen. Andererseits bestimmen Computer nun jedoch zu sehr die Spielweise.”(…)

Sehen Sie Schach immer noch als modernes Spiel

“Ja, absolut. Das Schachspiel gibt es schon seit dem 15. Jahrhundert, und es hat etliche unterschiedliche Epochen überstanden und sich weiterentwickelt. Ich denke, dass Schach das perfekte Mittel ist, um den menschlichen Geist zu trainieren.”

Darf sich Schach als Sport bezeichnen?

“Klar ist Schach Sport. Man kann immer mit Definitionen herumspielen, einige behaupten, Sport müsse rein physisch sein. Andere Sportarten wie Schießen, Curling oder Billard fallen auch unter diese Kategorie. Wichtig im Sport ist, dass vor Beginn Chancengleichheit gilt, anders wie bei Karten- oder Würfelspielen, und dass ein Wettkampf entsteht.”(…)

Das ganze Interview lesen Sie in der Tageblatt-Ausgabe vom 3. Juli, Print oder Epaper.

clc/O.J./Tageblatt.lu