Gnadenlose Mode-Polizei

29. Juli 2012 10:57; Akt: 29.07.2012 16:25 Print

Prügel für zu viel SchminkePrügel für zu viel Schminke

Kopftuch und Mantel sind in Teheran Pflicht. Iranerinnen interpretieren den Dresscode aber ziemlich frei. Jetzt greift die Sittenpolizei durch, verhaftet Freizügige und schließt Lokale.

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Im Iran müssen Frauen Kopftuch und Mantel tragen. Für viele Frauen sind diese Kleidungsstücke modisches Accessoire geworden. Im Sommer 2012 werden die Kleidervorschriften aber verschärft. (Bild: ap)

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Im Iran gibt es viele Gesetze. Bei einem ist die islamische Republik aber ganz besonders strikt: Den Kleidervorschriften fürs weibliche Geschlecht. Jede Frau, egal welcher Religion sie angehört, hat im öffentlichen Raum Kopftuch und Mantel zu tragen. Sobald sie iranischen Boden betritt. Etwas lockerer war dafür bislang die Auslegung dieser Vorschrift. Zwar tragen viele Frauen den schwarzen, alles bedeckenden Tschador, so, wie es den Mullahs gefällt. In größeren Städten wie Teheran oder Esfahan gehören aber auch Frauen zum Straßenbild, die die Kleidungsregeln so weit als möglich ausreizen.

Sie tragen die Kopftücher in leuchtenden Farben und so lässig, als würden sie sich demnächst auf eine Spritzfahrt mit dem Cabrio begeben. Oft rutscht der Schal so weit nach hinten, dass nahezu die gesamte Haarpracht hervorkommt. Die Pflichtmäntel bedecken bei vielen jungen Frauen gerade mal den Po. Sie sind so eng, dass sich dieser unter dem Stoff sogar abzeichnet. Die Ärmel der Mäntel reichen häufig nur gerade bis zum Ellenbogen. Und das Make-up ist so üppig aufgetragen, dass die Frauen die Aufmerksamkeit definitiv auf sich ziehen.

Zahlreiche Coffee-Shops und Restaurants geschlossen

Selbstverständlich haben das die Sittenwächter nie wirklich gern gesehen. Aber sie liessen vieles durchgehen. Immerhin trugen die Frauen ja Mantel und Kopftuch. Doch mit der Toleranz ist es jetzt vorbei. In diesem Jahr geht die Sittenpolizei ganz besonders hart gegen Kleidervorschriften-Verstösse vor, schreibt die "Washington Post". Zahlreiche Polizisten wurden in verschiedenen Quartieren Teherans stationiert, um Kontrollen durchzuführen. Mit ersten Ergebnissen.

In den letzten Wochen wurden in der iranischen Hauptstadt 53 Coffee-Shops und 87 Restaurants geschlossen, da weibliche Gäste mit unangemessener Verhüllung bedient worden waren. Außerdem hatten einige Restaurants Frauen erlaubt, Wasserpfeifen zu rauchen. Auch diverse Konzerte wurden plötzlich abgebrochen, da es zu Kontakten zwischen männlichen und weiblichen Fans gekommen war. 80 Stände einer internationalen Lebensmittelausstellung mussten ebenfalls schliessen, da Frauen, die dort gearbeitet hatten, die Hijab-Regeln gebrochen hatten oder zu stark geschminkt waren.

Inzwischen werden zudem immer mehr Frauen verhaftet. Auf Missachtung der Kleiderregeln stehen bis zu zwei Monate Gefängnis und Schläge. Bis vor kurzem sind diese Strafen nie ausgeführt worden. Jetzt bezeichnen die Behörden unislamische Kleidung als Symptom für den Westen, der sich seit Jahren in iranische Angelegenheiten einmische. Unangemessene Kleidung sei ein "Teil des Krieges, den der Feind gegen uns führt", so Polizei-Chef Ahmad Reza Radan gegenüber "Kabir News". Diese sei auch Schuld an Krankheiten und wenn Frauen in der Prostitution landen. "Frauen müssen künftig Kopftücher tragen, welche die Haare komplett verdecken".

