Wie Vampire erwachen sie seit einigen Wochen wieder zum Leben – Politiker-Accounts auf Twitter und Facebook, die nach einer Werbekampagne für die Wahlen 2013 zu Karteileichen wurden. Das Referendum steht an, und die nervigen Sozialen Netzwerke, über die das Volk seit einigen Jahren den Dialog mit seinen Vertretern sucht, sind leider immer noch nicht out. Was kann man als Chamber zur Entlastung seiner Mitarbeiter tun? Chamber.lu und Referendum.lu unzugänglich zu gestalten, war jedenfalls keine gute Idee – meint die fünfköpfige Social-Media-Expertenrunde, die der Chamber reihenweise „Datzen“ für die Öffentlichkeitsarbeit im Internet gibt.

Der Chaos Computer Club Lëtzebuerg (C3L.lu) ist ein ehrenamtlicher Verein, der in den Bereichen Informationssicherheit, Datenschutz und Netzpolitik aktiv ist. Die Weitergabe von Wissen, technische Projekte, politische Veranstaltungen oder das Zusammenarbeiten mit anderen Institutionen, um die Bürger und ihre Rechte zu schützen, stehen an der Tagesordnung des Vereins.

In der Themenreihe CONNECTED, die aktuell im Rahmen der Veranstaltungsreihe OPEN SQUARE des CarréRotondes stattfindet, befasst sich der C3l mit unserer vernetzten Gesellschaft.

Servicewüste Chamber.lu

“Für den Onlineauftritt der Chamber gibt es nur eine Entschuldigung: Es ist gewollt, dass sich niemand auf der Plattform zurecht findet,“ meint Informatik-Student Jan Guth über Chamber.lu. IT-Spezialist Steve Clement stellt sich die Frage, womit man die zehn Informatiker der Chamber eigentlich beschäftige. Jerry Weyer, Digital Communication Consultant, bringt eine weitere Theorie ins Spiel: „Laurent Mosar hat mal gesagt, die Seite sei für die Zielgruppe ‘Anwälte’ gemacht. Vielleicht sehen die das ja mit anderen Augen…“ Einig ist man sich darüber, was hierzulande fehlt: eine Seite, die alle neuen Informationen versammelt und übersichtlich darstellt.

Weyer hatte eine solche Initiative in Form von depuwatch.lu mitlanciert, die jedoch nach kurzer Zeit eingestellt wurde: „Der Zeitaufwand ist enorm. Chamber.lu ist so aufgebaut, dass viele Inhalte, wie PDFs, zusätzlich manueller Bearbeitung bedürfen, wenn man sie anderswo zeigen möchte. Das ist keine Transparenz. Chamber.lu muss in einem Opendataformat angeboten werden, so dass jeder die Seite problemlos und schnell durchsuchen kann, um seine Schlussfolgerungen aus den Inhalten zu ziehen“, fordert der Pirat.

Referendum.lu – ein Placebo

Die Kritik der Luxemburger Twitter-Szene an der rezenten Chamber-Initiative „Referendum.lu“ fällt geradezu vernichtend aus. Das Formular für Vorschläge schaffe eine „Anonymitäts-Illusion“ – man könne nicht scheinheilig die Option „Ech wëll anonym bleiwen“ anbieten und dann eine Telefonnummer fragen, damit man seinen Text überhaupt abschicken darf. „Die Ausrichtung der Plattform ist schockierend. Nirgends steht erklärt, was eigentlich der Sinn und Zweck dieser Seite ist. Zudem ist sie erst erschienen, nachdem die Fragen schon feststanden. Die User können nichts daran ändern, dass und wie diese gestellt wurden,“ bemängelt Weyer.

Weitere Minuspunkte gibt es für das Fehlen eines Diskussionsbereichs – ja überhaupt – der Diskussion. Die Vorschläge werden eingereicht und stehen dann mehr oder weniger einfach so im Raum – eine Erfahrung, die auch Jan Guth mit seinem Anliegen machen musste. Ebenso fehle ein Newsbereich mit aktuellen Informationen zum Referendum, einer Artikelsammlung mit verschiedenen Positionen und Videos der Tablesrondes der Chamber. Da rette die geplante Facebook-Seite jetzt auch nichts mehr, schließlich sei das Referendum im Juni – diesen Jahres. Journalist Sven Wohl hält die Referendum-Kampagnen samt besagter Webseite sogar für Placebos, eine Simulation von Transparenz.

Transparenz = Frust?

Doch würden detaillierte Infoseiten und Feeds nicht den Frust der Bevölkerung verstärken und die zum Teil „unzivilisierten“ Debatten im Sozialen Netzwerk nähren? „Frust wird nicht durch solche Plattformen verstärkt. Fehlverhalten wird nur sichtbarer, weil die Transparenz gegeben ist“, lautet die knappe Antwort von Wohl. Weyer vergleicht Facebook in diesem Zusammenhang mit dem Stammtisch: „Wenn Leute das Gefühl haben, nicht gehört zu werden, dann lassen sie den Druck in der Kneipe ab. Das passiert jetzt auf Facebook, vor allem in geschlossenen Gruppen und auf speziellen Seiten. Plattformen wie nee2015.lu entstehen, wenn kein offizieller Kanal geboten wird, wo sich die Leute über ein Thema austauschen können. Für das Referendum wurde diese Gelegenheit verpasst“ – oder verpatzt.

Datenschutz in der Presse

Während der zweistündigen Diskussion wurde nicht nur fleißig von Referenten und Zuhörern getwittert (Nachzulesen unter #FNFTRT), sondern es kamen eine Menge weitere Themen auf den Tisch. So zum Beispiel der „Datenschutz“ – laut Sven Wohl von seinen Journalistenkollegen viel zu oft als „technisches Thema“ abgefertigt. Der Datenschutz müsse als gesellschaftspolitisches Thema auch dementsprechend behandelt werden. Dass viele Journalisten das Thema kompliziert finden, sei keine Entschuldigung, um es zu vernachlässigen. Zudem müsse der Staat seinerseits den Bürgern sowie den Journalisten das Thema durch besseres „Marketing“ schmackhaft machen und so ein Bewusstsein dafür schaffen.

Neuland in der Schule

Netzpolitik für die Allgemeinheit, insbesondere für junge Leute schmackhaft zu machen, ist eines von Marc Teusch Hauptanliegen. Der Informatiklehrer muss immer wieder feststellen, dass seine Schüler auch nach den Workshops von Beesecure noch ziemlich unbeholfen sind: „Sie verstehen natürlich, dass sie keine Bikinifotos posten sollen. Aber was sollen sie denn posten? Bilder von Luxuskarossen? Echte ‚Inhalte‘ sieht man hier in Luxemburg bisher kaum.“ Und nicht nur die Schüler verstehen das Medium offenbar nicht : „Viele Politiker wissen vermutlich noch gar nicht, was Facebook eigentlich ist. Viele Schulleitungen wollen keine Facebook-Seite. Das ist alles noch ganz neu. In der Schule von Sozialen Medien zu reden, ist wie mit einem Auto in der Steinzeit herum zu fahren“, so Teusch.

Anschließend formuliert Marc Teusch die vielleicht wichtigste Aussage des gesamten Abends – eine Kritik, die sowohl an die Expertenrunde selbst, an die zuständigen Politiker als auch an die Journalisten gerichtet ist: „Es reicht nicht, den Dialog mit Unseresgleichen zu pflegen!“ – Ein kleiner aber feiner Patzer, der nur zu oft passiert, wenn das Thema zu „kompliziert“ scheint, um es Netz-Newbies anschaulich zu erklären.

Lisa Goedert