Von Niederlagen und der Lust, Porzellan zu zerschlagen

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Dafür, dagegen, enthalten: Man könnte denken, den Volksvertretern stehen bei der Stimmabgabe alle nötigen Optionen zur Verfügung. Dennoch gab es in den letzten Wochen Ungewöhnliches in der Chamber zu beobachten: Abgeordnete, die bei Abstimmungen gezielt den Plenarsaal verließen.

Am meisten thematisiert wurde die Entscheidung der beiden Sanemer Gemeindeverantwortlichen Simone Asselborn-Bintz und Georges Engel, nicht an der Abstimmung zur Umgehungsstraße von Bascharage teilzunehmen. Als Lokalpolitiker hatten sie sich vehement gegen die jetzt beschlossene Variante gewehrt, die zum Teil über das Gebiet ihrer Gemeinde verläuft. Doch auch bei der Abstimmung über die Anerkennung der Osteopathie glänzten Abgeordnete durch bewusste Abwesenheit. Beide Gesetzesvorlagen wurden dennoch mit überragenden Mehrheiten angenommen.

Vor allem die Entscheidung der beiden Sanemer Politiker stieß auf Unverständnis. Ihr Widerstand gegen das beschlossene Projekt ist wohlbekannt. Ihre Weigerung, sich dem Fraktionszwang zu beugen, also gleichsam allen anderen LSAP-Abgeordneten die Regierungsvorlage letztendlich doch zu unterstützen, war seit langem angekündigt. Wenn ihre Auslegung dieser Ankündigung, nicht mit Nein zu stimmen, sondern einfach den Saal zu verlassen, jetzt als Spitzfindigkeit, als fehlende politische Courage gedeutet wird, können sie sich wirklich nicht beklagen.

Ihr Verhalten liegt zusätzlich so gar nicht im Zeitgeist. Erfolge feiert man derzeit mit starken Meinungen, absoluten Überzeugungen und möglichst radikaler Kompromisslosigkeit. Sei es rechts, sei es links – ja sogar in der Mitte: Eine gute Dosis Populismus, die jeden, der Schwäche zeigt, verurteilt, gehört in diesen Tagen zum erfolgreichen politischen Auftritt, wie ein kurzer Blick über die Landesgrenzen bestätigt.
Und überhaupt, was soll die Scheinheiligkeit? Ist nicht das Mindeste, was man von einem Volksvertreter verlangen kann, dass er zu seinen Überzeugungen steht? Und sich nicht am Ende dennoch aus seiner Verantwortung windet?

All das stimmt. Und dennoch: Was man dieser Tage in der Chamber beobachten konnte, war auch etwas anderes, nämlich eine Demonstration der hohen Kunst des Verlierens. Die betroffenen Abgeordneten haben für ihre Sache gekämpft, sich im Endeffekt aber den Spielregeln gebeugt und ihr Scheitern anerkannt.

Natürlich hatten sie die Option, sei es auch nur symbolisch, mit der allfälligen Dramaturgie noch lautstark etwas Porzellan zu zerschlagen. Sie haben darauf verzichtet. Dies gibt auf den Moment ohne Zweifel ein Bild der Schwäche ab. Doch es erlaubt ihnen, auf lange Sicht, den nächsten Kampf aufzunehmen.

Politische Verlässlichkeit und die Fähigkeit zu Kompromissen sind nicht gemacht, um Helden zu küren. Für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft jedoch sind sie unerlässlich.

In diesem Sinne ist den Abgeordneten, die die Scham des Verlierens ganz öffentlich und dennoch ohne Revanchefoul auf sich genommen haben, fast schon etwas Dank geschuldet.

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