10. Februar 2015 15:50;Akt: 11.02.2015 22:54

Juden-Verfolgung mit System

ARTUSO-BERICHT

Schon vor der Besatzung durch die Nazis im Mai 1940 gab es in Luxemburg eine antisemitische Haltung in den Verwaltungen und Behörden. Der Artuso-Bericht lässt tief blicken.

In Cinqfontaines (Fünfbrunnen) bei Troisvierges wurden jüdische Bürger Luxemburgs versammelt, um dann ins KZ Auschwitz transportiert zu werden. (Bild: Jean-Claude Ernst)

Hat die Verwaltungskommission unter den Nazis in Luxemburg eine Mitschuld an der Deportation der Juden im Jahr 1940? Ein klares Ja findet man seit Dienstag im sogenannten Artuso-Bericht. Monatelang hat eine Forschergruppe an der Universität Luxemburg unter der Leitung von Vincent Arturo daran gearbeitet und interessante Details ausgegraben.

Wir haben einige bristante Details aus dem 254 Seiten langen Bericht zusammengefasst. Die Nationalsozialisten ergriffen 1933 die Macht in Deutschland. Viele Juden flüchteten aus dem Nachbarland, auch zu uns über die Grenze. Als besondere Kategorie fielen sie bereits Mitte der 1930er unter eine spezielle Verwaltungspraxis hierzulande. Man versuchte eine jüdische Einwanderung einzudämmen, heißt es im Artuso-Bericht.

Eifrige Beamte

Schon vor dem Ausbruch des II. Weltkrieges gab es in Luxemburg eine klare antisemitische Haltung in den Verwaltungen. Ende der 1930er Jahre wurde das Dritte Nürnberger Gesetz sozusagen anerkannt. Deutschen Bürgern war die Ehe mit Juden verboten. Nach Luxemburg geflüchtete Juden wurden separat registriert und unter anderem bei der Arbeitssuche behindert. Die Zuwanderung viele jüdischer Flüchtlinge habe bei den Luxemburgern in den 1930er Jahren Überfremdungsängste ausgelöst. In der rechtsextremen aber auch in der katholischen und liberalen Presse wurde ihnen vorgeworfen, ganze Bereiche der Luxemburger Wirtschaft erwerben zu wollen und die Luxemburger in ihrem eigenen Land in die Armut stürzen zu wollen. Die Juden wurden als Menschen zweiter Klasse eingestuft.

Spätestens nach der Flucht der Regierung und dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Luxemburg wurde es offensichtlicher. Fleißig und eifrig arbeitete einige Beamte freiwillig in der Luxemburger Verwaltungskommission (Ersatzregierung) unter dem NS-Regime, heißt es im Artuso-Bericht. Es gab zunächst zahlreiche Nazigegner in der Zivilverwaltung. Dieser Protest verflüchtigte sich aber mit der Zeit. Gehorchen und Anpassen war die Devise. Man ging damals davon aus, dass man den Krieg eh verloren hatte.

Angst und Resignation

Wollte man sich doch keinen Ärger mit dem Ende Juli 1940 eingesetzten Gauleiter Gustav Simon einhandeln. Über die Monate festigte Simon seine Macht. Spätestens mit dem Führererlass "über die Vorläufige Verwaltung in Luxemburg vom 18. Oktober 1940" waren die Machtverhältnisse geklärt. Weigerten sich Beamte zur Zusammenarbeit drohte ihnen Schlimmes. Man stellte sich auf eine dauerhafte Besatzung ein. Im Artuso-Bericht ist von Resignation die Rede. Es herrschte die allgmeine Angst vor Repressalien, Verhaftung und Deportation.

