23. Juli 2011 09:27;Akt: 23.07.2011 09:31

Projekt Palästina

LEITARTIKEL

von Michelle Cloos - Die Kunstwerke eines Museums werden oftmals für einen befristeten Zeitraum an andere Länder verliehen, um dort dem Publikum zugänglich gemacht zu werden. Demnach dürfte die Reise eines Bildes von Pablo Picasso keine Besonderheit sein. Eigentlich.

Nur wenn der Zielort des Kunstwerkes Ramallah heißt, präsentiert sich die Situation leicht anders. Die Erklärung hierfür ist ganz einfach: Palästina ist noch immer kein international anerkannter Staat, offiziell wird weiterhin von den „palästinensischen Gebieten“ und der „palästinensischen Autorität“ gesprochen. Folglich konnte das Gemälde „Buste de Femme“ nur mit dem Einverständnis aus Israel eingeführt werden und die Einreise des Picassos wurde somit zur administrativen Herkulesaufgabe.

Letztendlich konnten diese Hürden jedoch überwunden werden und das Bild aus dem Van Abbemuseum in der niederländischen Stadt Eindhoven konnte in der internationalen Akademie für Kunst in Ramallah ausgestellt werden.

Es mag sich bei dieser Geschichte um eine Anekdote und nicht um ein Politikum internationalen Ausmaßes handeln, doch sie ist symbolträchtig. Für die Palästinenser bedeutet dieses kleine Ereignis, dass das scheinbar Unmögliche Wirklichkeit werden kann und dass sie mit dem nötigen Durchhaltevermögen sämtliche Hindernisse aus dem Weg räumen können, um ihrem Traum von Normalität näher zu kommen.

Genau diese Überzeugung motiviert auch das Vorhaben der Palästinenser, im September dieses Jahres vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen für die Anerkennung eines eigenen und wahrhaftig unabhängigen Staates zu kämpfen.

Die Palästinenser haben nach Jahrzehnten ergebnisloser Friedensverhandlungen einen Paradigmenwechsel in ihrer Strategie vollzogen. Sie lassen sich die Zukunft ihres Landes und den Zeitplan für die Schaffung eines längst überfälligen Palästinenserstaates nicht mehr von Israel und der internationalen Gemeinschaft diktieren. Sie wollen ihr Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen und üben durch ihr Vorhaben, zur UNO zu gehen, kräftig Druck aus.

Dadurch wird die Regierung in Tel Aviv mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Sonst war Israel der unangefochtene Meister im Schaffen von De-facto-Situationen mit seinem brutalen militärischen Vorgehen und der aggressiv vorangetriebenen Siedlungpolitik, die weiterhin munter fortgeführt wird. Das Monopol der politischen Initiative hat Israel jetzt jedoch verloren. Doch auch im Image-Kampf hat Israel herbe Rückschläge erlitten. Im Jahr 2000 konnte die damalige Regierung den Palästinensern noch problemlos (und zu Unrecht) die Schuld für das Scheitern der Verhandlungen in Camp David zuschieben.

„Busy being born“

Heutzutage wird die Kritik der Öffentlichkeit im Westen immer lauter. So bezeichnet die amerikanische Referenzzeitung New York Times ein neues israelisches Gesetz in einem Leitartikel beispielsweise als „unangebracht für eine Demokratie“ („Not befitting a democracy“, Ausgabe vom 17. Juli). Das umstrittene Gesetz verbietet jegliche öffentliche Aufrufe zum wirtschaftlichen, kulturellen oder akademischen Boykott Israels sowie der israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland. Solche Entscheidungen erscheinen jedoch immer mehr als verzweifelter Versuch, den neuen Kurs der Geschichte doch noch abzuändern.

„He not busy being born is busy dying“, schrieb Bob Dylan in seinem Lied „It’s alright, Ma“. Die palästinensische Bevölkerung hat entschieden, ihren Traum nicht sterben zu lassen, sondern sich unermüdlich, immer wieder für die Geburt ihres Staates einzusetzen.

Michelle Cloos