Von Jesse Keiffer, Rowan Assel, Wiebke Trapp

Seit Mittwoch steht fest: Die Platanen und japanischen Kirschbäume in der Avenue de la Liberté müssen weichen. Grund sind die Tram und Arbeiten am Kanalisationsnetz. Eine Petition läuft, Bürger ärgern sich und auch die Politik kommt um das Thema nicht herum.

Die “Nei Avenue” kommt nicht zur Ruhe. Den großen Boulevard kennt jeder, nicht nur weil er die Oberstadt mit dem Bahnhof verbindet. Viele Einzelhändler haben ihre Geschäfte dort, um den Pariser Platz sitzen die “Stater” gerne und “schnëssen”. Die Bausubstanz ist historisch gewachsen und nicht seelenlos und neu. 2014 gab es den ersten Aufreger, als ArcelorMittal bekannt gab, dass es seinen Hauptsitz, ein historisches Filetstück auf dem Boulevard, verkauft. Nicht von ungefähr sprang Vater Staat ein und kaufte das Gebäude, das untrennbar mit der luxemburgischen Geschichte verbunden ist.

Jetzt gibt es den nächsten Unmut. Die Bäume, die die Avenue rechts und links säumen, sollen weg. Der Grund: Die Kanalisation wird erneuert und eine Tram-Trasse wird gebaut. Beides geht nicht mit den Bäumen, sondern nur ohne. Das ist die vernünftige Seite der Geschichte. Die emotionale ist die mangelnde Kommunikation und der gleich damit verbundene Verdacht auf Intransparenz. “Ich wurde selten so viel auf ein Thema angesprochen”, sagt Marc Angel. Das LSAP-Gemeinderatsmitglied hat genau wie viele andere auch über die Presse von der Sache erfahren und wundert sich: “Ich frage mich, warum ich oder besser gesagt wir als gewählte Vertreter im Gemeinderat nicht schon vorab informiert wurden? Das ist einfach nicht in Ordnung”.

Spärliche und häppchenweise Informationspolitik

Nicht nur er wundert sich, auch Bürger sind entsetzt. “Ich will nicht recht glauben, dass die politisch Verantwortlichen über das Ausmaß der Arbeiten in der Avenue de la Liberté im Vorfeld nichts gewusst haben. Die spärliche und häppchenweise Informationspolitik gibt mir zu denken”, sagt ein Mann. Seine Frau Danielle ergänzt: “Ich habe Bekannte in Ingenieurskreisen, die mir bestätigen, dass andere Alternativen möglich und besser gewesen wären wie zum Beispiel eine Tram ohne Schienen. Dann hätte man diese groß angelegten Arbeiten vermeiden können.

Die Tram wurde zwar mit viel Tamtam eingeweiht, aber sie wird neue Probleme mit sich bringen, unter anderem Kosten-, Umwelt-, Sicherheits- und Verkehrsprobleme.” Andere Bürger reagieren mit purem Fatalismus wie das Ehepaar Eicher, das schon seit 40 Jahren in der Hauptstadt lebt. Sie wissen, dass man manche Dinge nicht aufhalten kann, zu viel hat sich am Stadtbild schon verändert. “Was einmal weg ist, ist für immer weg”, so die nachdenkliche Meinung, “historische Elemente, die abgerissen werden, kann man nicht mehr zurückholen”. Auch bei Albert Kreitz klingt reichlich Wehmut mit: “Ich finde es schade, dass die Bäume wegkommen sollen. Ich habe das Gefühl, dass das Tram-Projekt nicht gut geplant ist. Trotzdem ist es gut, wenn mehr Leute auf den öffentlichen Nahverkehr zurückgreifen.”

Déjà-vu

ADR-Gemeinderätin Marceline Goergen zieht hingegen Parallelen. “All das erinnert mich stark an das, was auf dem Glacis passiert ist. Auch dort wurden die Bäume gerodet und es wurden Neuanpflanzungen angekündigt”, sagt sie. “Wo und wie, habe ich bislang allerdings nicht in Erfahrung bringen können.” Merkwürdig ruhig verhalten sich “déi gréng” in der Angelegenheit. Sam Tanson, bis Oktober 2017 Mobilitätsschöffin im Gemeinderat der Hauptstadt, will sich zu dem Thema nicht äußern. Am 23. Februar wird unseren Informationen zufolge eine gemeinsame Pressekonferenz der Stadtoberen und des Transport- und Infrastrukturministeriums stattfinden. Dann sollen weitere Details bekannt werden, wie es mit den Arbeiten weitergeht.

