Es war die Zeit, in der die UdSSR der gegnerischen Supermacht USA in etlichen wissenschaftlichen Domänen den Rang ablief. Insbesondere im Wettbewerb um die “Eroberung” des Weltalls waren Moskaus Wissenschaftler und Ingenieur den US-amerikanischen Kollegen stets eine Nasenlänge voraus.

Es hatte mit dem ersten künstlichen Satelliten 1957 begonnen, als Sputnik 1 seine Signale zur Erde piepste. Es folgte der erste bemannte Weltraumflug Juri Gagarins. Und dann auch noch die erste Kosmonautin, die am 16. Juni 1963 der Erdanziehungskraft entfliehen konnte. Während 71 Stunden umkreiste Walentina Wladimirowna Tereschkowa 48-mal die Erde allein an Bord ihres Wostok-6-Schiffes. Heute feiert sie ihren 80. Geburtstag.

Seit 1963 ist sie eine Ikone in der sowjetischen und russischen Gesellschaft. Schüler schicken ihr Glückwunschkarten zum 80., Staatspräsident Wladimir Putin hat sie vor einigen Tagen mit dem Orden für “Verdienste für das Vaterland” geehrt. Moskau feiert das Geburtstagskind überschwänglich mit einer Galafeier. Das Lebenswerk der Frau mit der unverkennbaren, hochgefönten Frisur gehört zum Lehrprogramm der russischen Schüler.

Für die UdSSR war sie der lebende Beweis, dass das sozialistische System das bessere sei. Das war die Botschaft Moskaus, die dank Walentina Tereschkowa in die Welt getragen werden sollte. Geboren in einfachen Verhältnissen, wurde Tereschkowa 1954 als Arbeiterin in der Reifenfabrik von Jaroslawl eingestellt. Ein Jahr später wechselte sie als Weberin ins Kombinat für technische Textilstoffe, wo bereits ihre Mutter und ältere Schwester arbeiteten. In Abendkursen studierte sie an der Fachschule für Leichtindustrie.

Den Weg in den Weltraum sollte ihr die Leidenschaft für das Fallschirmspringen vorzeichnen. 1959 trat sie dem Aeroclub von Jaroslawl bei, dank dessen sie mehr als 90 Fallschirmsprünge absolvieren konnte.

Den Sprung ins Weltraumprogramm machte sie bereits drei Jahre später. Nach den ersten erfolgreichen bemannten Weltraumflügen entschloss sich Sergej Koroljow, Vater der bis heute noch in modifizierter Form benutzten Sojus-Rakete, auch eine Frau in den Kosmos zu befördern. Anfang 1962 begann die Suche nach Kandidatinnen.

Aus Hunderten Bewerberinnen schaffte es Tereschkowa in die engere Auswahl. Obwohl sie, was ihre gesundheitlichen Parameter und ihr technisches Wissen anbelangt, nicht die beste der fünf Besten war, fiel die Wahl auf sie. Nachgeholfen hatte wohl auch die richtige soziale Herkunft. Sie stammte aus einer Arbeiterfamilie und ihr Vater war während des russisch-finnischen Krieges an der Front gefallen.

Tereschkowa sollte das Bild bestätigen, dass Arbeiter und Bauern in der UdSSR es zu höchsten Leistungen bringen können. Die erste Kosmonautin bestätigte dies nicht nur mit ihrem Flug, sondern auch mit ihrer anschließende beruflichen Entwicklung. Sie wurde Ausbilderin an der Kosmonautenschule, studierte an der Schukowski-Ingenieurakademie der sowjetischen Luftstreitkräfte.

Besuch in Luxemburg

Jahrelang war Tereschkowa gleichzeitig charmante und überzeugende Botschafterin ihres Landes in der Welt. Bereits 1966 besuchte sie zum ersten Mal Luxemburg, wo sie u.a. von Großherzog Jean empfangen wurde. Politisch stand und steht sie stets auf der richtigen Seite. Bereits 1966 wurde die Kommunistin in den Obersten Sowjet der UdSSR gewählt. Heute ist sie Abgeordnete von „Einiges Russland“, der Partei von Präsident Putin. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Parlamentsausschusses für internationale Angelegenheiten.

Zeitlebens ist sie im sozialen und kulturellen Bereich tätig gewesen. Lange Jahre leitete sie die Gesellschaft für Völkerfreundschaft, eine sowjetische Institution, die u.a. auch Kulturvereinigungen und Clubs im Ausland förderte.
Ein zweiter Flug in den Weltraum war der “Möwe”, so Tereschkowas Radio-Rufzeichen, nicht gegönnt. Das war wohl nicht auf ihre Person zurückzuführen. Nach ihrer Rückkehr soll Raketenbauer Sergej Koroljow gesagt haben, zu seinen Lebzeiten werde keine Frau mehr in den Weltraum fliegen. Obwohl nicht sie den Konstruktionsfehler an ihrem Raumschiff, der 1963 ihre Rückkehr zur Erde fast verhindert hätte, verschuldet hatte. Tatsächlich sollte es bis 1982 dauern, bis mit Swetlana Sawitskaja 1982 eine zweite sowjetische Kosmonautin ins Weltall flog.

Tereschkowa selbst hatte niemals ihren Wunsch verheimlicht, ein weiteres Mal in ein Raumschiff zu steigen. Noch vor wenigen Jahren hatte sie sich sogar zu einem One-way-Ticket für eine Mars-Mission bereit erklärt.

Für sie stand fest, dass es bei Weltraumflügen keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen geben dürfe. Bereits 1966 hatte sie anlässlich ihres Besuchs in Luxemburg gesagt, es sei egal, wer als erster Mensch den Fuß auf den Mond setzen würde, Mann oder Frau.

Lucien Montebrusco