Sie sind Sklaven. Ihr Leben befindet sich im Besitz ihrer Arbeitgeber. Und das im EU-Europa des 21. Jahrhunderts. Die Rede geht von den Lkw-Fahrern osteuropäischer Speditionen, die sich für einen Hungerlohn nach Strich und Faden ausbeuten lassen müssen, wenn sie nicht verrecken wollen.

In der Nacht auf Dienstag nun haben die europäischen Verkehrsminister einige längst überfällige Maßnahmen getroffen, um das triste Los dieser Heloten zu verbessern: In Zukunft dürfen die Sklaventreiber sie nicht mehr dazu zwingen, ihre wöchentliche 45-Stunden-Pause in ihrem Laster zu verbringen.

Zudem soll künftig das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort“ gelten. Das Europaparlament muss den Neuerungen allerdings noch zustimmen.
Jeder kennt diesen Anblick: Fahrer, die im Schatten ihrer Fahrzeuge auf Autobahnrastplätzen und Autohöfen aus der Heimat mitgebrachten Dosenfraß auf kleinen Gaskochern aufwärmen, weil sie sich die West-Preise nicht leisten können. Sie sind quasi angekettet an ihre Fuhren, fernab jeglichen häuslichen Komforts, wobei als Einzige andere „aarm Däiwelen“ aus der gleichen Branche ihnen Gesellschaft leisten. Sowie Banditen, die es auf ihre Ladung abgesehen haben.

Hinzu kommt, dass diese Praktiken eine unlautere Konkurrenz gegenüber westeuropäischen Frächtern darstellen, die deutlich strenger auf Einhaltung der geltenden arbeitsrechtlichen Vorschriften überprüft werden.

Fahrer, die ihre Wochenpause an ihrem Arbeitsplatz verbringen müssen, stellen zudem eine Gefahr für die Allgemeinheit dar, denn sie haben niemals die Gelegenheit, sich richtig von den Strapazen ihres manchmal wohl eintönigen, aber doch sehr oft ausgesprochen stressigen Jobs zu erholen. Das Resultat sind dann etwa Fernlaster, die mehr oder weniger ungebremst hinten in ein Stauende reinbrettern, weil selbst (illegale) Aufputschmittel den Fahrer nicht mehr reaktionsfähig halten konnten.

Die Entscheidung des EU-Rates wird aber keinen Pfifferling wert sein, wenn ihre Einhaltung nicht systematisch überprüft wird.

Es ist schon erschreckend, festzustellen, dass bei Kontrollen von Polizei und „Douane“ mit schönster Regelmäßigkeit eine deutliche Mehrheit der überprüften Fuhren erhebliche Mängel aufzuweisen hat: Überlast, schlecht gesicherte Ladungen, verschlissene Bremsen und Reifen sowie manipulierte Fahrtenschreiber sind da offenbar so normal wie der tägliche Sonnenaufgang.

Ohne Straßentransport würden die Volkswirtschaften der EU-Staaten in kürzester Zeit zusammenbrechen. Ohne Lkws können Just-in-time-Fabriken nicht produzieren und die Regale der Supermärkte bleiben leer.

Dies heißt aber nicht, dass wir die entsetzlichen Zustände in Teilen dieser Branche fatalistisch hinnehmen dürfen. Die Beschlüsse der Verkehrsminister sind daher zweifellos zu begrüßen.

Doch allein per Dekret lässt sich die Sklaverei nicht abschaffen. Die Staatsgewalt muss die neuen Vorschriften nun auch vor Ort durchsetzen.

6 Kommentare

  1. Das war (ist) wohl die Hauptidee der Osterweiterung gewesen. Billige Löhne,sprich Sklavenarbeit. Wenn die Westländer den maroden Fuhrpark des Ostens nicht konsequent aus dem Verkehr gezogen hätten,würden wir heute noch diese alten Drecksschleudern bei uns sehen.Und wie ist das mit den afrikanischen Orangenpflückern in Spanien? A propos Sklavenarbeit. Hatte nicht eine luxemburger Eu-Komissarin einmal unangemeldetes Personal daheim als Putzhilfe? Oder verwechsele ich da etwas?

  2. Es ist erbärmlich, dass die EU zulässt diese Fernfahrer wie Dreck zu behandeln. Auf ihrem Buckel machen skrupellose Geschäftemacher einen schnellen Euro, vorzugsweise auch noch unversteuert.

    Diese Männer und Frauen tragen eine sehr hohe Verantwortung für das Leben vieler Verkehrsteilnehmer wenn sie ihre Riesenlaster steuern.. Sie sollten dieselben Rechte geniessen wie Piloten, Zugführer, Busfahrer und ähnliche Berufe was die Arbeitsdauer, Mindestlohn usw anbelangt.

  3. Langfristig führt kein Weg daran vorbei, dass die Sozialstandards in den ost- und südeuropäischen Ländern an die unsrigen angepasst werden. Die Politik muss sich darum bemühen, denn der Markt wird es nicht von alleine regeln.
    Das bedeutet nicht, dass der Mindestlohn überall der gleiche sein muss. Aber die Unterschiede müssen deutlich geringer sein, als heute.

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