Der „Canto General“ (Der große Gesang) ist ein Oratorium, eine erzählende-dramatische Komposition des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis auf Texte aus dem gleichnamigen Gedichtzyklus des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Es ist eines der erfolgreichsten musikalischen Werke des 20. Jahrhunderts – mit relevanter Botschaft für die Gegenwart.

Von Raymond Becker, Mitglied des Koordinationsteams der „Friddens- a Solidaritéitsplattform Lëtzebuerg“

Das Ensemble Vocal Ambitus hat zu seinem 50-jährigen Jubiläum ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk parat. Gemeinsam mit dem Ensemble Vocal Eurocantica und der Echternacher Musikschule wird am kommenden Samstag und Sonntag das imposante Werk aufgeführt (www.ambitus.lu).

Das umfangreiche Werk des Literaturnobelpreisträgers Neruda beschreibt den Kampf Lateinamerikas gegen den Kolonialismus. Der Zyklus besteht aus 231 Gedichten in 15 Abschnitten, umfasst mehr als 15.000 Zeilen. Das Werk erhebt den Anspruch, die Geschichte des mittel- und südamerikanischen Kontinents in verdichteter poetischer Form zu vermitteln.

In Versen unbeschreiblicher Schönheit und Kraft wird die Erschaffung Lateinamerikas, der Flora und Fauna, das Auftreten des Menschen, die Eroberung durch die Konquistadoren, die Befreiungskämpfe und die Hoffnung auf Unabhängigkeit beschrieben. Indem Theodorakis die Gesänge der Inkas, die Lieder der Anden und die Rhythmen der Tropen mit der Klangwelt der Griechen zu einem intensiven Werk verband, wurde aus dem „Canto General“ das Kraftvollste, was er je komponiert hat.

Kritiker sind sich einig: „Das Oratorium verbindet auf einzigartige Weise künstlerische Gestaltungskraft aus Dichtung und Musik mit einer tief berührenden und inspirierenden Parteinahme gegen Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen, Völker und Natur.“

Wunderschöne Verse als „Waffe“

Der „Canto General“ trägt eine Botschaft in sich, die überall in der Welt verstanden werden kann und den Zuhörer ermutigt, seinerseits Position zu beziehen. Sich einmischen bei jenen Themen, die in Nerudas Werk besonders hervorgehoben werden:
Die Biodiversität: „Alles, was gegen die Natur ist, hat auf die Dauer keinen Bestand“ – Charles Darwin. Vor wenigen Wochen haben erstmals seit 14 Jahren wieder Experten des Weltbiodiversitätsrates eine globale Bestandsaufnahme der Artenvielfalt vorgelegt. Dem Bericht der Vereinten Nationen zufolge sind etwa eine Million von acht Millionen Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Besonders gefährdet sind Amphibien, Korallen und viele Pflanzenarten. Verantwortlich sind Eingriffe des Menschen in die Natur. Seit es Menschen auf der Erde gibt, sind noch nie so viele Tiere und Pflanzen ausgestorben wie gerade jetzt.

Die Freiheit: „Es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis“ – Albert Camus. In einer Rede aus dem Jahr 1945 prägte Camus dieses Zitat. Er wendet sich dagegen, sich blind der Leidenschaft des Hasses hinzugeben. Camus tritt für eine Gesprächskultur ein, die unvoreingenommen verstehen will, sachlich Kritik übt und nicht einfach nur beleidigt.
Das politische Denken erneuern heiße den freien Geist bewahren. Freundschaft sei die Fertigkeit freier Menschen. Und es gebe keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis und Verstehen. Dieser Tage sind wir oft im gesellschaftlichen Diskurs und in der internationalen Politik meilenweit hiervon entfernt.

Die Gerechtigkeit: „Es gibt ein unfehlbares Rezept, eine Sache gerecht unter zwei Menschen aufzuteilen: Einer von ihnen darf die Portionen bestimmen, und der andere hat die Wahl“ – Gustav Stresemann. Der Oxfam-Bericht „Public Good or Private Wealth“ von 2019 zeigt den Zusammenhang zwischen den horrenden Vermögenszuwächsen der Reichsten und der Unterfinanzierung bei öffentlichen Angeboten in den Bereichen Bildung, Gesundheit und sozialer Sicherung. Zudem steht die ungeheure Machtballung multinationaler Konzerne in einem radikalen Widerspruch zu einem demokratischen Staatsverhältnis.

Die Toleranz: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere recht hat“– Kurt Tucholsky. Die Publizistin Carolin Emcke wünscht sich, „dass wir einander wieder besser zuhören, uns bemühen, die Erfahrungen und Perspektiven anderer zu verstehen. Das würde hoffentlich diese ungeheure Aggressivität aus der öffentlichen Diskussion nehmen und diese Selbstbezogenheit, bei der jeder sich selbst der Nächste ist.“

Gesellschaftliche Spaltung 

Für Emcke steht gesellschaftliche Spaltung auf dem Spiel: die Fragmentierung dieser Gesellschaft in lauter einzelne Gruppen und Fraktionen, die sich nicht auf gemeinsame politische Regeln und Normen einigen können.

Der Frieden: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts“ – Willy Brandt. Wir wissen, dass es 2018 weltweit 372 politische Konflikte gab, davon wurden 213 durch begrenzte Kriege, Kriege oder Gewalt ausgetragen. Wir wissen, dass die weltweiten Rüstungsausgaben so hoch sind wie nie. Wir wissen, dass immer verrücktere Modernisierungsprogramme bei den Atomwaffen oder ethisch nicht vertretbare Entwicklungen durch künstliche Intelligenz im militärischen Bereich einen erschaudern lassen.

Die Demokratie: „Eine Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk“– Abraham Lincoln. Statt die Gesellschaft weiter zu spalten, müssen wir auf Versöhnung setzen. So wie der Zukunftsforscher Daniel Dettling dies beschreibt: „Ziel einer Demokratie muss eine bessere Zukunft für alle sein, in der wir das Morgen nicht durch ein ideologisches Programm gewinnen, sondern durch ständiges Experimentieren und Improvisieren, Lernen und Verändern, Navigieren und Korrigieren. Ethos muss der europäische Gründungsmythos sein: die Aufklärung und die Emanzipation.“ So könnten wir der Idee Lincolns, aus seiner historischen „Gettysburg Address“, ein gutes Stück näherkommen.

„Wo die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus“, formulierte Jürgen Habermas. Nehmen wir den „Canto General“ als eine utopische Oase, wo es sich für deren Inhalte und Werte zu kämpfen lohnt und man so einer Wüste aus Banalität und Ratlosigkeit keine Chance gibt.

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