Dass sie mit einem blauen Auge davongekommen ist, wird der Sache nicht gerecht. Theresa May hat das gegen sie gerichtete Misstrauensvotum überstanden. Über diese Metapher allerdings würde die Frau nur müde lächeln. Was in den vergangenen zweieinhalb Jahren seit dem Brexit-Votum über die britische Premierministerin hereingebrochen ist, kommt eher sechs gebrochenen Rippen, einer geplatzten Milz und einem blutigen Gesicht gleich. Kurzum, Theresa May musste für etwas herhalten, was sie nicht verbrochen hat.

Nach einer für westeuropäische Verhältnisse bis dato nicht gesehenen Lügenkampagne entschieden sich am 23. Juni 2016 etwas mehr als die Hälfte der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. „Wir übernehmen wieder die Kontrolle!“, hieß es. Brüssel sei der Teufel, der sie unterdrückt und maßregelt – das war der verbale Treibstoff für die Propagandaschlacht, die dank jahrzehntelanger Politikerlügen und Boulevardhetze genug Wähler vereinnahmen konnte, um diesen irren Schritt zu wagen, der da sagt: Alleine sind wir besser, so globalisiert die Welt auch sei.

Die Europäische Union, in ihrem Stolz verletzt, dass jemand dem Bündnis auch die Treue verwehren könnte, anstatt nur bittstellerisch darauf zu warten, in den exklusiven Klub aufgenommen zu werden, schaltete auf stur – Verhandlungen ja, Kompromisse eher kaum.
Das Ergebnis sehen wir jetzt. Mit aller Macht wurde versucht, einen Schuldigen auszumachen. Einen, der den glorreichen Plan in den Sand gesetzt hat. May, zudem noch als Frau, schien prädestiniert für diese Rolle. Doch May hat das gemacht, was sie angekündigt hat: Sie hat gekämpft – und ist in der nächsten Runde.

Wie es jetzt weitergeht? Keiner weiß es. Sicher sind aber zwei Sachen: Erstens, dass May heute nach Brüssel zum EU-Gipfel reist und dort um weitere Zugeständnisse wird ringen müssen, da sie ihren Deal in London sonst nicht durchkriegen wird. Zweitens, und das steht bereits seit längerem fest, dass mit einem harten Brexit keinem geholfen ist, weder den Briten noch der EU.

Demnach und dabei die Realpolitik bemühend: Es wäre an der Zeit, dass sich Brüssel auch auf London zubewegt. Die Zeit der Dogmatismen scheint vorbei. Um das Schlimmste zu verhindern, ist jetzt Pragmatismus gefragt. Das sollte der EU-Stolz verkraften können.

3 Kommentare

  1. Man wechselt ja nicht das Pferd mitten auf dem Schlachtfeld; also muss May weiter machen, was am Ende dabei rauskommen wird wissen augenblicklich nur die Götter!

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