Die pro-deutschen Stimmung im Land wurde durch die Volksdeutsche Bewegung (VdB) gestärkt. In wichtigen Positionen saßen parteitreue Luxemburger. Für Parteilinie sorgte unter anderem auch die heimische Polizei. Zahlreiche Führungspersönlichkeiten waren überzeugte Antisemiten und versteckten dies auch nicht. Gleiche Szenen an den Schulen in Luxemburg. Auch hier wuchs mit der Zeit die pro-deutsche Bewegung. Sie scharten sich zu immer mehr Mitgliedern in der Volksdeutschen Bewegung (VdB). So verfasste damals der Luxemburger Michel Reuland eine Liste über 280 jüdische Kinder an Luxemburger Schulen.

Drei Pfeiler

Über die Monate bildete sich in Luxemburg an Schulen, Kommunen und Behörden ein regelrechtes Spitzelwesen. Im Artuso-Bericht ist dabei von Eigenintiative die Rede.

Die Zusammenarbeit der Luxemburger Verwaltung mit der Politik antisemitischer Verfolgung der deutschen Zivilverwaltung erfolgte auf drei Ebenen, so der Bericht: Identifizierung, Beraubung der Juden ihrer Rechte und Vertreibung. Dabei ging es darum, die Juden aus öffentlichen Stellen zu "entfernen" und ihrem Eigentum habhaft zu werden. Man habe keine Spur eines offenen Protestes feststellen können, so die Autoren des Berichts weiter. Nach der Befreiung habe sich kein Bürgermeister, Beamter oder Staatsangestellte sich damit gebrüstet, sich gegen die Anordnungen der deutschen Zivilverwaltung gestellt zu haben.

Vor dem Einmarsch der deutschen Besatzungstruppen 10. Mai 1940 lebten rund 3700 Juden in Luxemburg. Ende Oktober 1941, nachdem der Gauleiter einen Auswanderungsstopp verhangen hatte, waren es rund 700. Nach Schätzungen wurde ein Drittel der vor dem Krieg in Luxemburg lebenden Juden ermordet.

fo/Tageblatt.lu

  • samklee am 20.03.2015 16:54 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Vater und Grossvater sind geflohen. Der rest meiner Familie wurde deportiert und umgebracht. Aber vor dem II Weltkrieg scheint Luxemburg auch nicht ein paradais fier d'judden gewiescht ze sin. Mein Vater wollte Lehrer werden - er erzaehlte mir aber dass dieser Beruf fuer Juden nicht zugelassen war. Er sagte mir auch dass Juden keine Staatsbeamten werden durften.

    • Marcel Melchior am 31.05.2016 14:59 Report Diesen Beitrag melden

      dat wor jo nët nëmmen fir juden esou ;den nët an d'Partei gong ,hat neischt ze bestellen . mir kruten eis wiertschaft schon 1941 zougemach.

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  • emmi am 11.02.2015 20:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Entschuldigung,man sollte jetzt keine Menschen in Verruf bringen, die sich nicht mehr wehren können. Ich weiß zwar nichts über H.Wehrer aber er hatte vielleicht einen ganz anderen Job, wovon keiner weiß.Wir hatten ja auch eine Untergrundbewegung und die brauchten Informationen über den Feind.Also bitte,Sie waren nicht naiv unsere Großväter und -Mütter und die Nazis haben nicht gefragt, um was zu bekommen, die haben sich es genommen oder Exitus.Wir haben so etwas noch nicht erlebt ,hoffentlich bleibt es dabei!

  • Jeannosch am 11.02.2015 15:59 Report Diesen Beitrag melden

    Viele Luxemburger haben sich im Krieg nicht rühmlich verhalten, doch unsere Regierungen nach 45 auch nicht.Spanienkämpfer wurden als Verbrecher behandelt,KZ Insassen wollte man nicht in die Heimat zurück holen, Widerstandskämpfer aus dem Lager der Kommunisten isoliert, ihre Rolle minimiert. Verfolgt man die Epurationsprozesse so wurden zwar Urteile gesprochen, nach kurzer Zeit diese Leute wieder begnadigt.Mir sind Namen von KZ Insassen bekannt die bis heute ihr Hab und Gut nicht wiederbekommen haben,noch hat man Ihnen eine Medaille der Anerkennung verliehen.