Die Pressekonferenz will auch David Wagner, “déi Lénk”-Gemeinderat in der Stadt, abwarten, bevor er sich abschließend dazu äußern will. “Ich möchte jetzt keine Polemik lostreten, da ich die Details nicht kenne”, sagt er gegenüber dem Tageblatt, “die Avenue de la Liberté ist ja kein Biotop, das jetzt verschwinden wird. Wenn die Bäume weg müssen, wird das schon seine Gründe haben.”

Online-Petition

Insgesamt hinterlässt das Ganze jedoch ein ungutes Gefühl. Das “Leak” vor der Pressekonferenz kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Zu einem Zeitpunkt, wo die Öffentlichkeit empfindlich auf in ihrer Wahrnehmung zurückgehaltene oder (Teil-)Informationen reagiert. Und Eingriffe ins Stadtbild – so berechtigt sie sein mögen – sind seit jeher ein empfindliches Thema. Europaweit. In Luxemburg gibt es seit Mittwoch eine Online-Petition auf “Openpetition.eu” mit dem Titel “Géint d’Ofholze vun de Beem an der Neier Avenue”. 618 Menschen haben unterschrieben, Stand Donnerstag, 18 Uhr.

“Das Ziel der Petition ist es, auf das Problem aufmerksam zu machen. Die Beteiligten am Straßenbahn Projekt sollen sehen, dass es eine eindeutige Opposition gibt”, teilt einer der Initiatoren der Petition gegenüber dem Tageblatt mit. Dabei richtet sich die Petition keineswegs gegen die Tram, im Gegenteil: “Dass die Bäume abgeschnitten werden sollen, steht schon lange fest. Es wurde nur alles versucht, um diese Information so lange wie möglich zurückzuhalten”, heißt es von Initiatoren der Seite weiter.

 

17 Kommentare

  1. 1 Spuer manner fir d’Autoen oder Beem ewech, do wor de Choix séier gemach. An 40 Joer sinn d’Beem jo souwiesou nogewuess, wann se net viirdrunn schon nees emgemach goufen.

  2. Maacht een Gentleman-agreement: do wou Kabelen nët kënnen mat e puer Schnëtt vun der Sé an de Wurzelstack lasgemeet gin, muss eben de Bam ofgeseet gin.
    Et geet och wann d’Kabelen lénks a riets vum Bam ofgeschnidde gin an duerno d’Wuerzelwierk a rou vum Kabel liberéiert gët.
    Oder hänkt ët un e puer Sou extra Stonnen an um Tëschendépot fir d’ Beem? Oder um Timing?

    A wien verleet Kabelen sou onfachmännech?

    • Herr Charles: Es geht nicht nur um ein paar Kabel sondern um die ganzen Netze der öffentlichen Versorgung (Strom, Wasser, Abwasser, Gas, Telekom). Und die kann man nun mal leider nicht unter den Bäumen hindurch erneuern. Die Bäume müssen provisorisch weg und danach werden neue (eventuell sogar die alten) wieder angepflanzt.

        • Das Wiedereinpflanzen von Bäumen ist gängige Praxis. Und falls es im vorliegenden Falle nicht möglich sein sollte, dann kommen eben neue hin. Und den Leuten, die sich für die baumlose Zeit Sorgen um die Luftqualität machen, kann man nur antworten, dass man dann halt eben den Hauptverursacher der schlechten Luftqualität, den Auto- und und Lkw-Verkehr reduzieren muss. Gerade durch die Tram fällt im Übrigen eine Menge an Dieselabgasen von Bussen weg. Allein dadurch dürfte die Tram mehr für das Stadtklima machen als ein paar Dutzend Bäume entlang der Bei Avenue. Und noch einmal: Die Bäume fallen in erster Linie wegen der Erneuerung der Versorgungsnetze und nicht wegen der Tram.

  3. Wird’s zu teuer, die Bäume umzusiedeln?

    Wenn die Verantwortlichen die einzige Prachtstraße in der Hauptstadt verschandeln müssen, damit die Verkehrssituation sich verbessert, dann muss das eben sein. Und vielleicht wird’s ja nicht so schlimm. Die Tram kann nicht durch die Avenue de la Gare, da ist kein Platz. Und irgendwie müssen die Schienen zum Bahnhof.

