Erstaunlich viele serbische Fans drücken bei der WM dem einstigen Kriegsgegner Kroatien die Daumen. Die Boulevardpresse und der Staatschef zeigen sich angesäuert: Serbiens staatlicher RTS-Sender sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, mit dem Feind zu fraternisieren.

Von Thomas Roser

Fußball sei “Krieg”, hatte die niederländische Trainerlegende Rinus Michels einst martialisch verkündet. Nun ist die Hatz nach dem runden Leder zwar kaum mit einem Waffengang vergleichen. Doch die Kugel, um die sich in den WM-Tagen die Welt dreht, ist zweifellos mehr als nur ein Spiel. Fußball ist Geschäft – und eine WM immer auch Politik.

So sorgt die WM beispielsweise in Serbien schon seit Wochen für erhöhten politischen Pulsschlag. Erst feierte Außenminister Ivica Daci den Auftaktsieg der “Adler” gegen Costa Rica als “süße Rache”, da er dem mittelamerikanischen Staat noch stets die Anerkennung des Kosovo nachträgt. Dann forderte Staatschef Aleksander Vucic gegen die in Serbien gerne als “Kosovo B” verschmähte Schweiz entschlossen einen “überzeugenden Sieg” ein. Umso schmerzlicher wurde in Belgrad die Schmach empfunden, dass mit Xhaka und Shaqiri ausgerechnet zwei aus dem Kosovo stammende Schweizer die Siegestreffer erzielten.

“Nicht begeistert”

Immerhin konnte sich der Präsident auch dank Shaqiri die ausgelobte Prämie von 10 Millionen Euro für einen serbischen WM-Titel sparen. Doch ein WM-Ärger kommt selten allein: Nach Serbiens frühen WM-Aus ist es nun Kroatiens Siegeszug, der beim allgewaltigen Staatschef für WM-Kater sorgt. Denn nicht nur in TV-Umfragen bekennen sich auffällig viele seiner Landsleute als Sympathisanten der eigentlich feindlichen “Feurigen”: Viele Serben drücken zum Leidwesen des Landesvaters Ex-Kriegsgegner Kroatien die WM-Daumen.

Er sei für Russland gewesen, bekannte nach Kroatiens Einzug ins Halbfinale der sichtlich angesäuerte Präsident. Denn von den serbenfeindlichen Siegesgesängen der Kroaten sei er “nicht begeistert”. Besonders verstimmt zeigte er sich über die seiner Meinung zu positive Berichterstattung von Serbiens Staatssender RTS über den Höhenflug der Nachbarn: “Bei der Übertragung des ersten Spiels von Kroatien waren sie noch korrekt, aber schon beim zweiten Spiel auf der kroatischen Seite: Beim letzten Spiel habe ich den Ton angeschaltet.”

Reporter wird zur “großen Schande”

Ein RTS-Reporter, der auf der Seite der Kroaten stehe, sei “für Serbien eine große Schande” – und müsse “sofort entlassen werden”, wettert Vojislav Seselj, der als Kriegsverbrecher verurteilte Chef der ultranationalistischen SRS. “Der RTS feuert die Ustaschas an!”, empörte sich am Montag gar das regierungsnahe Boulevardblatt “Srpski Telegraf”, der RTS-Direktor Dragan Bujosevic per Fotomontage im kroatischen Nationaltrikot abbildete: “Der öffentliche Rundfunk beschämt ganz Serbien!”

Zwar scheint zumindest halb Fußballserbien aber ohnehin auf der Seite der kroatischen Nachbarn zu stehen. Doch trotzig erklärt sich Vucic vor dem Halbfinale vorsorglich nun zum ranghöchsten Dreilöwen-Fan des Landes: “Ich glaube, dass die Engländer beim nächsten Spiel in Serbien die meisten Anhänger ihrer Geschichte haben werden.”

 

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here