Als Muammar Gaddafi im Jahr 2011 gestürzt wurde, musste seine Familie so rasch wie möglich Libyen verlassen. Die 37-jährige Tochter Aisha floh zusammen mit ihrer Mutter, zwei Brüdern und Schwägerinnen und ihren Kindern nach Algerien. Dort stellte ihnen die Regierung von Präsident Abdelaziz Bouteflika eine staatliche Luxus-Residenz im Süden des Landes zu Verfügung. Obwohl Aisha und Bruder Hannibal von der Interpol gesucht werden, wurden sie im Nachbarland beschützt.

Trotz der grosszügigen Gastfreundschaft hatte die jähzornige Aisha Mühe, sich zu benehmen. Sie randalierte immer wieder, setzte Regale in der Bibliothek in Brand, zerschlug Möbel und attackierte das Wachpersonal. Sie warf den Algeriern vor, die Schuld an ihrer misslichen Lage zu tragen. Als die “Claudia Schiffer Nordafrikas” ein Bild von Präsident Bouteflika zerschmetterte, verlor die Regierung endgültig die Geduld: Sie warf Aisha samt Anhang aus dem Land.

Seit 2012 in Oman

Der Vorfall soll bereits im Oktober 2012 passiert sein. Nach einem Zwischenstopp im Niger, befinden sich die Gaddafi-Flüchtlinge seit März in Oman. Laut “Telegraph” ist der Grund des – unfreiwilligen – Umzugs erst jetzt bekannt geworden. Im Sultanat Oman werde die höchst umstrittene Vergangenheit der Gaddafi-Angehörigen wohlwollend übersehen, schreibt die britische Zeitung weiter. Denn Aisha wie die gesamte Diktatorenfamilien hätten jahrzehntelang in Saus und Braus gelebt, während das libysche Volk in Not und Elend lebte.

Aisha Gaddafi ist die einzige leibliche Tochter des getöteten Tyrannen. Als Anwältin arbeitete sie für Saddam Hussein. Im Jahr 2006 heiratete sie ihren Cousin Ahmed al-Gaddafi al-Qahsi, mit dem sie vier Kinder hatte. Al-Qahsi und zwei von Aishas Kinder wurden während des libyschen Rebellenaufstands getötet. Das vierte Kind brachte die Gaddafi-Tochter während ihrer Flucht nach Algerien zur Welt.

Bruder Seif wartet auf seine Verurteilung

Der Prozess gegen ihren Bruder Seif al-Islam al-Gaddafi kommt dafür nicht so recht voran. Am zweiten Prozesstag forderte die Verteidigung mehr Zeit, um die Anklagepunkte zu studieren. Das Gericht in der westlichen Stadt Al-Sintan vertagte den Prozess am Donnerstag auf den 19. September. Der Staatsanwalt wirft dem Sohn des 2011 getöteten Langzeitmachthabers Muammar al-Gaddafi vor, er habe versucht, “mit Ausländern ein Komplott zu schmieden” und die Sicherheit Libyens gefährdet.

Hintergrund der Vorwürfe ist ein Treffen des Häftlings mit der Anwältin Melinda Taylor vom Internationalen Strafgerichtshof. Taylor war im Juni 2012 mit einer Übersetzerin von Rebellen für vier Wochen in Al-Sintan festgesetzt worden. Später soll der Gaddafi-Sohn auch noch wegen seiner Rolle im Bürgerkrieg vor Gericht.

“Lasse mich von Gott vertreten”

Der Vorsitzende der libyschen Menschenrechtskommission, Mohammed al-Alagi, sagte, der Angeklagte werde von einem Pflichtverteidiger und einer Anwältin, die sich freiwillig gemeldet habe, vertreten. Seif al-Islam soll auf die Frage, welchen Anwalt er mit seiner Verteidigung betrauen wolle, gesagt haben: “Ich lasse mich von Gott vertreten.” Eine Justizreform hat es nach der Revolution nicht gegeben. Gaddafis Sohn war nach seiner Flucht von Rebellen aus Al-Sintan aufgespürt worden.

dpa/20Minuten/Tageblatt.lu