Leitartikel
09. Juni 2011 04:12; Akt: 09.06.2011 10:51 Print
Grüner Zeitgeist?
von Janina Stroetgen - Rekord-Umfragezahlen auf bundesdeutscher Ebene, mit Winfried Kretschmann einen ersten grünen Ministerpräsidenten und dazu noch einen Film über die Symbolfigur der Grünen auf der Kinoleinwand.
Der grüne Zeitgeist ist da. (Bild: Tageblatt-Archiv / Isabella Finzi)
„Joschka und Herr Fischer“, ein Wohlfühlfilm – viel Lob, keine Kritik, dafür nostalgische Bilder und Stimmen zur aufregenden Entstehungsgeschichte einer Partei. Der grüne Zeitgeist ist da. Es surft sich gut auf der grünen Wohlfühlwelle. Sehr gut sogar.
Janina Strötgen
jstroetgen@tageblatt.lu
Da wundert es auch nicht, dass diese Welle über die deutschen Landesgrenzen schwappt und auch die Umfragewerte der Öko-Parteien in anderen europäischen Ländern in die Höhe treibt. Laut „Sonndesfro“-Umfrage des Tageblatt haben „déi gréng“ fünf Prozent im Osten des Landes und zwei Prozent im Norden und im Zentrum zugelegt (Ergebnisse für den Süden in unserer Freitag-Ausgabe).
Wie kommt bei diesem schönen Parteiwetter der rote Dany bloß dazu, in der Ausgabe von Le Monde von letztem Samstag seine Befürchtung auszusprechen, dass sich „Les verts“ 2012 bei nur noch drei Prozent wiederfinden könnten? Ist er beleidigt, weil das Parteiprogramm Cécile Duflots parteiintern deutlich besser abschneidet als seine eigenen Vorschläge? Macht er deshalb eine solch miese Stimmung? Sicher nicht. Vielmehr scheint es so, als habe Daniel Cohn-Bendit als einer der wenigen Grünen erkannt, in welchem Dilemma seine Partei zurzeit steckt. In vielen Nationalstaaten, ebenso wie auf europäischer Ebene.
Wohlfühlpartei?
Denn für was stehen die Grünen? Ihr aktueller Aufschwung ist sicherlich in erster Linie – so makaber wie es klingt – nicht parteiinterner Arbeit, sondern der Atomkatastrophe in Fukushima zu verdanken. Hinzu kommt, dass das Ansehen vieler Volksparteien zerbröselt. Enttäuscht von dem Kuschelkurs der Sozialdemokraten, abgeschreckt von dem Opportunismus der Konservativen und angewidert von der Selbstverliebtheit vieler liberaler Politiker entscheidet sich der Wähler doch lieber für Grün. Grün kann heute nahezu jeder wählen. All jene, die ein bisschen erkannt haben, dass unser Turbokapitalismus zwar Gefahren birgt, die aber trotzdem warm wohnen und heiß duschen mögen. All jene, die meist überdurchschnittlich gebildet und wirtschaftlich abgesichert sind, aber nicht liberal wählen, weil sie doch noch mit einem diffusen Restgefühl von sozialer Verantwortung ausgestattet sind. Das Grün der Grünen ist ein Zeitgeist, das Grün der Grünen spiegelt die Widersprüche wider, in denen der moderne Mensch der westlichen Welt heute lebt.
Doch eine Wohlfühlpartei ist den politischen Herausforderungen der Zukunft nicht gewachsen. Wenn sich die Grünen tatsächlich europaweit immer stärker von einer Oppositionspartei zu einer Regierungspartei mausern sollten, dann müssen den Umfragewerten schnellstens auch klare politische Linien folgen. „Atomkraft, nein danke“ reicht längst nicht mehr. Spätestens die Merkel’sche Energiewende hat den Grünen jenes Thema genommen, das sie geschichtlich legitimiert und mit dem bis jetzt alle Gräben in der Partei überwunden werden konnten. Jetzt brauchen sie ein neues Profil, müssen Parolen von „sozialer Gerechtigkeit“ und „ökologischer Nachhaltigkeit“ mit politischer Substanz füllen. Sie müssen sich, gemeinsam mit den Sozialdemokraten – wenn diese es denn schaffen, auch endlich wieder ein eigenes Profil zu entwickeln – zu einer politischen, progressiven Linken bekennen und sich nicht weiterhin für opportunistische Koalitionen mit den Konservativen hergeben.
Denn wenn die Grünen weiterhin „Links blinken und rechts abbiegen“, wie ein Leitartikel der Taz treffend schrieb, besteht die Gefahr, dass die Grünen eine Partei der neuen Bürgerlichkeit, der selbstgerechten Ökospießer werden. So wie Renate Künast in Berlin („nach allen Seiten offen“), so wie Nicolas Hulot, einer der grünen Anwärter für den Posten des Präsidentschaftskandidaten der Grünen in Frankreich, der mit einer Allianz mit Sarkozys Umweltminister Jean-Louis Borloo liebäugelt. So wie in Luxemburg, vor allem in Luxemburg-Stadt, wo weichgespülte Platitüden („besser liewen“) als Wahlkampfslogans fungieren, und so wie in Goethes „Faust“, wo es heißt: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt/Das ist im Grund der Herren eigner Geist/In dem die Zeiten sich bespiegeln.“


















von: Martin Bartonitz am: 09.06.2011 16:22
von: Manuel Huss am: 09.06.2011 12:49