Was viele Luxemburger schon seit dem Einmarsch der deutschen Truppen am 10. Mai 1940 befürchteten, war am 30. August des Jahres 1942 eingetroffen. Die Deutschen riefen die Luxemburger Jugend von fünf Jahrgängen zum Dienst an der Waffe. Diese sollten die Wehrmacht bei ihrem Ostfeldzug unterstützen.

Damit war die Bevölkerung nicht einverstanden. Als Folge der Entscheidung des Gauleiters hatte die Resistenz zum Generalstreik aufgerufen, wohl wissend, was dies für Konsequenzen für die Streikenden haben würde. Bereits am Abend des 30. August hatte die Resistenzorganisation LPL mit dem Verteilen ihres Streikaufrufes begonnen. Dies konnte nicht lange vor den Besatzern geheim gehalten werden, Spitzel gab es überall. Noch in derselben Nacht dekretierte der Gauleiter den Ausnahmezustand, mit Einsetzung eines Standgerichtes.

Um der Besatzungsmacht zu zeigen, dass man mit der Wehrpflicht nicht einverstanden war, gab es eine Reihe von Luxemburgern, die sich dazu entschieden hatten, aus Protest die Arbeit niederzulegen. Begonnen hatte der Streik im Norden des Landes, in Wiltz. Die Arbeiter der Lederfabrik weigerten sich in den frühen Morgenstunden, ihre Arbeit aufzunehmen. Die Arbeiter der Gerbereien, die Beamten der Verwaltungen und das Lehrpersonal schlossen sich ihnen an. Es bildete sich bald ein Protestzug, der sich durch die Straßen der Stadt bewegte. Auch in Ettelbrück und in Diekirch wurde gestreikt.

SA und Gestapo

Mitglieder der SA trieben die Streikenden auseinander und drohten mit der Verhaftung von allen, die bis 1 Uhr nachmittags ihre Arbeit nicht wiederaufgenommen hatten. Kurze Zeit später erschien die Gestapo. Mehrere Streikende wurden festgenommen und verhört.

Die Nachricht von den mutigen Wiltzern, die sich trauten, der Übermacht der Deutschen entgegenzutreten, verbreitete sich bald im ganzen Land. In Schifflingen herrschte schon seit der ersten Schicht eine gereizte Stimmung. Als die Nachricht vom Streik im Norden und dessen Niederschlagung die Stahlarbeiter erreichte, gab es immer mehr, die es den Arbeitern aus dem Norden gleichtun wollten. Um 18.02 Uhr löste Hans Adam, ein Arbed-Angestellter, die Werkssirenen aus. Auf dieses Zeichen hin verließen Hunderte Arbeiter das Werksgelände.

Aber auch in vielen anderen Ortschaften schaffte die SA und die Gestapo es nicht, spontane Streiks zu unterbinden. In Luxemburg-Stadt wurde im Hauptpostamt gestreikt. Selbst die Landwirte schlossen sich der Streikbewegung an. Diese schütteten die Milch ihrer Kühe in die Straßengräben und lieferten nichts ab. Aber nicht nur Arbeiter und Bauern legten an diesem 31. August die Arbeit nieder, auch Schüler beteiligten sich am Generalstreik. Im Echternacher Gymnasium beschlossen die Schüler aus Protest, am morgigen Vormittag dem Schulunterricht fernzubleiben. In Esch/Alzette blieben die Schüler auf ihren Bänken sitzen, als der deutsche Direktor erschien. Auf dessen “deutschen Gruß” reagierten sie mit Pfiffen.

Standgerichte

Die Gefängnisse des Landes füllten sich bis zum Abend mit immer mehr Verhafteten. Am darauf folgenden Morgen hingen an vielen Stellen des Landes blutrote Plakate, welche die Bevölkerung über die Einführung des zivilen Ausnahmezustandes und von Standgerichten informieren sollten. Auf Befehl dieser “Sondergerichte” wurden 21 Personen zum Tode verurteilt und am darauffolgenden Tag in der Nähe des SS-Sonderlagers Hinzert erschossen. Die Nachricht, dass die Bevölkerung des kleinen Luxemburgs sich gegen die Übermacht der Besatzer erhob und einen hohen Blutzoll dafür bezahlte, ging um die ganze Welt. Dies war mit ein Grund, dass die Alliierten erkannten, dass die Bevölkerung nicht das Gedankengut der Nationalsozialisten teilte.

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