Ein wohlmeinender Leserbrief an die Verantwortlichen der Stadt Esch

Lieber Herr Bürgermeister,

als Escher Bürger habe ich das große Glück, unweit des kürzlich eingeweihten Wicki Beach zu wohnen, eines als Diskothek genutzten Kunststrandes, der von Ihnen und Ihren MitarbeiterInnen, der Schöffin Frau Ragni und dem Kulturschöffen Herrn Knaff – soweit ich der Zeitung glauben kann – als Win-win-Situation und Baustein im Hinblick auf die Europäische Kulturhauptstadt Esch 2022 bezeichnet wurde.

Einen ersten Höhepunkt durfte ich letzten Freitag mit dem Auftritt des DJs Lost Frequencies erleben. Es waren in der Tat beeindruckende Frequenzen, die sich in Esch und um Esch herum verloren. Einige davon in meinem Haus, und die waren so laut, dass ich mich augenblicklich fragte, welch dringliche Botschaft mir auf diese Weise zugesendet werden sollte. Ich war gerade dabei, Musik zu hören, um genau zu sein die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, in diesem Fall in der wunderbaren Interpretation von Jean Muller – den kennen Sie sicher –, konnte den angestrebten Hörgenuss aber nicht fortsetzen, da die Bässe vom Wicki Beach derart dazwischenfunkten, dass das Klavier kaum noch zu hören war.

Sie werden jetzt sagen: Sie hätten einfach nur Ihre Fenster schließen müssen! Da muss ich Ihnen aber gleich sagen: Die Fenster waren geschlossen. Und ich habe sogar doppelte Verglasung. Trotzdem dröhnten die verlorenen Frequenzen durch die Räume. Ich entschied mich dann für etwas heftigere Musik und legte Led Zeppelin auf. Aber auch meine alten Freunde Page und Plant vermochten trotz gemeinsamer Talente nicht den kalten Zertrümmerrhythmus des Strand-DJs zu überspielen.

Was tun also? Ich sagte mir, dass mir wohl nicht viel anderes übrig bliebe, als mich der Herausforderung der einmaligen kulturellen Beschallung zu stellen, und ging hinaus in den Garten. Ich hatte es nicht tun wollen – und hätte es nicht tun sollen –, da ich schon ein paar Tage vorher in den Genuss der mit Wicki Beach verbundenen unerhörten Lautstärke gekommen war und wusste, dass das Gebell der Strandboxen meinem empfindlichen Gehör nichts Gutes tun konnte.

Der Raum Esch hat nun mal eine tolle Akustik! Ich hörte die Stimme des DJs, als stünde er neben mir und brüllte mir durch ein Megafon das Ohr voll. Die Songs – soweit es welche waren – gingen durch mein Hirn wie eine Ansammlung schrill zischender Bohrer, die Chöre klangen wie rhythmische Schießbefehle. Am aggressivsten waren natürlich die Bässe, die durch Hirn und Herz, Lunge, Magen und Leber hämmerten, als hätte ein Klitschko mich unter Beschlag. Ein Sound, der direkt ins Zahnfleisch geht, da brauchen Sie kein Kokain! Meine Katzen verdrückten sich, die Vögel waren längst verstummt, mein Hund bellte unsichtbare Eindringlinge an und die sonst liebevoll pfeifenden Meerschweinchen kotzen ihre kleinen Hütten voll. Nun ja, Tiere haben keine Kultur, werden Sie sagen, und können sich schon mal daneben benehmen. Da bin ich mir nicht ganz so sicher. Ich fragte mich – es war immerhin mittlerweile fast 11 Uhr abends und die Zwangsbeschallung dauerte schon gut 6 Stunden an –, wie ein Mensch, der früh zur Arbeit muss und früh zu Bett geht, sich diesem nächtlichen Gehämmer entziehen kann. Zumal ja vorgesehen ist, den ganzen Sommer über fünfmal pro Woche derartig gnadenlos intensive Kulturevents am Strand aufleben zu lassen. Ich ging kurz auf die Straße – vor dem Haus war der Krach noch deutlicher zu hören – und traf einen Nachbarn, dem es nicht besser ging als mir. Kulturkopfschmerzen, sagte er.

Jetzt frage ich Sie, lieber Herr Bürgermeister: Welchen Rat geben Sie einem Menschen, der sich nicht tagtäglich gehörlos prügeln lassen möchte von diesem überlauten Mainstreamschwachsinn? Wohlverstanden, ich habe nichts gegen Feten und weiß, dass Ballermann seit langem zu unserer Kultur gehört. Aber wieso werde ich gezwungen, an etwas teilzunehmen, das mir nicht behagt? Vielleicht denken Sie, dass es manchmal schön sein kann, von Kultur nicht nur betröpfelt oder berieselt, sondern regelrecht verdrescht zu werden. Aber das möchte ich schon noch für mich selbst entscheiden dürfen. Kulturelle Feste, bei denen der Grad des Vergnügens durch den Lärmpegel der Boxen festgelegt wird, sollen ruhig gefeiert werden, aber dann bitte nicht auf freiem Feld, sondern in einer geschlossenen Anstalt.

Mit freundlichen kulturellen Grüßen

Nico Helminger, Schriftsteller und Musikliebhaber

4 Kommentare

  1. Ohje. Mat Bach optrompen, intellektuell wierken, e bessi verständnissvoll ageieren geet halt net dur. Dir, Här Helminger, könnt op manzt schein schreiwen mee dat ännert neischt dorun dass dir een vun deenen eischten sidd deen sech elo geint Kuktur opreegt. Kultur? Jo! Awer net op meng Käschten! Ass dat net den Problem deen mir hei am Land hunn? Weiderfeierend bleift Fro op ären leidvollen Opruf unt Politik net och vun vill Arroganz befligeld gëtt?

    MbG

  2. Tjo domm gang Här Helminger, macht ewei vill Escher an verloost einfach déi Stadt, déi mol eng Plaque tournante vun Kultur, Respekt an Toleranz wor.
    Och eng Kulturhaptstaad kann do net mei allzevill retten an richtbéien. Mais loose mer mol deenen Organisateuren hier Chance ginn.
    Am Fong Schued dass Post net dei Geleenheet ergreift fir ob deem Wikibeach hier nei G5 Technologie ze testen, dann kéint dir ab nächstem Joer nees mat ganz vill Freed an ongestéiert Klassik lauschteren. G5 mëcht et méiglech !

  3. Tja, Leute die sowas brauchen um “kulturell” dabeisein zu können haben irgendwo ein Defizit. Hörschäden z.B. oder der präfrontale Cortex ist verkrüppelt. Habe meinen Kindern das auch schon mitgeteilt. 🙂

  4. Vom Schmunzeln bis zum herzlichen Lachen war alles drin beim Lesen, Dank dafür! Bin auch Anhänger von Plant & Co, höre deshalb manchmal ebenso Klassik, denn das eine schließt das andere nicht aus. (G)Ranzeg fährt eingleisig, deshalb der etwas verbiesterte Kommentar, macht aber nix, weil auch ein Brüller!

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