Sie sind alle drei um die 70 Jahre alt und ihr Spiel hat nichts an Vitalität, Spielfreude und Interpretationskunst eingebüßt. Gemeint sind die Pianistinnen Katia und Marielle Labèque und Mitsuko Uchida, die vor Kurzem in der Philharmonie gastierten.

Von Alain Steffen

Die beiden Labèque-Schwestern traten am 8.3. gemeinsam mit dem „Orchestre philharmonique du Luxembourg“ und Gustavo Gimeno auf. Sie spielten eines ihrer Favoritenkonzerte, nämlich das „Konzert für zwei Klaviere und Orchester“ von Francis Poulenc – ein tolles Werk, das leider immer noch zu selten aufgeführt wird.

Der erste Satz ist an Virtuosität und Frische, Rhythmus und musikalischen Einfällen kaum zu übertreffen, im zweiten verneigt sich der Komponist vor seinem über alles geschätzten Wolfgang Amadeus Mozart und der dritte Satz ist eine wundervolle Mischung aus Tempo und elegischen Momenten.

Katia und Marielle Labèques Spiel ist natürlich, makellos und wird allen Punkten interpretatorisch und spieltechnisch gerecht. In Gustavo Gimeno haben sie genau den richtigen Partner gefunden, dem Poulencs eigenwilliger Spagat zwischen einerseits Ravel- und Strawinsky- und andererseits Mozarteinflüssen hervorragend gelingt. Und das mit einem Orchester, das sich an diesem Abend in Topform befand.

“Métaboles” und die “Sinfonischen Tänze”

Bereits mit Henri Dutilleux’ Werk „Métaboles“ haben die OPL-Musiker eine großartige orchestrale Leistung hingelegt. Diese Komposition ist eine Art Konzert für Orchester, die in den fünf Sätzen „Incantatoire“, „Linéaire“, „Obsessionnel“, „Torpide“ und „Flamboyant“ systematisch allen Instrumentengruppen die Möglichkeit gibt, ihr Können unter Beweis zu stellen.

Unter Gimenos präziser und auf Innenspannung ausgelegter Interpretation erlebte der Hörer nicht nur die Klasse des OPL als Ganzes, sondern vor allem seiner einzelnen Instrumentengruppen und Solisten. Er wählte wieder einen sehr offenen Klang, dessen Dreidimensionalität sich bestens bewährte. „Métaboles“ wurde 1964 als Auftragswerk für Georg Szell und das Cleveland Orchestra komponiert und entspricht in seiner brillanten klanglichen Ausrichtung ganz dem Potenzial amerikanischer Orchester.

Klangliche Dreidimensionalität und ein enormes Raumgefühl gab es ebenfalls bei Sergei Rachmaninows „Sinfonischen Tänzen“ mit seinen drei Sätzen, die mit „Mittag“, „Dämmerung“ und „Nacht“ betitelt sind, einem ebenso virtuosen Werk mit einigen musikalischen Zitaten und programmatischen Komponenten, das auch von einem amerikanischen Orchester uraufgeführt wurde, und zwar 1941 vom Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy.

Es handelt sich hierbei um Rachmaninows letztes Werk, das der Komponist selber als sein bestes einschätzte. Mit dem OPL und Gustavo Gimeno erlebten wir eine optimale Aufführung, die sich gerade durch das aufgelockerte Klangbild wohltuend von den meistens sehr kompakten und dichten Interpretationen absetzte und so sogar kammermusikalische Momente zuließ.

Gimeno baute die „Sinfonischen Tänze“ dann auch sehr architektonisch auf, sodass er und das Orchester noch genug Mittel zu der finalen Steigerung hatten. Insgesamt drei Interpretationen, die man sich gerne auf CD wünscht.

Faszination Schubert

Am Montagabend folgte dann ein Schubert-Rezital mit der japanischen Pianistenlegende Mitsuko Ushida, die ein regelmäßiger und immer gern gesehener Gast in der Philharmonie Luxemburg ist. Nach den umjubelten Konzerten im November 2017 (mit den Sonaten D 958, 664 und 894) und im Januar 2018 (mit den Sonaten D 575, 845 und 850) führte sie in ihrem dritten Schubert-Rezital nun die Sonaten D 527, 840 und 960 auf. Wenn auch Ushidas Schubert an sich genial war, so hatte ich manchmal meine Probleme mit den zum Teil doch sehr langsamen Tempi und der generell zurückhaltenden, sehr intimistischen Interpretation.

Im ersten Teil mit den Sonaten Nr. 5 D 537 und Nr. 15 D 840 schärfte Ushida zwar die Konturen und ließ Schubert in diesen schnellen Sätzen eigentlich sehr modern erscheinen, doch irgendwie fehlte mir der packende Zugriff. Sicher, alles klang transzendent und philosophisch schön und war auch in dieser Hinsicht einfach genial gespielt, doch entsprach dieser Schubert nicht meinem inneren Puls.

Wunderschön und schwebend dann nach der Pause auch die beiden ersten Sätze der Sonate Nr. 21, bei denen Mitsuko Ushida in einen musikalisch humanistisch-philosophischen Bereich vordrang, der kaum in Worte zu fassen ist. Das feenhafte Scherzo war ebenso faszinierend gespielt wie das augenzwinkernde Schluss-Allegro.

Und trotzdem, trotz aller Faszination, die von dieser einmaligen Interpretation ausging, und trotz des atemberaubenden Spiels der Pianistin hatte ich meine Probleme mit Ushidas Schubert-Konzeption. Wie schon gesagt, ich persönlich ziehe einen virilen, griffigen und kernigeren Schubert vor. Mitsuko Ushida erhielt am Ende für ihre in allen Punkten außergewöhnliche Leistung verdiente Standing Ovations und entließ das Publikum mit einer atemberaubend gespielten Bach-Zugabe.

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