Mit einer umfangreichen Ausstellung, „A Journey through Mud and Confusion with Small Glimpses of Air“, ermöglicht die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main ihren Besuchern einen Überblick über die Arbeiten der letzten 20 Jahre des schwedischen Künstlerpaars Djurgberg und Berg. Gezeigt werden rund 40 Video-und-Sound-Arbeiten.

Von Andreas Maria Baumeister

Nathalie Djurberg und Hans Berg (beide: *1978) schaffen animierte Welten mit Skulpturen aus Knetmasse, Stoff und Ton – und die bewegten Bilder in den Filmen lassen den Betrachter ungefiltert innere Zustände, sowohl tiefste Dunkelheit als auch wildeste Euphorie, erleben.

Man kann sich den fiebrigen Tagträumen über Rollenspiele und Begierde mit Comedy, tiefster Dunkelheit und hypnotischer Musik nicht entziehen. Die Filme des Paares verzerren jegliche Vorstellung von Normalität und unser Verständnis von Erinnerung, Zeit und Raum wird komplett auf den Kopf gestellt.

Djurberg verwendet Stop Motion, eine langsame Animationsmethode, bei der eine Reihe von Standbildern die Illusion von Bewegung hervorrufen. Ein Prozess ohne Skript im engen Dialog mit Berg, dessen Musik die Bedeutungsschichten verstärkt.

Die Ausstellung bewegt sich in archetypischen Landschaften – der dunkle Wald, die beleuchtete Bühne, die geschlossene Kammer sind suggestive Einstellungen, in denen sich Dramen zwischen oft eng verwandten Charakteren entfalten. Dunkle Sagen verbinden sich mit glänzender Klubkultur – aber auch Sozialsatire und Arbeiten, die männliche Machtfiguren, soziale Spiele und Vorstellungen von der Überlegenheit der Menschen suggerieren. Eine Reise durch labyrinthische Unterwelten, hinauf in Licht und Luft, zurück in den Schatten – durch tapezierte Räume und Unterholz, Musikschleifen und Wurmlöcher in der Zeit.

Nathalie Djurberg wollte die Kunst schon an den Nagel hängen, als sie sich in ihrer vermeintlich letzten Kunstarbeit an einem Animationsfilm versuchte. Dabei spürte sie die vorher vermisste Dynamik und Kraft des künstlerischen Schaffens. Bei ihrer Arbeit liebt sie es, sich in jeden Charakter hineinzuversetzen, diesen minutiös nachzudenken und dann zu formen. Dabei geht sie ins absolut Innerste der menschlichen Psyche, und auch wenn viele ihrer Protagonisten Tiere darstellen, so spürt der Betrachter sofort die archetypischen Dimensionen ihrer Charaktere.

Das schwedische Künstlerpaar Nathalie Djurberg und Hans Berg arbeitet und lebt in Berlin. (Foto: David Neman)

Handgemachte Kunst und digitale Technologie

Die Kombination ihrer Skulpturen mit den Stop-Motion-Filmen in den meist dunklen Ausstellungsorten führen uns in Traum- und Anderswelten – und doch finden wir uns sofort wieder und fühlen uns vielleicht auch „ertappt“ in dem Moment, in dem wir erkennen, dass die Gefühle, Verletzungen und Grausamkeiten, die dort dargestellt werden, genauso gut unsere eigenen sein könnten.

Unterstützt wird dieses Gefühl von der durch Hans Berg perfekt abgestimmten Musik. Sie bereitet den atmosphärischen auditiven Boden, auf dem Djurbergs Bilder unser Innerstes erreichen.

Die Perfektion, die sie für ihre Stop-Motion-Filme aufbringen, ist beeindruckend. Sind bei den älteren Arbeiten aufgrund der nicht so fortgeschrittenen Technologien noch leichte Brüche sichtbar, so zeigen ihre neuesten Werke neben der inhaltlichen und künstlerischen Qualität auch von der technischen Seite her, dass die Künstler ihre Werkzeuge – die handwerklichen und technologischen – beherrschen.

Sichtbar wird dies auch bei „It will end in Stars“. Hier haben beide eine VR-Installation erschaffen, die auf traditionellen analogen Handzeichnungen und handgeformten Figuren aufbaut. In dieser Arbeit verbindet das Paar seine handgemachte Kunst mit digitaler Technologie.

Der Besucher kann mit Unterstützung einer VR-Brille in fantastische Traumlandschaften eintreten. Er gelangt in das Haus des Wolfes, das in ihrer Arbeit „Dark Side of the Moon“ nicht betreten werden kann. Was erwartet einen dort? In einer Animation fragt der Wolf nach einer Zigarette und nach Feuer – und tanzt dann mit einem. Viele vermuten, dass der Wolf das Alter Ego der Künstlerin ist, was recht passend wäre.

Die Ausstellung ist absolut sehenswert. Hier muss man definitiv Zeit mitbringen, denn es gibt zahlreiche Filme, die alle äußerst interessant sind und gegebenenfalls sogar dazu einladen, sie gleich mehrmals zu sehen. Auch die Installationen „The Parade“, „The Experiment“ und „Potato“ sind umfangreich und laden zum Verweilen ein.

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