Das Jahr 2015 ist ein besonderes Jahr in Luxemburg. In sechs Tagen übernimmt Luxemburg für sechs Monate die Präsidentschaft der Europäischen Union. In Paris wurde das am Mittwochabend durchaus gewürdigt. Der Generalsekretär der OECD, Angel Gurría, fand den Weg in die Residenz an der Avenue Emile Deschanel, der französische Staatssekretär aus dem Finanzministerium, Christian Eckert, der französische Staatssekretär aus dem Verteidigungsministerium, Jean-Marc Todeschini, und an der Spitze der Minister für Auswärtiges und Außenhandel, Laurent Fabius, die Nummer zwei der französischen Regierung.

Ein klares Ja zu Schengen

Xavier Bettel kann durchaus Seitenhiebe verteilen, die politisch wehtun. Vor einigen Wochen habe man in Luxemburg auf 30 Jahre Schengen-Abkommen zurückblicken können, sagte er, und die Feier sei unbemerkt verlaufen. Von den Staaten, die damals das Abkommen gegründet hätten, sei keine politische Delegation gekommen. Es sei heute wohl nicht mehr opportun, Schengen zu feiern, meinte er eher beiläufig und erntete dafür lebhaften Beifall. Bettel erinnerte an Robert Schuman, Sohn einer luxemburgischen Mutter, Abgeordneter in Frankreich, Rechtsanwalt in Luxemburg und in Frankreich, der in Scy-Chazelles an der Mosel gewohnt habe.

Und ging dann auf seine Präsidentschaft ein. Sie werde sicher nicht einfach werden, sagte er. Er wolle sich für gegenseitigen Respekt der Staaten untereinander einsetzen. Und er wolle versuchen, den Bürgern Europa wieder näherzubringen.

Mittendrin der Premierminister Luxemburgs, Xavier Bettel, der in sechs Tagen an der Spitze Europas stehen wird. Er wird international die Europäische Union verkörpern und dabei an der Seite eines anderen Luxemburgers stehen: Jean-Claude Juncker, der als Präsident der EU-Kommission der oberste Funktionär Europas ist und auszuführen hat, was die Regierungschefs und ein Staatspräsident als Europapolitik beschließen.

150 Vertreter von Unternehmen

Die 150 Unternehmer sind neugierig, was dieser so gar nicht wie ein Politiker wirkende Mann denn zu verkünden hat.

Zuhören wolle er, sagt er, und überrascht damit. Es ist gemeinhin üblich, für die sechs Monate währende Präsidentschaft große Ziele zu formulieren, die in der Regel dann nicht erreicht werden.

Zuhören, um dann Pläne zu entwickeln, zu vermitteln zwischen den unterschiedlichen Auffassungen und so zu Lösungen zu kommen. Bettel hält sich damit zunächst einmal heraus aus Streitigkeiten, aus den Schwierigkeiten und stellt sich als Vermittler dar.

Das hatte vor ihm schon einmal ein Luxemburger in einem großen Augenblick Europas – der deutschen Wiedervereinigung – getan, als Juncker zwischen Frankreich und Deutschland als kultureller Vermittler auftrat.

Club als Vermittler

Vermitteln ist auch der Auftrag, den der luxemburgisch-französische Wirtschaftsclub erhält. Die Agierenden kennen sich, haben alle in irgendeiner Weise mit beiden Staaten zu tun. Christopher Baldelli, Vorstandsvorsitzender von RTL Frankreich, wird nicht müde, zu betonen, wie sehr RTL Frankreich mit Luxemburg verbunden ist. Baldelli ist auch zum Präsidenten des Business Club gewählt worden. „Wir müssen natürlich die Nachbarschaft zwischen beiden Staaten nutzen“, sagt Michel Wurth, Präsident der Handelskammer, gegenüber dem Tageblatt. „Die Kommunikation zwischen beiden Ländern muss verbessert werden. Wir müssen in den Vordergrund stellen, was uns ausmacht: In Luxemburg kann man einfach und direkt Geschäfte machen. Wir müssen Kontakte multiplizieren, der Business Club muss eine Relais-Station zwischen beiden Ländern sein.“

Xavier Bettel steht im Garten der Botschaft, als Laurent Fabius eintrifft. Während draußen auf der Straße noch eine lange Schlange von Gästen für den Abendempfang steht, während die Polizei die Nebenstraßen gesperrt hat, um die Wagen der Offiziellen parken zu können, tritt Xavier Bettel auf dem Balkon der Botschaft, auf den er sich durchgekämmt hat, zu seiner zweiten Rede an.

Die Tafel am Invalidendom

Eine Tafel am Invalidendom zur Würdigung von luxemburgischen Opfern habe er angebracht, erzählt er. Diese Opfer zeigten die enge Verbindung Frankreichs mit Luxemburg. Und dann stellt sich auf einmal ein überzeugter Europäer dar. Bettel geht in einen persönlichen Erzählstil über. In Nancy habe er studiert. Insgesamt 3.500 Luxemburger studierten derzeit in Frankreich, erzählt er. Mit der neuen Universität könne Luxemburg sich nun auch den Franzosen öffnen.

Dabei erinnerte er sich daran, wie die Griechen damals sein Auto untersuchten und es reinigen wollten, als er nach Griechenland ging. „Wir müssen den Menschen erzählen, was es bedeutet, wenn wir heute ohne Grenzen in Europa reisen können, und dass das ein Verdienst von Europa ist“, sagt er.

Probleme, einfach dargestellt

Bettel hat eine überzeugende, einfache Art, Probleme darzustellen und mit ihnen umzugehen. Er wirkt dabei sympathisch, verteilt Nadelstiche ohne wirklich wehzutun … und spricht viel zu schnell, rattert seine Gedanken herunter.

Während er seine Rede beendet, stehen immer noch viele Empfangsgäste in einer Schlange in einer abendlichen Pariser Sonne vor der Residenz. Es gibt eine Arbeitsteilung: Premierminister Xavier Bettel redet, Botschafter Paul Duhr und seine Frau begrüßen und schütteln Hände.

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