Ein Gespräch mit Jan Guth, Mitglied des Chaos Computer Club Lëtzebuerg (C3L). Guth hält sich derzeit in Irland auf.

Tageblatt.lu: Aus Luxemburg ist dieses Jahr kein Vertreter von C3L beim Hackerkongress dabei. Uninteressante Tagesordnung? Zu groß, immerhin sind 6000 Teilnehmer gemeldet?

Jan Guth: “Allein schon wegen der Keynote hätte sich die Reise dorthin gelohnt. Doch viele Mitglieder von C3L hatten dieses Mal keine Zeit dorthin zu fahren, obwohl sie das gerne getan hätten. Schlimm ist das nicht, da man das Ganze über Streaming verfolgen kann, live oder nachträglich.

Das kombiniert mit IRC, Twitter und Video ist man stets auf dem neuesten Stand. Unter dem Motto „No Nerd left behind“ oder „Peace Missions“ werden in lokalen Hacker-Räumen Events organisiert, wo man zusammen die Konferenz verfolgen kann, ohne dabei zu sein. In Luxemburg ist das beispielsweise syn2cat, Hackerspace A.S.B.L. Hier in Irland machen wir das heute Abend in Galway im 091Labs.

Es ist schon politisch orientierter geworden. Und einzelne meinen, es sollte wieder technischer werden. Meiner Meinung nach wäre ein Ausgleich zwischen beiden der richtige Weg. 6.000 Teilnehmer, das ist neu, allerdings ist damit auch der Weg für noch mehr Chaos und Kreativität frei geworden.”

Staatliche Überwachung

Der US-Hacker Jacob Appelbaum hat am Donnerstag vor Plänen von US-Geheimdiensten gewarnt, ein umfassendes Überwachungssystem aufbauen zu wollen. Er spricht dabei von den Gefahren einer staatlichen Überwachung des Internets. Paranoia oder reale Gefahr?

J.G.: “Jacob hat zusammen mit Julian Assange, Jérémie Zimmermann und Andy Müller-Maghun Cypherpunks geschrieben, wo es auch unter anderem um diese Frage geht und um die Frage, ob es Paranoia ist oder nicht und/bzw. was man dagegen tun kann.

Ich denke nicht, dass es Paranoia ist. Es gibt genug Beispiele dafür, wie damit richtig gute Analysen gemacht und Profile erstellt werden von Menschen, wodurch man diese besser verstehen und beeinflussen kann. Hinter dem Schleier des Terrorismus und „böswilliger Menschen“ wurden in den vergangenen Jahren derartige Technologien eingeführt oder aber es wurde versucht, Gesetzesprojekte zu verabschieden, die in dieselbe Richtung gingen.

Deshalb organisiert auch C3L in diesem Zusammenhang eine Cryptoparty am 12. Januar. Derlei Partys werden weltweit organisiert und helfen den Menschen, die nicht viel Ahnung von Technik haben, diese Filter, Deep Package Inspections usw., zu umgehen, um dann wieder normal surfen zu können.

Eine reale Gefahr besteht durchaus, und da die EU sich gern bei der USA-Regierung inspiriert bzw. gerne mitmacht, müssen wir als EU-Bürger dafür sorgen, derlei zu verhindern.”

“Es fehlt an einer starken Opposition”

Sehen Sie ähnliche Tendenzen auch in Luxemburg? Oder anders gefragt? Ist das Internet in Luxemburg noch ein Freiraum?

J.G.: “Das Internet kennt ja keine Grenzen. Allerding überwachen verschiedene Staaten stärker als andere. Um kein Risiko einzugehen, ist es angeraten, auf das ‘TOR Project’ zurückzugreifen oder sich in einem mehr oder weniger guten Land, was diese Rechte betrifft (Island), ein VPN einzurichten, um von dort mit seiner Verbindung hinauszugehen. Luxemburg ist nicht die USA. Doch leider haben wir noch nicht die politische und gesellschaftliche Opposition, die ich mir wünschen würde, um wirklich einen großen Unterschied in den nächsten Jahren zu erreichen, Jahre die in diesen Fragen äußerst wichtig werden. C3L versucht mit seinen Mitteln, dem entgegenzuwirken.”

Hackers sind keine Crackers

Das Internet ist nicht mehr aus dem Alltagsleben wegzudenken. Wie hat sich das Verhältnis zum Internet in den letzten Jahren verändert? Sind die Menschen kritischer geworden oder herrscht zunehmend blindes Vertrauen in dieses Medium?

J.G.: Zu Beginn waren die wenigsten Leute skeptisch. Dann erfolgten die berühmten Cracker-Angriffe und der Betrugsalltag, wie es ihn in allen Bereichen auf der Welt gibt. Ich glaube, die Menschen sind ängstlicher geworden angesichts der ‘Hacker’, die das Bankkonto ‘hacken’, was jedoch absoluter Schwachsinn ist, denn dabei handelt es sich um ‘Crackers’, und weil viele Medien diesen Begriff, für alles benutzen, was ihre Vorstellung vom Internet stört.

Die Menschen sind daher skeptischer geworden, aber gegenüber den richtigen Gefahren wie Google, Facebook und Co., die nur sammeln, sammeln, sammeln und damit eindeutig Geschäfte machen, da fehlt die Skepsis noch. Auch gegenüber den Regierungen. Es kommt immer etwas hinzu und ehe wir uns umsehen können, sitzen wir in einem Orwellschen Staat 1984 und wissen nicht, wie es dazu kommen konnte. Doch kommt das davon, weil uns wegen unserer sogenannten Sicherheit von Tag zu Tag ein bisschen mehr Freiheit weggenommen wird.

Allerdings ist nicht nur die Zahl der blinden Schafe, die allem und jedem vertrauen, gestiegen, sondern auch die Zahl jener, die skeptisch gegenüber CCTV-Überwachung, Regierungen, Konzernen und Gesetzen sind.”

Womit beschäftigt sich C3L derzeit

J.G.: “C3L arbeitet derzeit an der Cryptparty und noch immer an BigBrother.lu.”

lmo/Tageblatt.lu