    Aber dafür die Bäume sterben lassen? Da müsste es doch andere Möglichkeiten geben.

    • @ Dan V: Die Bäume werden nicht in erster Linie wegen der Tram sondern wegen der Versorgungsnetze (Gas, Strom, Wasser, Abwasser, Telekom) beseitigt auf bzw. neben denen sie stehen, und mit denen sie zum Teil regelrecht verwachsen sind. Außerdem werden nach dem Abschluss dieser Arbeiten wieder Bäume angepflanzt. Danach wird die Nei Avenue schöner sein als heute. Denn durch die Tram werden die endlosen Buskolonnen und hoffentlich auch ein Teil des Autoverkehrs wegfallen, welche diese potenzielle Prachtstraße derzeit im Würgegriff halten. Denn nichts macht eine Stadt so hässlich wie wenn sie autogerecht angelegt ist. So wie es die Nei Avenue zum heutigen Zeitpunkt leider ist.

      • “Alte Bäume verpflanzt man nicht.” Ich bin etwas überrascht mit welchem Elan ,Sie Herr Wagner das Abholzen dieser Bäume verteidigen, hätte von Ihnen eine andere Haltung erwartet. In Städten im Ausland wurden solche Infrastruktur – Baumaßnahmen durchgeführt ohne die über Jahrzehnte gewachsenen Bäume zu fällen, von Umpflanzen wollen wir nicht reden, denn jeder Kenner dieser Materie wird Ihnen versichern , diese Bäume verenden. (…) Wohlwissentlich ich verdamme den Öffentlichen Transport nicht, ob nun eine Autospur weniger die “Nei Avenue” bereichert stört mich nicht.Was mich stört Herr Wagner ist, daß gerade ein grüner Minister , der sich ehemals an einen Baum kettete um die Nordaxe zu verhindern, zu solcher Schandtat bereit ist. (…)

        • Scholnier: Der grüne Transportminister ist nicht verantwortlich für die Versorgungsnetze der Stadt Luxemburg. Die Bäume müssen in erster Linie wegen dieser Netze weg und nicht wegen der Tram. Außerdem stand die Notwendigkeit der Erneuerung dieser Netze (und mithin die Notwendigkeit der Baumbeseitigung) bereits fest, bevor auch nur ein Grüner in der Regierung war.

          • Natürlich entspricht Ihre Argumentation zum Teil den Gegebenheiten.Allerdings hätte Herr Bausch, als Bauherr mit Bedacht auf die Bäume, die Trasse des Tram anders verlegen können. ( Eine Spur für Fahrräder/Fussgänger,Mittelspur für ein zweigleisiges Tramschienennetz,dritte Spur Autos.Eine Busspur erübrigt sich, “den Tram” ersetzt diese.)Allerdings das Abholzen der Bäume hätte man sich ersparen können, indem man das Versorgungsnetz komplett erneuert , mehr zum Mittelpunkt der Strasse verlegt. Und auch hier kommen unsere grünen Minister wieder ins Spiel, nämlich bedarf es einer Genehmigung unserer Frau Umweltministerin die Bäume abholzen zu können.

  4. De Glacis gesäit de Moment wéi e Schluechtfeld aus ; dofir verstinn ech dass d’Leit sech opregen, wann elo dat Selwecht an der Neier Avenue geschéie soll.

    Et ass allerdings gradesou schued, dass viru Joerzéngten dat stilvollt Gebai vum Hotel Staar (ënnenof an der Neier Avenue) ofgerappt gouf an duerch eng banal “Këscht” ersat gouf. Am Zäitgeescht vun deemools war den Hotel Staar almoudesch, an déi banal “Këscht” war modern.

    Do hätt ee kënne besser oppassen an eppes méi Stilvolles bauen, eng Zort neie Staar am Retro-Look.

    We weess … vläicht geschitt dat enges Dages.

  5. Ech sin iwerzécht dat et Alternativen gin waeren fir d’Bém ze erhaalen. Leider wor daat vun Ufank un keng Prioritéit, an daat ass einfach trauresch an enthäuschend.Gerechent domat dat d’Bierger hiren Patrimoine Bém sou haefteg géingen verteidegen gouf secherlech net.

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