„Action solidarité tiers monde“: 50 Jahre ganzheitliche Entwicklungshilfe

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1969 gründeten junge Luxemburger aus Überzeugung die „Action solidarité tiers monde“ (ASTM) mit einem Ziel: den „Entwicklungsländern“ nachhaltig zu helfen. Das Tageblatt unterhielt sich mit ihrem Vorsitzenden Richard Graf über die nicht mehr wegzudenkende Nichtregierungsorganisation.

Von André Feller

Mit der Dekolonisation zahlreicher Staaten – alleine nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mehr als 50 Staaten formal in die Unabhängigkeit entlassen – standen viele Länder in Afrika, Asien sowie Süd- und Lateinamerika vor neuen Problemen. Hauptsächlich waren und sind es Kriege, die den Menschen zu schaffen machen. Hungersnöte und Umweltkatastrophen erleichtern den Menschen das Leben nicht.

Die Gründer der ASTM hatten bereits 1969 eine klare Vision der Entwicklungshilfe. Es sollte nicht darum gehen, Geld, Lebensmittel oder Güter in die „Dritte Welt“ zu schicken, sondern die Menschen vor Ort zusammen mit lokalen Partnern nachhaltig mithilfe zur Selbsthilfe zu unterstützen. In 50 Jahren konnten viele Projekte verwirklicht werden. Doch das war nicht die einzige Aufgabe der ASTM, sagt Richard Graf.

Schon recht früh betrieben die Ehrenamtlichen der ASTM Ursachenforschung in den jeweiligen Staaten und stellten die Luxemburger Entwicklungspolitik Anfang der 1970er Jahre infrage. Zu diesem Zeitpunkt drückte das Großherzogtum sich vor den Dritt-Welt-Staaten mit dem Argument, Luxemburg hätte sich nie an der Kolonisation beteiligt. Direkt mag diese Aussage wohl stimmen, indirekt über die wirtschaftlichen Beziehungen zu Belgien war das Großherzogtum in die Kolonien von Belgisch-Kongo impliziert.

Armut und Klimawandel

Mit unermüdlicher politischer Sensibilisierungsarbeit erfolgte 1979 die Gründung des „Cercle de coopération des organisations non gouvernementales de développement“. Einen wesentlichen Einfluss hatte die ASTM auf eine Neuausrichtung der Luxemburger Entwicklungspolitik – Thema Kofinanzierung von Hilfsprojekten. Ein weiterer Meilenstein war die Gründung des „Centre d’information du tiers monde“ (CITIM). Dieses Zentrum ist heute ein wichtiger und öffentlicher Treffpunkt für jene, die sich mit einem kritischen Bewusstsein mit der Weltproblematik der Armut und des Klimawandels auseinandersetzen möchten.

„Wir beabsichtigten nie, eine riesige Institution zu werden, sondern immer mit geringem finanziellen Aufwand möglichst effizient zu arbeiten“, so Graf. „Und darauf beruht auch unser Partnerkonzept. Wir unterstützen lokale Partnervereinigungen in ihrer Arbeit vor Ort, ohne jedoch unsere Ideen aufzuzwingen. Entwicklungshilfe bedeutet nicht, ‚blind‘ Gelder zu spenden, sondern kann nur unter Berücksichtigung der kulturellen, sozialen und geschichtlichen Gegebenheiten vor Ort funktionieren. Darin sind die von uns unterstützten Partnerorganisationen Experte.“

Ein harter Kampf

„Nach wie vor stellen wir die Europa- und Weltpolitik infrage. Im Zeitalter der Globalisierung ist die Entwicklungsarbeit sehr schwer. Es werden indigene Völker ausgebeutet, Landraub betrieben, Sklaven- und Kinderarbeit verrichtet, Umweltzerstörung durch Abbau von Rohstoffen vorangetrieben und Monokulturen zum Futtermittelanbau für die ’nördliche‘ Agrarindustrie angelegt. Vieles läuft schief und heute stellt sich ein neues Problem: der Klimawandel.“

Die Arbeit der ASTM ist ein harter Kampf. Das geht aus einer weiteren Aussage des Vorsitzenden hervor: Die Zeiten des Frieden und der Demokratie gehöre in vielen Staaten erneut der Vergangenheit an. Heute sorgt die Organisation sich um ihre lokalen Partnerorganisationen und deren Helfer. Morde an Menschenrechtlern und Entwicklungshelfern gehören zur Tagesordnung und die Schere zwischen Reich und Arm klaffe immer weiter auseinander.

Billige Lebensmittel

Wenn in den Breitengraden der „zivilisierten“ Länder keine soziale Gleichheit mehr besteht, wird sie mit Sicherheit nicht in den „Entwicklungsstaaten“ vorherrschen. Das erkennt man schon beim Thema Konsumverhalten: In den Dritte-Welt-Ländern geben die Menschen rund 80 Prozent ihres Einkommens für die Ernährung aus, in unseren Breitengraden ist dieses Verhältnis umgekehrt. Lebensmittel sind bei uns so billig wie nie, jedoch muss man sich fragen „zu welchen Kosten“.

An ein Aufgeben denkt der Vorsitzende nicht. Im Gegenteil. Besonders junge Menschen sind heute der Meinung, ein Bewusstseinswandel steht an. Und auch die UEL („Union des entreprises“) sensibilisiert die Luxemburger Unternehmen mit dem Grundsatz, die Herkunftsbedingungen der Rohstoffe zu hinterfragen. Nur in der Politik ist diese Fragestellung noch nicht ganz angekommen. Etliche internationale Konzerne mit Sitz in Luxemburg betreiben den umweltschädlichen und menschenverachtenden Abbau von Rohstoffen. Das ist paradox: „Mir gi mat der enger Hand, wat mir mat der anerer huelen“, sagt Graf.

Dennoch sind die Perspektiven nicht vielversprechend. Neue Themen stehen an, beispielsweise die Elektromobilität und Energiepolitik. Aber auch die strukturellen Änderungen. Immer mehr Menschen ziehen weltweit in die Städte, der ländliche Raum verarmt und die Städte sind heute schon am Ende ihrer Aufnahmekapazitäten angelangt. Kurzum, auf der Erde verbleiben unzählige Probleme zu lösen. Dies soll einen aber nicht davon abhalten, die Entwicklung und Auswirkungen des Space Mining zu verfolgen, so Richard Graf zum Abschluss unseres Gesprächs.

den Idealist
23. Oktober 2019 - 15.18

Wenn man bedenkt, dass wir alle auf nur einer und derselben Welt leben und alle ein menschenwürdiges Leben führen könnten, und wir reden von 3 Welten: einer Ersten, einer Zweiten und einder Dritten Welt, letztere auch noch Entwicklungsländer genannt, wo die Ärmsten der Armen oft mehr dahinvegetieren als leben. Ohne die ONGs und deren uneigennützigem Einsatz, wäre das Elend auf unserem Planeten noch weitaus schlimmer. Ein Gluck, dass es solche Organisationen wie die ASTM gibt. Sie verdienen unserer aller Unterstützung und sei es nur mit einem bescheidenen Beitrag von 5.- Euro monatlich. Davon würde keiner von uns ärmer.