Ettelbrück ist vieles. Ein Maskottchen wie den Esel in Diekirch hat die Stadt nicht. Dafür begrüßt sie Besucher mit in Bronze gegossenen Erinnerungen an eine große Schlacht vor mehr als 70 Jahren. CSV-Gemeindechef Jean-Paul Schaaf (51) beantwortet die Frage nach der Identität der Stadt mit einer Aufzählung: Geschäftsstadt, Medizinstadt, Sportstadt, Kulturstadt, Bauernstadt und Pattonstadt. Was denn nun?

Ettelbrück bemüht sich um seine zukünftige Identität. Die Stadt sucht nach einer Vision, nach einem Etikett, das dem menschlichen Bedürfnis nach Vereinfachung entgegenkommt – auch wenn das in diesem Fall schwierig werden dürfte. Für diesen nicht ganz einfachen Prozess, der unter dem Titel “Stadtvision 2030” in den Büchern der Gemeinde läuft, hat die Stadt mit knapp 9.000 Einwohnern im Norden des Landes sich professionelle Hilfe geholt. Eine Firma aus Köln begleitet die Bestandsaufnahme, Analyse und Entwicklung der Vision.

Notwendig geworden war dies auch, weil Ettelbrück zwar nach wie vor als “Pattonstadt” kolportiert wird, die Symbolkraft des amerikanischen Generals aber abnimmt. Notwendig wurde das Nachdenken über die Stadt auch, weil es ein Problem mit dem Merkmal “Geschäftsstadt” gibt. Zwar ist der Leerstand der Geschäfte in der Innenstadt kein spezifisches Ettelbrücker Problem, aber Schaaf will das aufhalten. Unbedingt. Da sieht er die Politik in der Pflicht. “Ohne die öffentliche Hand geht das heute nicht mehr”, sagt er. Symbol des Problems ist für ihn das Fehlen einer “Librairie”. Das wiegt umso schwerer in einer Stadt mit bald 3.500 Schülern aus Ackerbauschule, Lycée technique oder Mädchengymnasium.

Geschäftszentrum im Wandel

Wenn der Bürgermeister von Beteiligung der öffentlichen Hand spricht, sind das nicht nur leere Floskeln. Der Gemeinderat hat während der letzten Legislaturperiode das “Syndicat d’initiative” in ein “Ettelbrück City Tourist Office” umgewandelt mit der Aufgabe, sich sowohl um den Tourismus als auch um die Vermarktung der Stadt zu kümmern und dabei auf die Geschäftswelt zuzugehen. Schaaf ist gegen eine Subventionierung der Mieten für Gewerbeflächen, denkt vielmehr daran, dass die Gemeinde lange leer stehende Geschäftsflächen aufkaufen soll. “Wir brauchen auch Aus- und Weiterbildung für junge Leute, die sich selbstständig machen wollen”, sagt er. Die Gemeinde will außerdem dabei helfen, bürokratische Hürden für potenzielle Geschäftsbetreiber wie Start-ups zu vereinfachen. Beim Aufbau einer Online-Handelsplattform für Einzelhändler durch das Wirtschaftsministerium ist Ettelbrück ebenfalls im Spiel.

Das “Amazon” für Tante-Emma-Läden, die sich das oft vor allem personell nicht leisten können, ist in Arbeit. “Wir wollen Geschäftszentrum im Norden bleiben”, bekräftigt Schaaf. Noch eines wird Ettelbrück auch bleiben: “Bauernstadt”. Mit zuletzt 37.000 Besuchern in diesem Jahr erhärtet die Stadt mit der jährlich stattfindenden “Foire agricole” die historisch gewachsene Rolle als Handelstreff der Landwirte mit starkem Bezug zur Landwirtschaft. Der zeigt sich in der Ansiedelung der Ackerbauschule in Ettelbrück mit 700 Schülern, der Versuchslabore der “Administration des services techniques de l’agriculture” (ASTA), des Beratungs- und Herdbuchverbandes Convis und des größten Schlachthauses des Landes in der Stadt. Früher gab es auch den Futtermittel-, Getreide- und Saatgutproduzent “De Verband”. Er ist nach Colmar-Berg und Perl (D) abgewandert.

Eine komfortable Mehrheit

Das moderne Entree durch die Glastür des modernen Teils des Rathauses lässt nicht vermuten, dass der Gemeindechef vergleichsweise “old-fashioned” residiert. Zwischen historischen Ölgemälden Ettelbrücker Maler, Holzboden und freigelegten Dachbalken im ehemaligen Pastorenhaus von 1760 denkt er über die Zukunft der Stadt nach. Eine komfortable Mehrheit in der “großen Koalition” der CSV mit der LSAP erleichtert seit 2005 vieles, garantiert aber nicht alles.

Bei den letzten Gemeinderatswahlen haben die “Gréng” und die DP jeweils einen Sitz zugelegt, die beiden großen Volksparteien mussten Stimmeneinbußen hinnehmen. Schaaf will weiterregieren und tritt wieder an. Der Wille, die Entwicklung weiter zu begleiten, ist umso stärker, als die Stadt gerade dabei ist, ihre Verkehrsproblematik als Durchgangsstadt mit einem rund 140 Millionen Euro teuren Großprojekt in den Griff zu bekommen. Einmal fertig wird es das Gesicht der Stadt rund um den Bahnhof komplett verändert haben. Allerspätestens dann stehen auch die Leitlinien der zukünftigen, inhaltlichen Orientierung der Stadt. Oder werden sogar schon gelebt.

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