“Die Bibliothek von Babel”, eine Kurzgeschichte des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, beschreibt eine riesige Bibliothek, in der alle mathematisch möglichen Textkombinationen in Buchform existieren – folglich ist die fiktionale Sammlung ein unendlich großes Textlabyrinth, in dem die Bevölkerung auf der Suche nach Sinnstiftung herumirrt.

Fast könnte man glauben, Borges hätte das Zeitalter der Digitalisierung der Bibliotheken vorausgesagt. Die heutigen Bibliotheken sind, dank zunehmender Digitalisierung aller möglicher Dokumente, eine Goldmine für Forscher. Mit der steigenden Anzahl der aufrufbaren Quellen wird der Forscher allerdings nicht nur möglicherweise von Informationen erschlagen, es wird ihm auch ein Schnelligkeitsdiktat auferlegt – das zwar meist sehr praktisch ist (man hat in kürzester Zeit Zugang zu mehr Informationen).

Da dem Forscher aber für seine Doktorarbeit heute immer weniger Zeit gelassen wird, ermutigt man vielleicht zu sehr zum Diagonallesen und Konkurrenzdenken. 1955 wurde Borges übrigens Direktor der argentinischen Nationalbibliothek, obwohl er bereits vollständig erblindet war – eine weitere prophetische (metaphorische) Konsequenz der grellen Textlabyrinthe, durch die der Forscher heute irren muss?

Auf jeden Fall wird die Beratungsfunktion (und dementsprechende Ausbildung) der Bibliothekare im digitalen Zeitalter immer wichtiger sein.

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