03. September 2011 09:10;Akt: 03.09.2011 09:20

Ankaras Ärger

LEITARTIKEL

von Francis Wagner - Die Regierungen Israels haben die Gewohnheit, internationale Kritik mit einem Bras d’honneur und/oder automatischen Antisemitismus-Vorwürfen zu quittieren.

Selten nehmen sie Kritik zum Anlass, einmal innezuhalten und zu überlegen, was sie eventuell falsch gemacht haben könnten. Weshalb sollten sie auch: Sie machen ja nie was falsch. Sie haben immer recht, denn sie sind ja nun mal die Regierung Israels. Punkt.

Derlei Arroganz war aber am Freitag aus den Reaktionen auf die Beschlüsse der türkischen Regierung, die u.a. die Beziehungen zu Israel auf die Ebene der zweiten Botschaftssekretäre herabstufen, nicht herauszulesen. Der Grundton war eher einer des Bedauerns. Denn die Türkei ist eines der wenigen moslemischen Länder und eines der wenigen Länder dieser Weltregion, die freundliche Beziehungen zu Israel unterhalten haben. Auch auf militärischer Ebene: Die israelische Luftwaffe etwa hat den Einsatz gegen die arabischen Nachbarn bereits mehrmals im türkischen Luftraum geübt.

In einem blieben sich die Israelis aber bei ihren Reaktionen auf die türkischen Maßnahmen durchaus treu: Eine Entschuldigung für die rücksichtslose Gewalt gegen die Besatzung des türkischen Blockadebrechers „Navi Marmara“ wird ihnen auch weiterhin nicht über die Lippen kommen. Denn sie haben ja recht ... weil sie – bingo! – immer recht haben.

Besatzer damals und heute

Die Türken waren übrigens zu ottomanischen Zeiten in Palästina das, was die Israelis heute in Teilen davon sind: die Besatzer. Und der jeweilige Widerstand gegen diese Besatzung – von Lawrence bis zu Hamas – scheint zwischen Ankara und Jerusalem so etwas wie Solidarität gestiftet zu haben.

Doch seit die Türkei nicht mehr von einer weltlichen, sondern von einer islamistischen Regierung administriert wird, ist die Solidarität unter Moslems ein Faktor, der einen zunehmend starken Einfluss auf die israelisch-türkischen Beziehungen hat. Auch der obersten Schutzmacht Israels, den USA, können die Kränkung und Verärgerung der Türken nicht gleichgültig sein. Die Türkei spielt in den strategischen Überlegungen der NATO eine zentrale Rolle.

Sie ist zudem das einzige moslemische Land in der Allianz und besitzt nach den USA deren zweitstärkste Armee. Auch Washington wird also in diesem Konflikt vorsichtig agieren müssen und kann sich nicht einfach vollautomatisch der israelischen Position anschließen, so wie es das für gewöhnlich leider zu tun pflegt. Dabei sind die Türken selbst ebenfalls keine Unschuldslämmer: Gestern noch kritisierte „Human Rights Watch“ die türkischen (und iranischen) Angriffe auf Kurden im Nordirak, denen unverhältnismäßig viele unbeteiligte Zivilisten zum Opfer gefallen sind.

Aber vielleicht tragen ja die sozialen Probleme in Israel zur Lösung des Palästina-Konfliktes bei. Die sozialen Ungleichheiten nehmen zu. Und weil die Unterdrückung der Palästinenser Unmengen Geld verschlingt, müssen viele Israelis in einem reichen Land miserabel leben. Es fragt sich, wie lange dieser Staat diesen Irrsinn noch aufrechterhalten kann.

Francis Wagner

  • Ben M am 05.09.2011 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    @F.Wagner Ein Super, seltener Artikel, mein glückwunsch Herr Wagner.

  • Tarik am 03.09.2011 14:59 Report Diesen Beitrag melden

    Wahrscheinlich gibt es zwei Lösungen um diesem Irrsinn zu stoppen : 1) Die Palästinenser bringen es fertig moralische Werte in ihre Gesellschaft in den Vordergrund zu bringen ( z.B. Ende der krankhaften Korruption,...). 2) Die moralische Werte der israelischen Gesellschaft unterschreiten einen Minimum. Wir sollten uns aber nicht beirren lassen und den Mut haben jegliche Unterdrückung zu denunzieren, auch wenn Israel dies als Antisemitismus abstempeln mag!