Unterstützung von ungewohnter Seite

Ausgerechnet der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad stellt sich gegen die strikteren Hijab-Regeln. Seit 2010 spricht er sich diesbezüglich für mehr Toleranz aus. Ein untauglicher Hijab sei noch kein Verbrechen. Dem harten Auftreten der Behörden steht er deshalb kritisch gegenüber: "Statt Kinos und Restaurants zu schliessen, müssen die Menschen selbst auswählen können. Wenn man der Bevölkerung die Wahl gibt, werden sie definitiv die iranische Kultur und den Glauben wählen", meinte er selbstbewusst. Das provozierte politische Gegner. Der Gesetzgeber Ali Mottahari meinte: "Wir müssen entweder westliche Sichtweisen oder islamische akzeptieren. Es gibt keinen Weg dazwischen."

In Zeiten, in denen der Iran mit Sanktionen zu kämpfen hat, können solche Worte eine gewisse Kraft haben. "Sich auf radikale Wurzeln zurückzubesinnen ist bequem und eine gute Überlebensstrategie, wenn die Position bei wichtigeren Themen weniger klar ist", erklärte Rouzbeh Parsi, Wissenschaftler am European Union Institute of Security Studies gegenüber der "Washington Post".

Bevölkerung vergrault

Diese Strategie birgt aber auch Gefahren. Wer schon einmal verhaftet oder zurechtgewiesen wurde, entfremdet sich vom eigenen Land. Mahnaz und Mahin, die 28 und 29 Jahre alt sind, wurden kürzlich verhaftet, weil Mahins Jacke laut einer Sittenpolizistin zu kurz war. "Sie waren so unhöflich zu uns", sagt Mahnaz, die ihren Nachnamen nicht nennen wollte, der "Washington Post". "Sie sagten uns, wenn es uns störe, für falsche Hijabs verhaftet zu werden, sollten wir gehen. Dies sei ein islamisches Land und sie würden keine westlich aussehenden Menschen hier wollen."

Auch die 30-jährige Sahar, die wegen Mantelärmeln verhaftet wurde, die nur bis zum Ellenbogen gingen, fühlte sich nicht respektiert und beleidigt. Die 16-jährige Tochter eines Marketing-Beraters sagte ihrem Vater nach ihrer Verhaftung als erstes: "Sobald ich die Schule beendet habe, verlasse ich dieses Land für immer."

Noch sind nicht alle verängstigt. Die 31-jährige Soodeh, die im Norden Teherans lebt, wagt sich momentan noch so auf die Strasse wie bisher. Aber es habe in letzter Zeit modische Veränderungen gegeben, sagt sie gegenüber 20 Minuten Online. "Die Frauen tragen neuerdings vermehrt lange weite Kleider." Das habe nicht direkt mit den verstärkten Kontrollen zu tun: "Aber ich bin ganz froh, dass das im Moment im Trend ist. Hier kann die Sittenpolizei nämlich nichts bemängeln."

(20 Minuten/Tageblatt.lu)

  • Raymond am 30.07.2012 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Teheran

    Ich glaube, ein toleranter Mensch zu sein. Respektiere jegliche Religionen, Kulturen und Auffassungen. Aber... man solle alle KLEINKARRIERTEN EXTREMISTEN ihre eigene Sharia auskosten lassen und auf den Mond verbannen !

  • Sven am 30.07.2012 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Do sollen d'Leit sëch mol Froë stellen

    ll Fra wou hire Buedem betrëtt soll Kappduch an en Mantel droen ? Awer Sie wëllen hei hier Reschter duerch setzen an eis Religioun net respektéieren. Majo mir wëllen hei hier Burka'en Kappdiicher etc net gesinn a sinn der Meenung, soubal eise Buedem betratt gëtt gëllen eis Gesetzer. Souvill zu de Menschenreschter.