Nach acht Jahren der Annäherung an China erlebt Taiwan eine Wende. Die Kandidatin der oppositionellen Fortschrittspartei (DPP), Tsai Ing-wen, gewann am Samstag die Präsidentenwahl mit deutlichem Vorsprung. Ihr Herausforderer Eric Chu von der bisher regierenden Kuomintang gestand seine Niederlage ein, während die Oppositionsführerin in der Auszählung mit mehr als 50 Prozent führte.

Tsai gewinnt Wahl in Taiwan – ein Porträt

Eine große Rednerin ist Tsai Ing-wen nicht. Die Juraprofessorin hört lieber zu. Ihr großes Vorbild ist Kanzlerin Merkel. Warum fürchten Chinas kommunistische Führer die neue Präsidentin Taiwans?

Tsai Ing-wen ist die erste Präsidentin Taiwans. Die Vorsitzende der Fortschrittspartei(DPP) wird als “berechenbar” und “versöhnlich” gegenüber China beschrieben, setzt aber stärker auf Eigenständigkeit der demokratischen Inselrepublik.

Eines ihrer Vorbilder ist Kanzlerin Angela Merkel, die als Physikerin wie sie aus dem Universitätsbereich kommt. Mitarbeiter beschreiben “Asiens Angela Merkel”, wie es auf Plakaten hieß, als “gewissenhaft und intelligent”.

Die frühere Juraprofessorin höre zu und bringe unterschiedliche Positionen zusammen. Trotz ihrer Ruhe könne die 59-Jährige auch ungeduldig werden: “Besonders wenn wir nicht in der Lage sind, die richtigen Antworten zu geben, obwohl wir zuständig sind”, verrät ein enger Mitarbeiter. “Dann ist sie verärgert.”

Obwohl ihre Partei die Wurzeln in der Unabhängigkeitsbewegung hat, will Tsai Ing-wen den Status Quo Taiwans nicht ändern. “Wir wollen beständige und berechenbare Beziehungen mit China pflegen”, sagt ihr Generalsekretär Joseph Wu. “Keine Überraschungen” lautet das Motto. Dennoch begegnen Chinas kommunistische Führer der künftigen Präsidentin mit großem Misstrauen, weil sie Taiwan als festen Teil Chinas ansehen und mit einer gewaltsamen Rückeroberung drohen.

Ursache ist auch die Weigerung Tsai Ing-wens, den “Konsens von 1992” anzuerkennen. Diese mehrdeutige Formel diente bisher als Grundlage für die Kooperation. Danach sind sich Taipeh und Peking einig, dass es nur “ein China” gibt, wobei sie unterschiedliche Vorstellungen akzeptieren, was darunter verstanden werden kann.

Von 2000 bis 2004 war Tsai Ing-wen die bislang jüngste Vorsitzende des Festlandrates (MAC). “Sie werden nicht viele finden, die so viel Erfahrung haben”, sagt Experte Lai I-Chung. Unter ihrer Führung hat die Fortschrittspartei auch Abschied genommen von unrealistischen, radikalen Positionen gegenüber China.

Nur knapp verlor Tsai Ing-wen 2012 die Wahl gegen den amtierenden Präsidenten Ma Ying-jeou, hat seither aber stetig aufgeholt. Als Manko wird immer wieder beschrieben, dass die ehemalige Professorin doziere und auf der Bühne eine schlechte Debattiererin ist.

Erste Präsidentin des Landes

Die 59-jährige Juraprofessorin wird damit die erste Präsidentin der demokratischen Inselrepublik. Die bislang regierende Kuomintang, deren Politik als “china-freundlich” kritisiert worden war, erlitt eine verheerende Niederlage. In seiner Rede kündigte Chu seinen Rücktritt als Vorsitzender der Kuomintang an. Abgeschlagen lag auch der dritte Kandidat James Soong von der kleinen Volkspartei (PFP).

Der Wahlsieg der Vorsitzenden der Fortschrittspartei, die ihre Wurzeln in der Unabhängigkeitsbewegung hat, könnte Spannungen mit der Führung in Peking auslösen. Die Kommunisten betrachten Taiwan nur als abtrünnige Provinz und drohen mit einer gewaltsamen Rückeroberung.

Distanz zu Peking

Anders als ihr Vorgänger Ma Ying-jeou, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten durfte, will die künftige Präsidentin eher auf Distanz zu Peking gehen und die Eigenständigkeit Taiwans betonen. Ihre Fortschrittspartei führte auch bei der Auszählung der Stimmen für das Parlament vor der Kuomintang, die bisher immer die Mehrheit der Sitze inne gehabt hatte. Endgültige Ergebnisse lagen noch nicht vor.

Beobachter fürchten, dass durch die Wahl Tsais neue Spannungen zu China entstehen könnten. Tsai möchte den Status der Insel als de facto unabhängiger Staat beibehalten, will sich formell aber auch nicht von der sogenannten Ein-China-Politik Mas und seiner Nationalisten verabschieden. Danach sind Taiwan und China als Teile einer gemeinsamen Nation zu betrachten, die sich einmal vereinen sollten.

“Abtrünnige Provinz”

Taiwan mit seinen 23 Millionen Einwohnern verwaltet sich politisch selbst. 1949 war der chinesische General Tschiang Kai-schek mit seinen Anhängern auf die Insel geflohen, nachdem die Kommunisten unter Mao Tsetung auf dem chinesischen Festland die Macht übernommen hatten. Die kommunistische Regierung der Volksrepublik äußerte sich nicht zu den Wahlen in Taiwan. Sie betrachtet Taiwan nicht als Staat, sonders als abtrünnige Provinz.

Am Hauptquartier der DPP in Taipeh hatten sich schon kurz nach Schließung der Wahllokale am Samstagnachmittag zahlreiche Unterstützer versammelt, die fest an einen Sieg ihrer Kandidatin glaubten. “Taiwan gehört nicht zu China. Unterstützt Taiwans Unabhängigkeit”, stand auf einem Plakat.

Tageblatt.lu/afp